Diese Woche konsumiert: Guttenberg, Strauss-Kahn – Politiker und die Medien

Karl-Theodor zu Guttenberg wird abwechselnd zur Bedrohung, zum Ärgernis und zum Messias hochstilisiert. Er polarisiere, sagen die Medien, dabei polarisieren sie ihn.

Er plane sein Comeback. Er wolle seine eigene Partei gründen, eine rechtspopulistische mit Thilo Sarrazin, so zumindest wird bei Anne Will gemutmaßt.

Guttenberg musste vor einigen Monaten als deutscher Verteidigungsminister zurücktreten, weil er große Teile seiner Doktorarbeit von anderen Autoren abgeschrieben hat. Wen interessiert, ob ein Politiker einen Doktortitel hat? In Österreich werden wir möglicherweise bald einen Bundeskanzler oder zumindest einen Innenminister haben, der eine Zahntechnikerlehre absolviert hat.

Ein Doktortitel macht noch keinen guten Politiker aus (eine Zahntechnikerausbildung auch nicht). Der Titel wäre also irrelevant und eher uninteressant. Trotz erfolgreicher politischer Karriere war Guttenberg so versessen auf den Titel, dass er ihn sich erschwindelte und nach Bekanntwerden von Unregelmäßigkeiten jede Schuld von sich wies. Zu vereinnahmt sei er gewesen von der Doppelbelastung als Politiker und Vater (sic!), dass er nicht genau arbeiten konnte. Ich nehme nicht an, die Teufel saßen ihm im Nacken, diese nicht notwendige Dissertation fertigzustellen.

Wie dem auch sei, Guttenberg leistet gute PR-Arbeit. Er bringt sich ins Gespräch mit einem Buch, das ein vom Zeit-Herausgeber Giovanni di Lorenzo geführtes Interview ist.

Liest man den Vorabdruck des Interviews in der Zeit, wird man den Eindruck nicht los, dass der Interviewer den Interviewten zumindest nicht besonders kritisch gegenübersteht. Im ersten Abschnitt darf der Freiherr sehr ausführlich auf nahezu haarstäubende Weise erklären, dass ihm aufgrund seiner unordentlichen Arbeitsweise lediglich ein unbewusster Fehler unterlaufen sei.

Niemals wird hinterfragt, was das aussagt über seine Arbeitsweise im Allgemeinen. Niemals wird hinterfragt, wie Guttenberg ein verantwortungsvolles Amt, bei dem er über das Geschick von tausenden Soldaten entschieden muss, seriös bekleiden kann, wenn er sich so leicht aus dem Konzept bringen lässt. Wenn ein bisschen Babygeschrei, das Millionen anderer Väter und Mütter auch erleben ohne signifikante Beeinträchtigung ihrer Arbeitsleistung, dazu führt, dass er derart dumme Fehler macht. Das wären die Fragen, die davon ausgehen, dass er nie gelogen hat.

Nein, Guttenberg darf reden, bis man selbst schon beinahe glaubt, dass ein derartiger Fehler zufällig passieren kann.

Weil die Zeit offenbar den Eindruck des kritischen Hinterfragens des eigenen Herausgebers erwecken will, durfte der stellvertretende Chefredakteur einen Artikel schreiben, in dem er vermeintlich die Hybris des Herrn Guttenberg aufzeigte. Am Schluss mahnt er dazu, die Verführungskraft dieses Politikers nicht zu unterschätzen und zitiert ihn so: „Eines ist den Jägern nicht gelungen: Mich endgültig zur Strecke zu bringen oder dauerhaft aus dem Revier zu vertreiben.“

Nun wird Exegese des Interviews betrieben. Die Medien sind voll, der Freiherr in aller Munde. Dabei spielt es keine Rolle, ob für oder gegen ihn argumentiert wird. Wichtig ist, dass er im Gespräch bleibt. Wenn die Journalisten ihn verteufeln, halten die Wähler zu ihm (vielleicht ist Di Lorenzo besonders perfide und desavouiert den Freiherrn durch offene Unterstützung?).

