Der Mann, der niemals lacht, kann doch lächeln

Ein Gastbeitrag von Elke Lahartinger

Mario Balotelli wurde einer breiten Öffentlichkeit nicht durch sein große Begabung für das Fußballspielen bekannt, sondern als tragikomische Karikatur eines verwöhnten, dummen, neureichen Jungstars (http://www.youtube.com/watch?v=lYU-SeVofHs), bei dem auf und neben dem Fußballplatz jederzeit mit idiotischen Aktionen gerechnet werden muss. Vom Abfeuern eines Feuerwerkskörpers aus dem eigenen Badezimmer, der das Haus in Brand setzte, bis zum misslungenen Versuch, ein Tor mittels eines Hackentricks zu erzielen, was zu seiner sofortigen Auswechslung wegen „Respektlosigkeit gegenüber dem Gegner“ führte. http://www.youtube.com/watch?v=8GnfO2GC7HI

Gleichzeitig fiel er dadurch auf, dass er die Tore, die er in letzter Zeit für seinen Verein und die Nationalmannschaft geschossen hat, niemals mit den für Fußballern üblichen Jubelgesten feierte. Er lächelte nicht einmal, wenn er ein entscheidendes Tor geschossen hat. Das öffentliche Bild Balotellis war jenes eines arroganten Irren, der sich nicht einmal freuen kann.

Seit kurzem beginnt sich dies zu ändern, und das liegt nicht nur daran, dass Balotelli in den letzten Monaten in unerwarteter Konstanz starke Leistungen auf dem Fußballplatz abliefert http://www.youtube.com/watch?v=EtLRUN0vpY4 http://www.youtube.com/watch?v=CcWe2fUoqfo .

Auch sein Verhalten außerhalb des Fußballstadions legte für manche den Schluss nahe, er könnte doch mehr als ein dummer Halbstarker mit Fußballtalent sein.

Zeitungen begannen, nicht nur über sein Falschparken, seine Casinobesuche und seine absurden Einkäufe, sondern auch über seine unangemeldeten Besuche in Gefängnissen und seine Spenden an Obdachlose zu berichten. Auch darüber, dass er als Einwandererkind mit sehr dunkler Hautfarbe in einem Land, in dem Rassismus weit verbreitet ist, unablässig rassistischen Beschimpfungen ausgesetzt gewesen ist (am grauenhaftesten im April 2009 bei einem Gastspiel bei Juventus, als die Heimfans unablässig schrien „es gibt keine schwarzen Italiener“). Und darüber, dass er von den Autoritäten (U21-Nationaltrainer Casiraghi, der frühere Nationaltrainer Lippi), deren Aufgabe gewesen wäre, ihn zu schützen, vorgehalten bekam, dass nicht Rassismus, sondern seine irritierende Persönlichkeit und sein provozierendes Verhalten Ursache für diese Beschimpfungen seien.

Vor einigen Tagen wurde nun die italienische Fußballnationalmannschaft vom 85-jährigen italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano im Rahmen der Feiern zum 150 Jahrestag der Gründung Italiens im Quirinalspalast empfangen, um an einer symbolhaften Einbürgerungszeremonie teilzunehmen.

Zu Beginn dieser Zeremonie hielt der Staatspräsident eine berührende Ansprache, in der er in schlichten Worten auf die Bedeutung der Integration, den Wert der Immigranten für die Gesellschaft und die Diskriminierungen, denen viele Migrantenkinder ausgesetzt sind, hinwies. Er forderte die politischen Parteien auf, die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass jedes in Italien geborene Kind – ohne irgendwelche bürokratischen Bedingungen – die italienische Staatsbürgerschaft erlangen kann. In seiner Rede sprach der Staatspräsident alle Migrantenkinder direkt an und bezeichnete sie als „integralen Bestandteil Italiens“ und „Quelle der Hoffnung für die Zukunft.“

