Diese Woche konsumiert: Kurier, Helmut Brandstätter, O tempora, o mores!

Ein Gastbeitrag von Clara Moosmann

Die Klasse der österreichischen bürgerlichen Intellektuellen – im Gegensatz zur Gruppe der etwas jüngeren „Linksintellektuellen“ um Schurian, Menasse und Co., die momentan damit beschäftigt sind, Peter Noever und Gerald Matt gegen Korruptionsvorwürfe in Schutz zu nehmen, weil nur Kleingeister verlangen können, dass große Ästheten die Gesetze einhalten -, wenn in einem Radius von 10km rund um den Stephansdom situierte Ansammlung lateinischer Deklinationen immer noch mächtige Seniorengruppierung um Erhard Busek, Anneliese Rohrer, Gerd Bacher und Thomas Chorherr als solche bezeichnet werden darf, ist sehr streng in ihrer Kritik an der Verkommenheit der Boulevardmedien, worunter sie die „Kronenzeitung“, „Heute“ und „Österreich“ versteht.

Eher milde dagegen ist der Umgang dieser Opinion-Leader mit der sogenannten „Qualitätspresse“, zu der sie – kein Scherz – auch den „Kurier“, zählen.

Da uns nichts ferner liegt, als unterstellen zu wollen, dass diese Nachsichtigkeit irgendwie damit zusammenhängen könnte, dass diese Zeitung unseren in der klassischen Logik geschulten Helden gerne Platz zur Verfügung stellt, um ihnen die Möglichkeit zu geben, uns mit ihrer Analyse der Weltläufte und ihren Philippiken über die Verrottetheit der Regierenden zu amüsieren, kommt als Ursache für diese sonst so gar nicht typische Altersmilde nur in Betracht, dass die moralische Integrität, der unnachahmliche Verstand und die mächtige analytische Potenz des Spiritus Rector  dieses Journales sie dazu bringt, bei den nach ihren hohen Standards unvermeidlichen Lapsus (sic!) der Mitarbeiter dieser Zeitungen (etwa, wenn Opfer des Kinderheims Wilhelminenberg, deren Tod vermeldet wurde, plötzlich doch leben) ein Auge zuzudrücken.

Sehen wir uns also das Werk des einzigen würdigen Nachfolgers von Moriz Benedikt, des zukünftigen Rene Marcic-Preisträgers Helmut Brandstätter an.

Da – zu Recht – bei der Trias des Teufels „Krone“, „Heute“ und „Österreich“ immer wieder die Käuflichkeit des Wohlwollens angeprangert wird, ist davon auszugehen, dass die Qualitätszeitung „Kurier“ sich nicht an solchen unethischen Spielchen beteiligt, sondern selbstverständlich redaktionellen Inhalt und Inserate messerscharf trennt. Oder? Da gab es zwar bösartige Geschichten, wonach  Inserate mit Propagandabeilagen belohnt würden. ( http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/chronik/2834558/oebb-inserate-schlagabtausch-zwischen-tageszeitungen.story  )

Alles ein Missverständnis, ebenso wie der Umstand, dass in der Businessbeilage Interviews mit den Chefs jener Firmen, die Inserate in dieser Beilage schalten, erscheinen. Honi soit qui mal y pense, wie unsere hochgebildeten bürgerlichen Intellektuellen sagen würden.

Und dass aus durchsichtigen Gründen versucht wird, Helmut Brandstätter in ein Naheverhältnis zur Schlüsselfigur vieler Korruptionsermittlungen, Peter Hochegger, zu bringen, nur weil Brandstätters Consultingfirma ein paar tausend Euro für von Hochegger vergebene Coachingaufträge kassiert hat, ist vollkommen absurd, wenn man berücksichtigt, dass Herr Brandstätter („Aus der Lektüre des stets fein gemachten IMMO-KURIER geht freilich hervor, dass man um eine halbe Million in österreichischen Großstädten kein Palais, sondern bestenfalls eine mittelgroße Eigentumswohnung bekommt.“, sagt KURIER-Chef Helmut Brandstätter zur Vermögensbesteuerung von 500.000 Euro, die die Grünen fordern), wie seine wirtschaftlichen Analysen bestätigen, mit Sicherheit nicht durch einen hingeschmissenen Bettel von einigen Tausend Euro, mit dem man sich kaum ein Paar Schuhe kaufen kann, beeinflussbar ist 

