Abstrakte Kunst

Früher stellte ich mir vor, abstrakte Kunst sei viel einfacher zu schaffen als darstellende, weil man nicht auf die Abbildung von Gegenständen angewiesen ist. Wie oft hört man Leute in Museen oder vor anderweitig ausgestellten abstrakten Kunstwerken sagen: „Das hätte mein Dreijähriger auch zustande gebracht.“

Ich gebe zu, bei manchen Bildern ist mir das auch in den Sinn gekommen. Erst als ich selbst wieder angefangen habe zu malen, habe ich begriffen, wie unglaublich schwierig es ist, abstrakt zu malen. Ich habe auch gemerkt, dass ich die meisten abstrakten Kunstwerke nicht verstehe.

Abstrahieren ist das Entfernen des Unwichtigen, die Reduktion auf das Wesentliche, die Verschiebung von der Anschauungsebene auf die Gefühlsebene.

Bei Gedichten und Songtexten kann ich die unglaubliche Leistung nachvollziehen, die erforderlich ist, um beispielsweise eine Lebensgeschichte auf einige wenige Strophen zu reduzieren und dennoch alles Wesentliche zu sagen (wie zum Beispiel Townes van Zandt in Tecumseh Valley oder Poncho and Lefty).

Der Sprachklang eines Gedichts oder die Melodie eines Songs schafft eine Gefühlswelt, die tiefer ist als der Text für sich bieten könnte. Bei Bildern funktioniert das ähnlich. Sie erzeugen Emotionen, die durch die Farbgebung alleine nicht zustande kommen.

In beiden Fällen ist die Abstraktion, wenn die eigene Gefühlsebene nicht erreicht wird, schwer verständlich. Deshalb wird abstrakte Kunst oft als Geschmier empfunden. Popsongs werden von vielen „Kulturmenschen“ schon gar nicht in den Kunstkanon aufgenommen, sondern als seichte Berieselung abgetan. Der klassische Bildungsbürger wähnt sich intellektuell zu hochstehend, um sich mit Popkultur zu beschäftigen. Natürlich gibt es auch dumme Popsongs und dekoratives Gepinsele.

Abstraktion in der bildenden Kunst ist eine Entwicklung des Denkens ebenso wie des Malens. Das bedeutet nicht, dass ein Maler darstellend abgebildet haben muss, bevor er abstrahieren kann. Er muss sich aber im Klaren darüber sein, was er abstrahieren will. Bei Picasso ist die Entwicklung von der abbildenden Darstellung zur Abstraktion leicht zu verfolgen. Miro und Klee lassen erahnen, was sie verdichtet und was sie weggelassen haben.

Mark Rothko konzentriert sich auf “expressing basic human emotions — tragedy, ecstasy, doom, and so on. … And if you, as you say, are moved only by their color relationship, then you miss the point.” Es geht nicht um Farbenlehre, sondern um erarbeitete und tief empfundene Denkkonzepte. Durch die Visualisierung von Befindlichkeiten sollen Gefühlswelten der Betrachter angesprochen werden.

Das Schaffen von abstrakter Kunst ist oft ein hochphilosophischer Prozess. Das bedeutet natürlich nicht, dass jeder Betrachter diesen nachvollziehen kann. Es bedeutet nicht einmal, dass der Betrachter ihn unbedingt nachvollziehen muss, um das Kunstwerk zu verstehen.

Vielmehr soll das Kunstwerk im Idealfall durch die Betrachtung eigene Denkprozesse und Emotionen im Betrachter auslösen. Songs lösen das immer wieder in mir aus. Sunny Sunday von Joni Mitchell hat mich meine Hausfrauenrolle überdenken lassen. Thrasher von Neil Young hat mir meine Entscheidung, von der Universität wegzugehen, erleichtert. Es Lem von Ernst Molden hilft mir, mich daran zu erinnern, wie wichtig es ist abseits der gesellschaftlichen Zwänge zu versuchen, etwas aus seinem Leben zu machen.

Die abstrakte Malerei erschließt sich mir wesentlich schwerer. Ich hatte noch keine lebensverändernden Erlebnisse durch Gemälde oder Skulpturen. Aber manchmal schaue ich mir ein Bild an und dann sehe ich viel mehr als nur die Farbe auf dem Papier. Dann habe ich das Gefühl, ich hätte ein kleines bisschen verstanden.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Kunst, Kultur, etc. abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Abstrakte Kunst

  1. Elke Lahartinger schreibt:

    Hmh. Darüber muß ich nachdenken. Prima facie neige ich dazu, davon auszugehen, dass der Kaiser, wenn er keine Kleider anhat, auch tatsächlich nackt ist. Und ist es nicht ein Fehler des Künstlers, wenn er iSd Argumentation so verdichtet, dass kaum mehr jemand erkennen kann, was verdichtet wurde?

