Piercing

Ein Gastbeitrag von Johanna Miller

Ich bin bald 40 Jahre alt. Bis vor kurzer Zeit hatte ich – mit Ausnahme der Ohrläppchen – keine einzige durchstochene Körperstelle.

Im Gegensatz zu vielen Frauen und Mädchen habe ich selbst in meiner rebellischen Jugendphase nicht einmal in Erwägung gezogen, mich piercen zu lassen (wobei damals Piercings noch nicht sehr gebräuchlich waren).

Und als ich nach Abschluss des Studiums ins Berufsleben einstieg und täglich im grauen Hosenanzug zur Arbeit ging, war mein Bedürfnis, mich den Erwartungen, die ich meinem Arbeitgeber und den Kunden zuschrieb, anzupassen, so groß, dass für mich jedes noch so minimale Abweichen von den Konventionen nicht in Frage kam.

Dieses in geradezu vorauseilendem Gehorsam vorgenommene Unterwerfen unter Vorgaben führte dazu, dass ich sogar dazu überging, Perlenketten anzulegen und knielange graue Röcke zu tragen. Ein Piercing stand daher für mich nie zur Diskussion.

Mein Leben bestand vielmehr darin, tatsächlich existierende oder vermutete Ansprüche anderer zu antizipieren und mein Verhalten danach zu richten.

Ich war damit beruflich einigermaßen erfolgreich und auch privat sehr beliebt, weil man wusste, dass man von mir bekam, was man erwartete, ohne sich darum auch nur bemühen zu müssen.

Nach einiger Zeit war ich aber in meiner Rolle unzufrieden. Wenn ich in den Spiegel schaute, sah ich nicht nur eine graue Maus, ich fühlte mich auch als solche.

Ich konnte mich selbst nicht mehr sehen. Und ich konnte mich selbst nicht mehr leiden, weil ich mich in einem Gefängnis von Erwartungen und Zwängen festgehalten fühlte.

Als ich schon einige Zeit in meiner fremdbestimmten Existenz unglücklich war, widerfuhr mir ein glücklicher Zufall.

Ich traf eines Samstagnachmittags auf einer großen Einkaufsstraße eine frühere Schulfreundin, die ich vor über einem Jahrzehnt aus den Augen verloren hatte.

Wir setzten uns in ein Cafe, plauderten, kamen nach und nach richtig ins Gespräch, und als das Cafe um Mitternacht zusperrte, hatte ich der Schulfreundin mein Herz ausgeschüttet und von meiner Unzufriedenheit berichtet.

Wir gingen noch auf einen Abschiedsdrink in eine Bar.

Und dort gab mir die Schulfreundin einige Ratschläge. Sie erzählte mir von ihren eigenen Problemen, sich aus den selbstauferlegten Zwängen zu befreien und zu einem offenen Zugang zu sich selbst und zur eigenen Sexualität zu gelangen. Sie berichtete mir, welch befreiende Wirkung es auf sie hatte, als sie sich piercen ließ, weil erst das Durchstechen und Schmücken des Körpers sie dazu brachte, diesen zu akzeptieren, ja sogar gernzuhaben. Und sie machte mir plausibel, dass innere Zwänge oft Folge eines äußerlichen selbstangelegten Korsetts sind, und das Ablegen eines solchen äußerlichen Korsetts auch der Anstoß für eine innerliche Befreiung sein kann.

Wir bestellten dann noch einige Getränke, und als wir schließlich aus der Bar hinauskomplimentiert wurden, trafen wir eine Abmachung:

Wir würden uns am Montag nach der Arbeit vor einem Piercingstudio treffen und uns beide eine Brustwarze piercen lassen. Meine Freundin, weil sie das schon lange geplant hatte, und ich, um symbolisch einen Neuanfang zu wagen.

Dann gingen wir nach Hause.

Der folgende Sonntag brachte mir nicht nur Kopfschmerzen, sondern auch Ängste.

Was würden die Leute (meine Eltern, mein damaliger Freund, ja sogar mein Arzt) dazu sagen, wenn ich mir die Brustwarze durchbohren ließ? Würde ich die mit dem Piercing verbundenen Schmerzen ertragen können?

Ich schwankte die nächsten Stunden zwischen diesen Befürchtungen und der Hoffnung auf den von meiner Freundin propagierten Neuanfang hin und her.

Schließlich überwand ich mich und traf zu vereinbarten Zeit vor dem Piercingstudio ein.

Meine Freundin wartete schon, lächelte mich an und sagte: „Ich war gespannt, ob du kommst.“

Eine Viertelstunde später hatte ich einen Ring in meinem linken Nippel und den ersten Schritt in ein neues Leben gesetzt.

