Diese Woche konsumiert: ORF III

Der ORF hat einen neuen Kultur- und Informationssender: ORF III (http://kundendienst.orf.at/programm/angebote/orfdrei.html ). Dieser Sender wurde bereits Anfang März für den 1. Mai angekündigt.
Tatsächlicher Start war am Nationalfeiertag. Wrabetz sieht das als „historischen Moment“. Nach der intensiven Vorbereitung und monatelangen Verzögerung darf man gespannt sein.

Ein Kultursender wie Arte mit vielen unverwechselbaren Eigenproduktionen und zugekauften Sendungen, die auf keinem anderen Sender ausgestrahlt werden, ist für Interessierte eine Bereicherung. Wenn der ORF so etwas auch macht, umso besser.

Aber macht das der ORF tatsächlich? Schon die erste Sendung bringt den ersten Kritikpunkt, der im Standard ( http://derstandard.at/1319181304048/Start-von-ORF-III–3-2-1—Aufbruchsstimmung ) formuliert wurde:

„Aber wie anfangen? Was platziert man an der exponierten Stelle eines Sendebeginns? Wie markiert man das historische Ereignis? Genau: ein gestelltes Interview mit Senderchef Alexander Wrabetz, der am Regieplatz stolz von der nun aufkommenden Vielfalt kündet. Danach ist es so weit: Wrabetz und Beisteherinnen zählen den Countdown. 3, 2, 1, und es kommt, tataaa, Alexander Wrabetz. Immerhin singt er nicht die Bundeshymne.“

Es beginnt mit der Selbstbeweihräucherung. Das ist ja nicht schlimm, kann man sagen. Wenn sich viele Menschen redlich bemüht haben, einen interessanten Sender zu schaffen, dann kann man das auch eine halbe Stunde lang zeigen. Kein Problem. Aber ist wirklich der große Wurf gelungen?

Programm

Werfen wir einen kurzen Blick auf das weitere Programm des ersten Sendetages:

  • Zeit.Geschichte: Highlights der Österreichischen Fernsehgeschichte Teile 1 und 2 (ausgestrahlt bereits 2005 im ORF).
  • Stephane Hessel Im Gespräch mit Michale Kerbler (Ausgestrahlt am 20.11. auf Ö1)
  • 22 Mal Mozart – Alle Opern auf ORF III (Making of dieses Produktionszyklus – Selbstbeweihräucherung)
  • Protrait Thomas Hampson (von 1999)
  • Oper Don Giovanni von 2006
  • Erlebnis Bühne: Making of Don Giovanni (bereits 2006 ausgestrahlt)
  • Danach 13 Mal (sic) Bundesland Heute, um die Nacht zu überbrücken.

2. Tag: von 7.00 bis 10 h Wetter, bis 18h Wiederholungen der Sendungen vom Vortag. Danach sicher schöne und interessante Reisedokus, die aber bereits vor Monaten oder Jahren im ORF ausgestrahlt wurden.

Im Hauptabendprogramm: Diskussion mit Raimund Löw (neu), Doku Gastronaut (2008 auf 3sat ausgestrahlt), Doku über Frauen in Indien und Talkshow über Frauenrechte (neu). Danach Bundesland heute (ganze Nacht) und Wiederholungen der Sendungen vom Vortag bis 16.30.

Konzept

Thementage:

  • Mo: Doku
  • Di: Kunst und Kultur
  • Mi: Religion und Wissenschaft (sic)
  • Do: Europa
  • Fr: Österreich
  • Sa: Zeitgeschichte
  • So: Oper, Theater, Konzert

Thementage einzuführen, ist an und für sich kein schlechtes Konzept. Es kommt aber auf die Ausführung an.

Die Themenkombination vom Mittwoch halte ich für – vorsichtig ausgedrückt – äußerst bedenklich. Nicht nur sollten Religion
und Staat getrennt werden, Religion mit Wissenschaft in einen Topf zu werfen, ist absurd und spielt nur den Proponenten von Intelligent Design in die Hände. In der Ankündigung scheint der Schwerpunkt dieser Rubrik neben der Religionssendung Kreuz und Quer (2h im Programm) auf der Medizin zu liegen (30 min, Radiodoktor?).

Einige andere Formate werden von Ö1 übernommen: Im Klartext, Im Zeit-Raum, Apropos Musik.

Unter dem Deckmäntelchen „Fernsehen wie damals“ wird das Archiv ausgeschlachtet z. B. mit alten Club 2 Sendungen und Hermes Phettberg.

Die Thementage gelten nur für das Hauptabendprogramm. Der Vorabend ist österreichischer Landschaft und Brauchtum vorbehalten.

