Ordnung

Ordnung ist wichtig – meistens zumindest. Aber es kommt auf die Art der Ordnung an.

Ich habe gerne Ordnung in meinem Leben, das bedeutet, ich möchte klare Verhältnisse und keine ungelösten Streitigkeiten. Ich möchte wissen, wie in etwa mein Leben in den nächsten Monaten aussehen wird. Wenn neue Ereignisse anstehen, wie zum Beispiel Annas Schulwechsel, möchte ich sie rechtzeitig planen, um nicht im letzten Augenblick unter Stress überstürzt entscheiden zu müssen.

Auch kurzfristiger gefällt mir Ordnung. Ich mag es, wenn ich einige Tage im Voraus weiß, wann die Kinder Freizeitaktivitäten haben, wann Besuch kommt oder wann ich eine Stunde Freizeit habe, in der ich zum Piercer gehen kann.

Zum Arbeiten habe ich immer schon Ordnung gebraucht, eine Ordnung der Tätigkeiten. Damit ich nicht unorganisiert Zeit verliere, denke ich mir vorher aus, welche Reihenfolge der Arbeitsschritte sinnvoll und effizient ist. Das war bei meiner Forschungstätigkeit essenziell. Es schadet auch nicht bei meiner Hausfrauentätigkeit, sondern hilft mir, mehr Zeit für den Blog und andere Dinge, die mir Freude machen, zu gewinnen.

Im Haushalt sollten die wichtigsten Gegenstände an ihrem Platz sein. Ich muss ohne zu Überlegen die Suppenkelle, das Spülmittel oder die Schere sofort finden können. Diese Ordnung der Dinge führt ebenfalls zu einer Zeitersparnis, weil ich mich nicht mit der Suche aufhalten muss.

Andere Formen von Ordnung empfinde ich als beklemmend. Ich kann nicht an einem aufgeräumten Schreibtisch arbeiten. Wenn ich früher Artikel über technische Geräte geschrieben habe, musste ich alle Unterlagen auf dem Schreibtisch aufstapeln, am besten in einem wilden Haufen, durch den ich mich immer wieder durchwühlen konnte.

Schreibe ich meine Bloggeschichten, muss ich mir ein künstliches Chaos am Schreibtisch schaffen. Leere Flächen töten meine Inspiration, als müssten die Gedanken an Gegenständen hängenbleiben, damit ich sie in Worte fassen kann.

Penibel aufgeräumte Zimmer kann ich nicht ausstehen. In ihnen ist kein Leben, besonders wenn in einem Haus Kinder leben und im Wohnbereich keine Spielsachen herumliegen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie viel Stress sich die Mutter (denn meistens sind es Hausfrauen, die auf eine derartige Ordnung wertlegen) antut, um entweder ständig hinter den Kindern herzuräumen oder sie dazu zu bringen, gleich nach jedem Spiel aufzuräumen.

Bei uns liegen die Spielsachen kreuz und quer herum, man muss genau schauen, wohin man steigt. Wenn Besuch kommt, sehe ich die Unordnung manchmal aus anderen Augen und dann schäme ich mich ein bisschen. Es gibt Zeiten, wo mir die Unordnung zu viel wird. Dann starte ich eine Aufräumaktion. Aber meistens sehe ich mit Begeisterung zu, wie die Kinder Spielsachen aus dem Karton in dieser Ecke mit Nippeskram aus dem alten Blumentopf in jener Ecke zu einem neuen, kreativen Spiel kombinieren und mit den alten Karton, den ich fortzuwerfen vergessen hatte, noch ein Haus dazu bauen.

Unordnung regt die Phantasie an, davon bin ich überzeugt. Oder um es anders auszudrücken: Wenn Kinder immer darauf achten müssen, dass alles sofort nach dem Spielen an seinen Platz zurückgeräumt wird, dann werden sie immer nur die vorgegebenen Spiele spielen. Sie werden nie verschiedene Spiele nach eigenen Regeln kombinieren. Der Zwang zur Ordnung wird sie außerdem daran hindern, selbstvergessen und hemmungslos zu spielen, weil das Spiel immer mit der Arbeit danach verbunden ist. Und die Zeit, die mit übermäßigem Aufräumen verschwendet wird, kann man wahrlich besser nutzen.

Im Sommer, als die Kinder für einige Tage bei den Großeltern waren, ist mir besonders aufgefallen, wie beklemmend Ordnung ist. Ich habe die Zeit dazu genutzt, das Haus gründlich aufzuräumen. Als ich fertig war, sah das Wohnzimmer so leer aus, dass ich mir die Abwesenheit der Kinder schmerzlich bewusst wurde. Sofort habe ich wieder ein paar Spielsachen auf dem Boden verteilt, erst dann ist es mir wieder gut gegangen.

Übrigens: Den Zwang der Ordnung und die daraus resultierenden Schwierigkeiten stellt Ursus Wehrli in seiner Aufräumkunst dar: http://www.kunstaufraeumen.ch/ (inklusive Video aus der Sendung mit der Maus – meine Kinder waren fasziniert)

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Ordnung

  1. Ich finde, es gibt einen Unterschied zwischen Ordnung – also das alles an einem Platz ist, an dem man es findet – und Aufgeräumtheit – also das nichts am Boden oder auf den Möbeln liegt etc- – gibt.
    Ich achte auch einigermaßen auf Ordnung, ganz einfach um mir zwecklosen Aufwand zu ersparen. Das bedeutet aber nicht, dass ich alle Dinge wegräume, ganz im Gegenteil: meine Schlüssel liegen immer auf dem Unterteller der Obstschüssel, die Post neben dem Telefon, die Handschuhe der Kinder auf dem Schuhkästchen, die Pflaster auf der Bestecklade. Mein Haushalt ist also ordentlich, aber unaufgeräumt.

  2. Hofnarr schreibt:

    Ich bin der Meinung, die Ordnung in einer Wohnung ist das Abbild der Seele der darin wohnenden Personen. Manchmal ist’s demnach chaotisch, manchmal auch aufgeräumt, auch in der Seele von Menschen. Ich unterscheide bloss „stehendes Chaos“ (dasjenige eines langjährigen Messis) und „fortlaufendes Chaos“, also eine Unordnung, die sich durch das tägliche Leben fortlaufend verändert. Im weiteren habe ich das Prinzip: In den Kästen (ob nun Kleiderschrank oder Küchenutensilien oder Handwerkzeug) soll es jedenfalls geordnet sein, ausserhalb von mir aus unordentlich, weil nämlich eigentlich jedes Ding in den Kästen an seinem dafür bestimmten Ort aufgefunden werden sollte, wenn nicht, liegt’s in der Unordnung der letzten Stunden und Tage und dann wüsste derjenige noch, der’s zuletzt gebraucht hat, wo’s liegt… Aber Ordnung soll dem Wohlfühlenkönnen dienen, nicht Wohlfühlen soll der Ordnung um jeden Preis untergeordnet werden!

  3. SB schreibt:

    Ordnung ist weit überschätzt, vor allem, wenn es nicht um Ordnung für einen bestimmten Zweck geht, sondern um Ordnung um der Ordnung willen (wie beim Militär und ähnlichen hierarchischen Organisationen)

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