Kurz darauf wurden die italienischen Nationalspieler von Nationaltrainer Prandelli dem Staatspräsidenten einzeln vorgestellt. Als Mario Balotelli, der in Palermo geborene und in Brescia aufgewachsene Sohn ghanaischer Einwanderer, an der Reihe war, erhob er sich verlegen wie ein Schüler, der eine Auszeichnung vom Schuldirektor erhält, und ging unsicher auf den Staatspräsidenten zu. Und dann kamen ihm Tränen. Er fasste sich schnell wieder, ja es gelang ihm sogar, zu lächeln. Dann schüttelte er dem Staatspräsidenten die Hand und sagte, in dickem norditalienischem Akzent, „Grassie“

Im Nachhinein von Journalisten über den Grund seiner Emotionen befragt, sagte Balotelli, die Rede des Staatspräsidenten habe ihn so berührt, weil sie seine eigenen Erfahrungen und Hoffnungen beschrieben habe. („Le parole del Presidente della Repubblica sui nuovi italiani mi hanno davvero toccato. E‘ la mia storia.”)

Mario Balotelli schien sich, als ihm der Staatspräsident die Hand gab, vielleicht zum ersten Mal in Italien als Italiener akzeptiert zu fühlen. Und brachte dies durch seine Tränen und sein Lächeln zum Ausdruck.

Es ist zu hoffen, dass sich Politiker in anderen europäischen Ländern am altersweisen Giorgio Napolitano ein Vorbild nehmen. Dann kann es uns gelingen, alle Migrantenkinder Europas zum Lachen bringen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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12 Antworten zu Der Mann, der niemals lacht, kann doch lächeln

  1. NicoleLee schreibt:

    Napolitano ist momentan auch eine der wenigen Lichtgestalten auf der europäischen politischen Bühne:
    http://www.sueddeutsche.de/politik/praesident-napolitano-macht-der-moral-1.1186223

    • Elke Lahartinger schreibt:

      Ja, die Italiener haben mit ihren Staatspräsidenten (Einaudi, Saragat, Pertini, Napolitano) soviel Glück, wie sie mit ihren Ministerpräsidenten (Andreotti, Craxi, Berlusconi) Pech hat. Wenn die Personalauswahl was mit Glück und Pech zu tun hätte.

      • alicedelrosario schreibt:

        Napolitano ist wirklich einer der wenigen Lichtblicke im Dunkel der römischen Politik. Und jemand, der es auch schafft, mit einfachen sprachlichen Mitteln mit seiner Rhetorik etwas zu bewirken, ganz ohne die sonst üblichen langatmigen blumigen Floskeln.
        Und Balotelli ist, nach Rossis und Cassanos Ausfall, unsere einzige Sturmhoffnung für die Euro 12, außer Prandelli läßt sich doch noch überzeugen, auf Toto Di Natale zurückzugreifen

  2. Auch zum Thema: der erste dunkelhäutige Spieler bei Athletic Bilbao, und weshalb Hautfarbe nichts mit regionaler oder nationaler Identität zu tun hat: http://sportsillustrated.cnn.com/2011/writers/sid_lowe/11/23/jonas/index.html?eref=si_writers

  3. johannamiller47 schreibt:

    Schade, dass sich UHBP kein Beispiel an Napolitano nimmt

  4. Balotellis Song ist Pilgrim, Chapter 33, von Kris Kristofferson: He´s a poet, he´s a picker, he´s a prophet, he´s a pusher, he´s a pilgrim, he´s a preacher and a problem when he´s stoned, he´s a walking contradiction, partly truth and partly fiction …..

  5. mansax schreibt:

    thx. mario ist die erfrischendste inselfußballerscheinung seit cantona. wenn er spielt, vergessen meine söhne sogar, dass ihre herzen eigentlich für den stadtrivalen schlagen.

  6. HL schreibt:

    Schöner Artikel. Coll, wie Balotelli mit der King-Kong-Pose nach dem Tor die rassistischen Affen der Gazzetta dello Sport auf ihren Platz verwiesen hat.

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