Songs: Wir sind Helden, Von hier an blind

Katharina hört sich gerne die Songs von Wir sind Helden an. Die Melodien sind einfach genug für eine Fünfjährige. Die Texte muten sich an wie Kinderreime, haben aber dennoch einen doppelten Boden. Müssen nur wollen beschreibt die Philosophie von Castingshow-Teilnehmern. Die Zeit heilt alle Wunder scheint mit einem Augenzwinkern auf Joni Mitchells Circle Game (His dreams have lost some grandeur coming true) zu schauen.

Gekommen um zu bleiben gefällt Katharina besonders gut. Selbst als sie sehr krank war, tanzte sie zu diesem Lied. Wir hörten uns das Album Von hier an Blind oft zusammen an.

Der gleichnamige Song gab mir zu denken. Das Lied erzählt von einem Weg, der zu bewältigen ist. Dann geht das Auto kaputt. Trotz aller Widrigkeiten geht die Sängerin zu Fuß weiter, mulmig, angstvoll, ins Ungewisse.

Ich stelle mir oft mein Leben wie eine Reise in einem Auto oder noch besser in einem Schiff vor. Ich bin der Kapitän und muss mich und meine Kinder an allen gefährlichen Stromschnellen vorbei in einen sicheren Hafen bringen. Ein paarmal wurde ich schon seekrank bei den normalen Schwierigkeiten der Kindererziehung, aber ich habe das Boot ohne größere Katastrophen gesteuert.

Bis Katharina erkrankte. Da stand ich plötzlich vor einer Mauer aus Angst und Hilflosigkeit. Es war ein Ort, an dem ich noch nie war. Ich wusste nicht, wie ich mich darin bewegen sollte. Das Boot musste aber weitergesteuert werden durch diesen diffusen Nebel.

Ich weiß nicht weiter, ich weiß nicht, wo wir sind, ich weiß nicht weiter, von hier an blind.

Nichts bereitet einen darauf vor, eine derartige Situation zu bewältigen. Nicht nur war jede Minute geprägt von der Angst um mein Kind. Ich musste auch dafür sorgen, dass Katharina nicht zu viel Angst hatte, vor den Untersuchungen, vor dem Krankenhaus, vor dem Herzkatheter und vor tausend anderen Schrecklichkeiten. In den Ratgebern, die im Krankenhaus auflagen, stand auch einiges über die Geschwisterkinder. Um keinen psychischen Schaden zu nehmen, sollten sie einbezogen werden in die gesamte Situation. Wir sollten dafür sorgen, dass sie sich gegenüber dem kranken Kind nicht zurückgesetzt fühlten, dass sie verstanden, was los war, aber nicht Angst bekamen vor der Krankheit und vor ihrer Schwester. Das Wichtigste aber war, so viel Normalität aufrechtzuerhalten, wie man nur konnte.

Aber wie macht man das? Wie kann man den Kindern Freude bereiten, wenn überall nur Schreckliches ist? Wie kann man stark sein, wenn man vor Angst und Verzweiflung weinen muss? Wie kann man einfach weitermachen, wenn nichts mehr so ist wie vorher? Wie kann man Normalität schaffen, wenn die Welt zusammenbricht?

Von hier an blind, von hier an blind, von hier an blind.

Man muss es versuchen. Einen Tag nach dem anderen überstehen. Niemals wissend, ob man die nächste Klippe umschiffen kann. Ob hinter der nächsten Kurve ein Abgrund kommt. Ob das Vermeiden von einem Hindernis das Schiff nicht näher an eine noch unbekannte Gefahr bringt.

So stellte ich mir vor, dass ich als Kapitän mein Schiff durch dichten Nebel steuerte (ähnlich wie Mark Twain es in seinem Buch Life on the Mississippi beschreibt). Blind aber ruhig. Mein Mann, meine Kinder, meine Mutter waren die Warn- und Navigationssysteme auf meiner Reise. Ihnen habe ich zu verdanken, dass niemand ertrunken und das Schiff nicht untergegangen ist.

