Diese Woche konsumiert: Bundeskanzler und Social Media

Unser Herr Bundeskanzler Werner Faymann hat den großen Schritt in die Moderne gewagt. Er ist im Netz. Twitter (nicht persönlich, aber als TeamKanzler) und Facebook http://www.facebook.com/bundeskanzlerfaymann?sk=app_298978750119717&app_data=dlt#!/bundeskanzlerfaymann?sk=wall.

Der Internetauftritt wurde monatelang geplant. Neun Menschen betreuen die Social-Media Aktivitäten des Kanzlers.

 

Das Einführungsvideo

Als österreichischer Bundeskanzler möchte ich die Gelegenheit nutzen, regelmäßig über Neues, Wichtiges für unser Land zu informieren. Aber natürlich soll’s auch die umgekehrte Möglichkeit geben, nämlich die eigene Meinung zu sagen, Vorschläge zu machen, Ideen zu äußern, Unzufriedenheit zu signalisieren.

Es ist mir deshalb wichtig, dass viele Menschen eingebunden sind in die Diskussion in die Zukunft Österreichs, weil sie betrifft uns gemeinsam.

Und wenn heute Nationalfeiertag ist, ist es eine gute Gelegenheit zu sagen, die Stärken Österreichs haben nie darin bestanden, möglichst gegeneinander zu hetzen, sondern miteinander dieses Land zu entwickeln, egal ob nach dem Zweiten Weltkrieg, ob durch die Sozialpartnerschaft, oder vor wenigen Monaten durch den ersten Teil der Wirtschaftskrise. Und diese Gemeinsamkeit zu stärken, verlangt auch zu informieren, zuhören, informiert zu werden, Vorschläge ernst zu nehmen. Das ist mir wichtig und daher bitte ich Sie auch darum, wenn Sie Gelegenheit haben, einfach davon Gebrauch zu machen.“

http://www.youtube.com/watch?v=uNkEB8VHV2s&feature=player_embedded

Hat der Kanzler sich das spontan ausgedacht? Hat er ein Team von Redenschreibern beauftragt und die Rede so gestalten lassen, um dem Volk näher zu sein? Sollen sich die vielen funktionalen Analphabeten (die es laut Pisastudie in Österreich gibt) gut fühlen, weil der Bundeskanzler auch kein Gefühl für Sprache hat? Oder kann der Kanzler vom Teleprompter nicht gut ablesen?

Wieso will der Bundeskanzler informieren und umgekehrt die eigene Meinung sagen? Warum entwickeln wir unser Land durch die Wirtschaftskrise? Warum war deren erster Teil vor wenigen Monaten? Wovon sollen wir Gebrauch machen? Vom „Vorschläge ernst nehmen“?

Selbst wenn man so schön deutlich spricht wie der Urania-Kasperl, muss man sich trotzdem klar ausdrücken.

Harald Zet kommentiert die Sprache auf der Facebookseite sehr treffend:

mir gefällt am fb-auftritt des kanzlers, dass er sich hier ganz locker und natürlich gibt, so wie er halt draussen spricht mit den vielen einfachen menschen des landes. in kurzen prägnanten sätzen.“

„nicht so ein unverständliches beamtendeutsch wie andere politiker, die völlig abgehoben agieren“

 

Umfrage

Es gibt auch eine Umfrage auf der Facebookseite. Möglicherweise könnte dieses Modell zukünftige Volksbefragungen ersetzen. Besonders weil die Fragestellung die freie Entscheidung fördert: „Bundeskanzler Werner Faymann will mehr soziale Gerechtigkeit und tritt daher vehement für die Einführung einer Finanztransaktionssteuer (FTS) ein. Wie stehen Sie zur FTS? (t.b.)“

Der Kanzler und sein Team sind schon clevere Meinungsmacher. Wenn da nicht auch die Expertise von Herrn Filzmaier dahintersteckt.

Damit kommen wir zur Kostenfrage. Der Netzauftritt des Kanzlers soll 180.000 € kosten. Das ist laut Doris Knecht ein Gerücht, das nicht widerlegt wurde. Wofür braucht man so viel Geld?

Eine Facebookseite ist gratis. Einen Kanzler vor seinen Tisch zu stellen und seine nicht einmal eineinhalbminütige Rede abzufilmen kann wohl nicht so teuer sein. Bleiben die Kosten für das Design der Startseite (hätten aber Grasser-Ausmaße) oder die Kosten für Berater und Redenschreiber (entweder genial bürgernah oder hinausgeschmissenes Geld).

 

Kein persönlicher Twitterauftritt

Leider hat Werner Faymann auf einen persönlichen Twitterauftritt verzichtet. Zum Glück haben sich bisher unbekannte Satiriker als WernerFailmann dieser Lücke, die unser Herr Bundeskanzler klaffen lässt, angenommen. Und das ganz subtil in Sprache und Inhalt dem Bundeskanzler angepasst, frei nach dem Vorbild Ferdinands des Gütigen („Ich bin der Kaiser, ich will Knödel“ oder das Gespräch mit Metternich: „Was mach’n denn all die viel’n Leut‘ da? Die san so laut!“ Dieser antwortet: „Die machen eine Revolution, Majestät.“ Ferdinand drauf erstaunt und konsterniert: „Ja, dürfen’s denn des?“).

Tiefe Einsichten werden preisgegeben: „Wenn nicht einmal ich kapiere worum es beim Euro geht, was soll dann eine Volksabstimmung bringen?“

Geheime Verhandlungen transparent gemacht: „Gerade wieder Papandreou angerufen. „Super, dass Du auf mich gehört hast!“ Er: „Repeat in english please!“. Hab ich wieder aufgelegt.“

Das Innenleben des Kanzlers offenbart: „Ich wünsche mir zu Weihnachten Socken wo links und rechts draufsteht. Das kostet mich jeden Tag 5 Minuten meiner Lebenszeit.“

Kritik am Status Quo geäußert: „Bildung ist wichtig. Darum hat Hannes A. ja tausende Jobs bei AT&S in Österreich abgebaut, weil wir so ungebildet sind. Sind jetzt in China.

Und seine Weltgewandtheit gezeigt: „Hab dem Chinesen meine chinesischen Lieblingsspeisen gesagt. Der kennt die nicht einmal: S04, T13, E26 mit Knoblauchsauce.“

Das ist billiger und beinahe gleich authentisch wie der echte Facebook-Auftritt des Bundeskanzlers: („hat soeben mit dem griechischen Premierminister Papandreou telefoniert und seine Verwunderung über das angekündigte Referendum zum Ausdruck gebracht. Papandreou zeigt sich in diesem Gespräch zuversichtlich, dass die griechische Bevölkerung dem Referendum zustimmen wird. (t.b.)”)

Und beide haben in etwa gleich viele Follower/Freunde.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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6 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Bundeskanzler und Social Media

  1. johannamiller47 schreibt:

    Krawuzikapuzi!

  2. ... schreibt:

    genau: kasperlhaft !

  3. miriambrenner schreibt:

    Die Rede: ….. die Zukunft betrifft uns gemeinsam…..
    Ist das der größte Vollkoffer, der uns je reagiert hat?

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