Also können wir uns, nachdem wir uns versichert haben, dass die Unabhängigkeit seiner Analysen nicht durch Einwirkungen von außen beeinflusst wurde, getrost mit ihrer intellektuellen Kraft auseinandersetzen, die ihm die Unterstützung der Eliten gewährleistet.

Und da bietet allein sein Werk der letzten Woche stilistisch Unvergleichliches und inhaltlich Tiefschürfendes:

– Wer hat, was die Achse Paris-Berlin, die den EU-Karren aus der Wirtschaftskrise ziehen muss, antreibt, so scharfsinnig, aber dennoch liebevoll analysiert?

(„Der italienische Modekonzern Benetton zeigt uns Angela Merkel und Nicholas Sarkozy, wie sie einander fast zärtlich küssen, die Augen bleiben sinnlich geschlossen.“ Kurier vom 18.11.)

– Wer hat den Schritt vom veralteten logischen Dreischluss zum modernen, sich selbst erklärenden, logischen Zweischluss endlich vollzogen und damit das offenbar unfalsifizierbare Axiom, dass etwas richtig sein muss, weil ein Universitätsprofessor es gesagt hat, aufgestellt

(„Der anerkannte Verfassungsrechtler Heinz Mayer kommt zum Schluss, dass Unis von sich aus Studiengebühren einheben dürfen, wenn die Koalition sich nicht auf ein neues Gesetz einigt. Juristisch ist die Sache also eindeutig.“ Kurier vom 19.10.11)

– Und wer hat den kategorischen Imperativ besser neu definiert und dabei nachvollziehbarer klar gemacht, dass von einem Businessmenschen nicht verlangt werden kann, dass er sich sein Mittagessen selbst bezahlt?

(„Das Geschäftsleben besteht nicht nur in Österreich aus mehr als Fakten und Zahlen. Beziehungen müssen gepflegt werden. Letztlich ist es eine Frage der Dimension. Ein Schnitzel und ein paar Gläschen Wein sind eine freundschaftliche Einladung, aber keine Korruption.“ Kurier vom 07.09.11)

-Unter all das mischen sich noch Bonmots, auf die Lichtenberg und Montaigne stolz wären („Vergleiche mit der Nazi-Zeit sind immer falsch.“ Kurier vom 19.09.11; „Die Politik muss Steuern einheben und verwalten. Aber es ist unser Eigentum.“ Kurier vom 17.10.11) und die noch in Jahrhunderten den allgemeinen Sprachschatz bereichern werden.

Helmut Brandstätter glänzt also, wie wir nachgewiesen haben, wie ein Solitär im Eimer des österreichischen Journalismus, der  voller Kieselsteine ist.

Man muss deshalb keine klassische Bildung haben, um zu verstehen, weshalb die bürgerlichen Intellektuellen in diesem uneitlen, wortmächtigen und scharfsinnigen Mann Österreichs journalistisches Gewissen sehen, dessen Kommentare ihresgleichen nur in den „Orationes in Catilinam“ finden.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Kurier, Helmut Brandstätter, O tempora, o mores!

  1. SB schreibt:

    Sehr schön. Ich finde diese „Edelfedern“, die immer Stilblüten produzieren und dabei Reformen bei anderen fordern, vom hohen moralischen Ross herunter, noch ekelerregender als die zynischen Boulevardsöldner, die die Vorgaben ihrer Herausgeber hinaustrommeln

    • rrfernandez1 schreibt:

      Ja, wobei Brandstaetter auch bei weitester Definition nicht als Edelfeder bezeichnet werden kann. Der Herr Chefredakteur steht, wie der Artikel auch zeigt, mit der deutschen Sprache fast so auf Kriegsfuß wie mit Herrn Fellner.

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