Ein neuer Lebenspartner, ein neuer Job, ein neues Selbstbewusstsein und eine neue Selbstzufriedenheit folgten.

Und viele weitere Piercings.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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11 Antworten zu Piercing

  1. Astrid schreibt:

    Manchmal braucht es nicht viel….

    • Karin Koller schreibt:

      Ich glaube, das sollte man sich immer bewusst machen. Manches scheint so auswegslos und dabei könnte man so einfach ausbrechen. Fügt man sich in sein Schicksal, verfällt man leicht in eine Depression. Dann ist der Ausweg umso schwieriger.

  2. SB schreibt:

    Interessant, dass dieser vorauseilende Gehorsam, dieser Zwang, eingebildete Erwartungen zu erfüllen, sehr viel stärker bei Frauen als bei Männern vorkommt (bei mir selbst auch). Wer hat eine Erklärung dafür?

    • Karin Koller schreibt:

      Ich glaube, das katholische Weltbild spielt eine enorme Rolle. Selbst wenn viele nicht mehr gläubig sind, ist doch das Leben geprägt von alten Hierarchien und Strukturen, die man nur schwer abschütteln kann.
      Männer stehen übrigens auch im Berufsleben sehr häufig unter enormen Zwang, den eingebildeten oder realen Erwartungen gerecht zu werden.

      • Astrid schreibt:

        Das mit dem Katholizismus sehe ich nicht. Das Phänomen existiert in protestantischen Gegenden genauso. Eher, der Glaube, man müße als Frau, um seine Stellung zu rechtfertigen, immer besser, perfekter sein. Und Jahrhunderte von Unterdrückung haben sicher auch Auswirkungen auf das kollektive Selbstbewußtsein gehabt, und Ursache ist doch häufig mangelndes Selbbewußtsein oder Selbstwertgefühl

      • Karin Koller schreibt:

        Die Unterdrückung der Frau und das daraus resultierende mangelnde Selbstwertgefühl entstammt doch bei uns dem christlichen Weltbild. Dabei meine ich nicht Religiosität. Man kann in vielen Lebensbereichen tendenzielle Unterschiede zwischen katholischen und protestantischen Kulturen erkennen (Alkoholkonsum, Arbeits- und Freizeitverhalten, etc.). Die Unterordnung der Frau wurde bei beiden unterstützt.
        Ich glaube, das besser und perfekter Sein ist ein wesentlicher Faktor, den sich Frauen einreden, wenn sie in direktr Konkurrenz zu Männern stehen.

  3. Hofnarr schreibt:

    Warum eigentlich ist ein Neuanfang in hier geschilderter Weise nicht möglich gänzlich ohne Piercings?!? Sind Piercings nicht bloss äusserliche, materielle Werte?!? Stolpern wir so nicht von einer von aussen (vermeintlich) diktierten Abhängigkeit in die nächste und orientieren uns weiterhin wie gehabt nach äusseren Werten, antatt die eigenen inneren Werte für uns selbst zu erkennen und zum Ausdruck zu bringen?!?

    • Astrid schreibt:

      Das hat nichts mit Piercings zu tun, das kann auch eine ganz andere kleine Veränderung sein. Wichtig ist nur, dass man sich mit dieser Veränderung, Piercing hin oder her, über die – eingebildeten – Erwartungen hinwegsetzt und unterdrückte Bedürfnisse erfüllt. Wenn du aufgrund eines gefühlten Drucks glaubst, du müßtest immer Röcke tragen, dann wird das Tragen einer Hose den gleichen Effekt haben wie hier ein Piercing.

      • Hofnarr schreibt:

        Da hast Du allerdings recht, Astrid. Es bleibt bloss die Frage: Warum haben wir es grundsätzlich nötig, immer zu fragen, was sagen die anderen dazu, ob nun Piercing oder Hose?!? Eigentlich müsste man sich doch fragen: Wie geht es mir wirklich und wie fühle ich mich tatsächlich?!? Aber vollkommen ehrlich mit sich selbst… und dann Verhaltensweisen verändern, damit ich mich tatsächlich wohlfühlen kann und es mir auch wirklich gut geht, täglich…

    • Karin Koller schreibt:

      Da geht es nicht um äußerliche Werte und Abhängigkeiten, da geht es um einen Anstoß, der notwendig war. Jeder muss diesen Anstoß für sich finden. Das ist keine Anleitung zum Glücklichwerden durch Piercings, sonder zeigt, dass man sich aufraffen muss, um sich weiterzuentwickeln und dass man die Impulse von außen wahrnehmen sollte.

  4. Pingback: Ist jeder Mensch bisexuell? | Karin Koller

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