Bücher sind gute PR-Vehikel, das wissen die Autoren und die Verlage. Man denke nur an den eingangs erwähnten Thilo Sarrazin. Wenn ein Halbprominenter irgendeinen abstrusen Schmarren absondert, dann ist das ein gefundenes Fressen für das Infotainment. Dann wird diskutiert darüber auf Teufel komm raus. Damit wird die ursprüngliche Argumentation legitimiert (wie schon Roberta Fernandez für die USA hier beschrieben hat https://karinkoller.wordpress.com/2011/09/22/hat-jede-medaille-zwei-seiten/ , wir sind hier nicht weit davon entfernt).

Ein Buch zum Vorantreiben seiner Rehabilitation oder gar eines politischen Comebacks bringt auch Dominique Strauss-Kahn heraus. Darin wird die Verschwörungstheorie aufgestellt, nach der Strauss-Kahn von seinen Gegnern in eine Falle gelockt wurde, die seine politische Karriere zerstören sollte.

Für die Medien ist das ein gefundenes Fressen. Wirtschaftkrise, Hungersnöte in Afrika, Menschenrechtsverletzungen im nahen Osten langweilen und deprimieren das Publikum. Aber hier hat man eine schillernde Figur mit einer Geschichte wie in der Soap-Opera mit Sex und Crime und Verschwörungstheorien. Dunkle Mächte zerstören die Karriere eines Mannes, der sich lediglich ein wenig vergnügen wollte, sagen die einen. Die anderen empören sich darüber. Sendezeit und Seiten werden billig gefüllt, denn für Mutmaßungen braucht man keine Recherche, sondern nur ein bisschen Phantasie.

Weil der Nervenkitzel so schön ist, weil Täter- und Opferrollen verschwimmen, weil die Geschichte so sinister ist, stellt auch hier niemand die richtigen Fragen. Strauss-Kahn ist ein Mann, der sich nicht für fünf Minuten beherrschen kann. Er vermeint sich so attraktiv, dass die Frauen scharenweise seinen Schwanz lutschen wollen. Er weiß, dass er seine politische Karriere aufs Spiel setzt, wenn er sich von einer Unbekannten befriedigen lässt (da reden wir noch nicht einmal davon, dass der Oralverkehr möglicherweise nicht freiwillig war). Auch wenn ihm jemand eine Falle gestellt hat, musste er trotzdem selbst handeln. Er hätte einfach nein sagen können. Wenn sich ein Politiker so leicht erpressbar macht, das ist die zentrale Frage, wie eignet er sich dann für das höchste Amt im Staat?

Wie bei Guttenberg interessiert das alles nicht. Die Mutmaßung regiert, weil man so schön mit ihr arbeiten kann. Man polarisiert. Man bietet dem Publikum Entertainment. Gut, dass wir die Presse und das Fernsehen haben, sonst müssten wir uns vielleicht noch mit den eigentlichen Problemen der Welt beschäftigen.

http://www.zeit.de/politik/deutschland/2011-11/guttenberg-vorerst-gescheitert-buch

http://www.stern.de/panorama/strauss-kahn-aeussert-sich-zur-sex-affaere-der-alte-mann-und-das-maedchen-1757679.html

http://www.orf.at/stories/2091627/2091633/

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Guttenberg, Strauss-Kahn – Politiker und die Medien

  1. Astrid schreibt:

    Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber Di Lorenzo bringt mich fast dazu, Theo Sommer nachzutrauern. Der hatte in seiner stilbluetenschleudernden Plattheit, mit der er den conventional wisdom verbreitete, noch eine gewisse spießige Integrität.

  2. lisamertens schreibt:

    Auf die Partei, die Gutti und Sarrazin gründen, bin ich gespannt. Statt Tea Party eine Magenbitter (Underberg) Partei vielleicht?

  3. johannamiller47 schreibt:

    Wenn man die Reaktionen selbst aus der CSU auf Buch des Barons anschaut, dann kann der Verlag bei der zweiten Auflage problemlos das „vorerst“ aus dem Titel entfernen. Insofern hat der ganze Medienwirbel doch was Gutes.

  4. alexandraleyendecker schreibt:

    Die Bücher samt Medientrara sind letzte Zuckungen zu Recht gescheiterter politischer Existenzen. Beide sind endgültig erledigt, da bin ich sicher.

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