    • Karin Koller schreibt:

      Ich empfand moderne Musik als fürchterliches Gedudel und habe es als solches abgetan. Bei einem Bartok-Konzert habe ich erstmals begriffen, dass es da etwas zu verstehen gibt (obwohl ich es nicht verstanden habe). Genauso geht es mir, wenn ich die Bilder von Mark Rothko ansehe. Ich kann nachvollziehen, dass da sehr viel dahintersteckt, aber ich begreife nicht genau was. Wenn ich versuche, farbige Kästchen zu malen, schaut das nach gar nichts aus. Ich denke, es ist zu einfach, zu sagen der Kaiser ist immer nackt (obwohl er oft genug nackt ist, das ist auch bei Popsongs so).

  2. Balisto schreibt:

    Ich bin mir nicht so sicher, ob hinter den meisten abstrakten Werken nicht viel weniger steckt als du unterstellst. Welche grundlegende Emotion vermittelt dein Illustrationsbild?
    Tut mir leid, ich sehe das nicht.

    • Karin Koller schreibt:

      Das Bild ist ein Foto von einem Rothko-Bild. Ich kann nicht gut in Worte kleiden, was es in mir auslöst. Wenn ich es ansehe, spüre ich etwas, ich weiß auch nicht genau was. Das gab mir zu denken, dass es an abstrakter Malerei durchaus etwas zu verstehen gibt, auch wenn ich das noch nicht kann.

  3. anniefee schreibt:

    Ich bin geneigt zu denken, dass zwar die Malerin, der Künstler.. eigene Emotionen prima in ein abstraktes Gemälde verarbeiten kann, aber der Betrachter eher weniger davon hat, weil er oder sie eben nicht den Malprozess mitgemacht hat.
    Es ist oftmals Kunst, die nur durch üppige Vorbildung funktioniert, etwa durch angelesene Zusammenhänge. Oder, wenn die Form- und Farbgebung gut ist, eignet sich abstrakte Kunst als Wanddeko für Räume, in denen konkrete Abbildungen von den stattfindenden Diskussionen ablenken würden.
    In dieser Kunstrichtung wird eigentlich mehr die Idee als die Ausführung honoriert, kann das sein ?

  4. Balisto schreibt:

    Ich würde nicht mal sagen, die Idee, weil die ja regelmäßig für den Beobachter gar nicht erkennbar ist. Wahrscheinlich wird doch in erster Linie das Dekorative belohnt (weshalb ja sehr viele abstrakte Gemälde sehr großflächig sind und daher beliebte Dekoobjekte in großen Räumen sind). Ich vermute zynisch, das die hohen Preise, die damit erzielt werden, darauf beruhen, dass die Großflächigkeit jene Bauherren anspricht, die viel Kohle haben (Banken, Versicherungen etc.) und denen Kunst eigentlich – außer als Deko und als Abschreibeposten – egal ist. Deshalb sind die Bankzentralen der Welt voll mit solchen Werken.

  5. Alexa schreibt:

    Ich kann das, was du beschreibst, Karin, gut nachvollziehen. Manchmal ist „more to the picture than meets the eye“. Und ich hatte ähnliche Erlebnisse mit atonaler Musik, die ich erst als Filmmusik verstanden habe, weil mir im Zusammenhang mit dem Film ihre atmosphärische Wirkung klar wurde.

    Wobei das, was balisto anspricht, auch einen wahren Kern hat. Ein bisschen bekommt man schon das Gefühl, abstrakte Kunst wäre gerade unter Protzern und Ignoranten sehr beliebt, ohne dass man ihnen von vornherein tiefes Kunstintersse unterstellen würde.

  6. Stefan Weber schreibt:

    Abstrakte Kunst gefällt, wem abstrakte Kunst gefällt. Der Rest ist Schweigen. Wenn es Rothko um „Denkkonzepte“ geht, jenseits von Farbe und Form, dann hab ich eher den Eindruck, die Bilder sollen durch beigefügte Erklärungen aufgewertet werden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es schwer, aber erlernbar ist, figürlich zu malen. Aber ein abstraktes Bild zu malen, das den eigenen Ansprüchen genügt, ist noch schwerer. Und wahrscheinlich nicht erlernbar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s