Obst und Gemüse oder der Zwang zum Essen

Der britische Food-Journalist Jay Rayner erzählt am Anfang seines Buchs The Man Who Ate the World von seiner Kindheit. Als Bub wollte er partout kein Obst und Gemüse essen. Er aß überhaupt nur eine sehr eingeschränkte Auswahl von Speisen. Eines Tages jedoch, es war während eines Familienurlaubs in Frankreich, sah der kleine Jay die festlich gedeckte Tafel und ein unbändiger Drang überkam ihn, alles zu kosten. Von da an probierte er immer mehr Speisen, erweiterte seinen Speiseplan kontinuierlich, und beschäftigte sich schließlich als Erwachsener hauptberuflich mit Essen.

Diese Geschichte klingt beinahe zu gut, um wahr zu sein. Dennoch schöpfe ich viele meiner Hoffnungen daraus.

Als Baby wollte Lukas nicht von der Brust auf Breinahrung umstellen. Er wehrte sich, aß immer nur wenige Löffelchen Brei, bevor er sich brüllend wieder an die Brust nehmen ließ. Es war ein Kampf. Wenn ich ihm die Breinahrung mit der Flasche gab, akzeptierte er sie. Um ihn an den Löffel zu gewöhnen, brauchte ich Monate. Selbst dann aß er nur in seinem Laufwägelchen und nur, wenn dieses in einer bestimmten Ecke der Küche stand.

Später, als er schon laufen konnte, aß Lukas nachmittags gerne eine Banane, aber nur im Freien. Ich konnte ihn jeden Nachmittag mit seiner Banane in den Garten stellen und er aß sie zufrieden. Im Haus schaute er die Banane nicht einmal an. Einmal gab ich ihm einen ganzen Apfel. Mit dem lief Lukas durch den Garten. Plötzlich hörte ich lautes Husten und Würgen. Lukas hatte sich am Apfelstiel verschluckt. Von diesem Tag an aß Lukas kein Obst mehr. Er trank auch weder Fruchtsaft noch Limonade. Nicht einmal einen Gummibären oder ein Zuckerl wollte er.

Das Gemüse gab er auf, nachdem er nicht mehr mit Brei gefüttert wurde. Nur Tomatensauce isst er noch und in Pfannkuchen versteckte geriebene Äpfel und manchmal Marillenmarmelade in Palatschinken. Richtig froh ist er, wenn er Würste essen darf oder Wiener Schnitzel ohne Beilage.

Ich habe mir Vorwürfe gemacht, weil ich ihn als Baby so sehr zum Essen gedrängt habe. Einer Bekannten von mir ging es mit ihrer Tochter ähnlich. Sie entschied sich damals dazu, das Kind lieber über ein Jahr voll zu stillen. Das hätte ich auch machen sollen, dachte ich, dann würde Lukas jetzt normal und gerne essen. Doch dann traf ich die Bekannte nach längerer Zeit wieder. Ihre mittlerweile Vierjährige isst nur halb so viele Speisen wie Lukas. Also nützt der sanfte Zugang zum Essen offenbar auch nicht unbedingt.

Manchmal, ganz selten, aber doch haben wir ein Erfolgserlebnis mit Lukas. Dann sagt er von selbst, er will etwas probieren. Es sind oft nur Kleinigkeiten: Pommes, roher Thunfisch oder Walnüsse. Obst oder Gemüse im engeren Sinn sind nicht dabei. Einiges davon isst er nur das eine Mal. Anderes aber schmeckt ihm und er hat es seither öfter gegessen. Das gibt mir Hoffnung. Ich gebe ihm Zeit und biete ihm Speisen an, ohne ihn dazu zu nötigen, sie zu essen. Das Probieren soll seine Idee sein, nur dann kann es ihm schmecken. Vielleicht wird er dann irgendwann ganz normal vielseitig essen. Vielleicht gibt er sich in ein paar Jahren einen Ruck wie Jay Rayner. Erzwingen kann man jedenfalls nichts.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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10 Antworten zu Obst und Gemüse oder der Zwang zum Essen

  1. Hofnarr schreibt:

    Wie wär’s, wenn Du ihn mehr zum Vorbereiten und Kochen von für’s Auge schön angerichteten Gerichten für die ganze Familie animieren würdest, diese aber keinesfalls essen muss… Vielleicht käme er dann irgendwann auf den Gedanken, sich immer häufiger zu fragen, wie’s wohl schmeckt, wenn alle seine Gerichte gern mögen. Aber vergiss nicht, in diesen von ihm zubereiteten Speisen stets Gemüse und Früchte zu integrieren, nicht etwa bewusst auszulassen, nur damit er was ist! Und denk daran, ihm nicht die doppelte Portion anderer, von ihm gerne gegessener Speisen anzubieten, sondern einfach gleich viel wie die anderen zur gleichen Zeit davon auch haben.

  2. Elke Lahartinger schreibt:

    Ich habe das gleiche Problem. Meine Kinder essen auch praktisch kein Gemüse außer Kartoffeln und Tomaten (in verkochter Form), und kein Obst außer Bananen. Und die Jamie-Oliver-Methode bewirkt nichts. Also bleibt mir auch nur die Hoffnung.

  3. miriambrenner schreibt:

    Mir geht es ähnlich, ich habe auch keine Lösung, nur die Erfahrung, dass Druck nichts bewirkt

  4. Karin Koller schreibt:

    Der Schlüssel zum Erfolg ist, glaube ich, die Kinder selbst auf die Idee zu bringen, Speisen zu kosten. Das kann dauern. Und vor allem muss man jedem Kind auf unterschiedliche Weise diese Idee in den Kopf setzen.
    Ich glaube, man macht sich und dem Kind oft aufgrund des vielen Gesundheitsgeredes von „Experten“, die an verschiedensten Stellen auftreten, und aus Angst von Essstörungen zu viel Stress.
    Da hilft nur Lockerheit und Geduld.

  5. Friese schreibt:

    Diese zwei Artikel (mit Nachweisen) sind hoffentlich ein kleiner Trost (auch wenn sie von einem Piefke stammen ;):
    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/mahlzeit/1052909/
    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/mahlzeit/1387167/

    • Karin Koller schreibt:

      Wahrscheinlich macht Obst tatsächlich krank und Lukas hat es immer schon gewusst.
      Lustigerweise aß er bis vor Kurzem Kürbissuppe gern und mag Fisch (die Dinge, die extra in dem Artikel angesprochen wurden).

  6. Pingback: Mailbox: Baby und Kind: Babyratgeber | Karin Koller

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