Personal

Neben verdienten und fähigen Mitarbeitern wie Raimund Löw gibt es einige merkwürdige Personalentscheidungen.

Heinz Sichrovsky, Theaterkritiker bei der Krone (nicht unbedingt bekannt für den kulturellen Anspruch), dann Kulturchef bei News (nicht unbedingt bekannt für den kulturellen Anspruch), moderiert eine „bewusst breitgefächerte“ Büchersendung und wird in der Ankündigung zum „Kulturdoyen“.

Karl Hohenlohe klopft sich den Staub des letzten Opernballs vom Jackett und moderiert eine Museumssendung und ein österreichisches Kunst oder Krempel.

Johannes Kaup ist katholischer Theologe und Psychologe und wird wohl maßgebliche Bedeutung für die Rubrik Religion und Wissenschaft haben.

Kulturbegriff

Auf den ersten Blick wirkt der Kulturbegriff des Senders antiquiert und hausbacken. Er entspricht den Richtlinien der Kulturförderung, die sich eingebürgert zu haben scheinen: Trachten, volkstümliche Musik, Mainstream-Opern. Es fehlt der Mut zur Innovation, zur Präsentation neuer Kultur, zur Darstellung gesellschaftlicher Themen, derer ein moderner Bildungssender sich annehmen sollte.

Mozartopern gehören zur Hochkultur, aber genauso sollte man moderne österreichische Musik, von Ernst Molden bis Ginga, vorstellen.

Die Josefstadt hat sicher auch gute Theaterproduktionen gemacht, man könnte sich aber die Mühe machen, auch unkonventionellere Theater zu repräsentieren.

Wenn man Thementage einführt, warum macht man sich nicht die Mühe, Themen wie in der Ö1-Sendung Diagonal ganzheitlich aufzubereiten (anstatt 2 einstündige Dokus zu senden)?

Es gibt tolle Dokumentationen über österreichische Landschaft, Brauchtum und Kulinarik, aber sollte ein Kultursender nicht auch über den Tellerrand des biederen, und anbiedernden Kulturbegriffs schauen?

Fazit

Ein österreichischer Kultur- und Informationssender wäre wünschenswert. Einige Formate dieses Senders klingen gut. Es ist zu hoffen, dass die Diskussionssendungen mit interessanten Gästenbesetzt werden, die Meinungsvielfalt repräsentieren, und nicht der üblichen Mottenkiste aus sonderbarem Politproporz und Dancing-Star- Halbwelt entsteigen.

Es bleibt auch die Frage, ob die Kombination aus Best-of-Archiv und Verfilmung von Ö1 (ohne Diagonal) für echte Qualität
ausreichend ist. Auch hier scheint man sich nach österreichischer Manier mehr Gedanken über das Logo als über den Inhalt gemacht zu haben.

Zu guter Letzt, wenn man das Vormittags- und Nachtprogramm anschaut, würde man dem Sender anstatt des 24h Programms den Mut zum Testbild außerhalb der Kernzeiten anraten. Oder noch besser: wenn man schon mindestens 16 ungenutzte Stunden Sendezeit am Tag hat, könnte man österreichischen Künstlern eine Plattform bieten. Weniger bekannte österreichische Filmemacher zeigen ihre Filme, österreichische Musiker filmen ihre Konzerte und präsentieren sich auf diesem Weg. Damit würde der Kulturauftrag erfüllt werden. Und ich hätte einen Anreiz, das Aufnahmegerät auf Bereitschaft zu stellen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Diese Woche konsumiert: ORF III

  1. alicedelrosario schreibt:

    Bei allen berechtigten Einwänden, schlechter, als es ist, kann es kaum werden. Insofern lebt ja die Hoffnung.

  2. johannamiller47 schreibt:

    Ich vermute, dass die nächtlichen Bundesland-Heute-Orgien eine Kooperation mit der Fremdenpolizei sind. Da werden Schubhäftlinge die ganze Nacht vor ORF III gesetzt, in der Hoffnung, dass sie dann in der Früh, nachdem sie eindrücklich über die Realität hier belehrt wurden, freiwillig wieder ausreisen.

    • rrfernandez1 schreibt:

      Das wäre ein weiterer Bweis dafür, dass die Menschenrechte mit Füssen getreten werden. Ich kenne Juristen, die der Ansicht sind, dass die Verpflichtung, eine einzige Sendung von Niederösterreich Heute anzuschauen, gegen das Folterverbot verstoßen würde.

  3. Balisto schreibt:

    Ich schätze, mit dem bisher angekündigten Programm liegt die Latte so tief, dass es gelingen kann, die niedrigen Erwartungen zu übertreffen. Ich hoffe zumindest, das ist die Taktik der Verantwortlichen.

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