Von hier an blind

Zwischen zwei Fragen/In der Lücke zwischen zwei Tagen/Blieb Nichts mehr zu sagen/Kein Leid mehr zu beklagen und ich/Nahm den Wagen/Und ging vor ihm in die Knie/Ich sagte:/Ich weiß nicht weiter/War ich noch nie/War ich noch nie

Ich und der Wagen/Und der Bienenschwarm im Magen/Und die Straße, die zu schlagen war/Wir haben uns vertragen, aber/Vor zwei Tagen/Ging der Wagen in die Knie

Er sagte:/Ich weiß nicht weiter/War ich noch nie/War ich noch nie/War ich noch nie/War ich noch nie/War ich noch nie/War ich noch nie/War ich noch nie/War ich noch nie

Ich weiß nicht weiter/Ich weiß nicht, wo wir sind/Ich weiß nicht weiter/Von hier an blind/Ich weiß nicht/Ich weiß nicht weiter/Ich weiß nicht, wo wir sind/Ich weiß nicht weiter/Von hier an blind/Von hier an blind/Von hier an

Ich und mein Magen/Und der Kopf in meinem Kragen gingen/Blind getragen von zwei Füßen/Die nichts sagen/Außer:/Gib dich geschlagen/Und geh endlich in die Knie/Ich sagte:/Ich weiß nicht weiter/War ich noch nie/War ich noch nie/War ich noch nie/War ich noch nie/War ich noch nie/War ich noch nie/War ich noch nie/War ich noch nie

Ich weiß nicht weiter/Ich weiß nicht, wo wir sind/Ich weiß nicht weiter/Von hier an blind/Ich weiß nicht/Ich weiß nicht weiter/Ich weiß nicht, wo wir sind/Ich weiß nicht weiter/Von hier an blind/Von hier an blind/Von hier an

Und keine tausend Meter draußen vor dem Tor/Erklang ein Brausen und es sang ein Männerchor/Dann war Stille und dazwischen und davor/Setzte die Pause neue Flausen in mein Ohr/Und ich

Ich weiß nicht weiter/Ich weiß nicht, wo wir sind/Ich weiß nicht weiter/Von hier an blind/Ich weiß nicht/Ich weiß nicht weiter/Ich weiß nicht, wo wir sind/Ich weiß nicht weiter/Von hier an blind/Ich weiß nicht/Ich weiß nicht weiter/Ich weiß nicht, wo wir sind/Ich weiß nicht weiter/Ich weiß nicht/Ich weiß nicht weiter/Ich weiß nicht, wo wir sind/Ich weiß nicht weiter/Von hier an blind/Von hier an blind/Von hier an

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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6 Antworten zu Songs: Wir sind Helden, Von hier an blind

  1. Rührende Geschichte zu einem schönen Lied der nettesten Band der Welt

  2. Traurig karin schreibt:

    Danke für Ihre täglichen Geschichten! Diese hier macht mir wieder Mut und gibt mir Kraft. DANKE

    • Karin Koller schreibt:

      Das ist schön zu hören, danke.
      Wie Janosch in seiner Geschichte über Jochen Gummibär und dessen Hasengeschwister schreibt: “ Mut muss man haben, ihr Hasenkinder, ganz viel Mut.“

  3. miriambrenner schreibt:

    Ich muß zugeben, dass ich mit Wir sind Helden überhaupt nichts anfangen kann. Aber du hast es mit dieser Geschichte geschafft, mir einige Tränchen aus den Augen zu drücken.

    Und vielleicht versuche ich es doch nochmal mit denen, wenn sie bei dir sowas auslösen, können sie so schlecht nicht sein.

  4. Pingback: Mailbox: Baby und Kind: Babyratgeber | Karin Koller

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