Stieg Larsson: Millennium-Trilogie

Am 21. Dezember kommt die amerikanische Verfilmung des ersten Teiles Millennium-Trilogie von Stieg Larsson, The Girl with the Dragon Tattoo (Verblendung), in die Kinos.

Alle drei Bücher dieser Trilogie habe ich vor zwei Jahren auf dem Kindle gelesen, als ich mit Katharina im Krankenhaus war. Es war für mich eine Zerstreuung in einer Zeit, in der ich tagelang hilflos neben meinem kranken Kind im Bett sitzen musste.

Vor Spannung konnte ich mich manchmal kaum von der Lektüre lösen. Die Handlung ist sehr dicht. John Crace hätte in seinem Digested Read im Guardian geschrieben: „Pack it in, pack it in.“

Für meinen Geschmack sind einige Szenen zu intensiv. Es reicht nicht, die Hauptdarstellerin ihren Vater mit der Axt töten zu lassen, nein, Larsson lässt sie vorher erschießen, begraben und sich wieder aufrappeln. In einer spektakulären Rettungsaktion wird sie (rechtzeitig für den nächsten Band) gerettet, weil ein junger Arzt beinahe Menschenunmögliches versucht, als er die Kugel aus ihrem Gehirn entfernt.

Sprache und Stil sind flüssig, aber nicht außergewöhnlich.

Was brachte mich dazu, die Bücher in kürzester Zeit (ich war erstaunt, als ich erfuhr, dass jeder der drei Bände in Buchform an die 1000 Seiten hatte) und fasziniert zu lesen? Was macht die Millennium-Trilogie zu einem so großen Erfolg?

Andere haben sich schon den Kopf darüber zerbrochen (z. B. Tim Parks in der NYRB http://www.nybooks.com/articles/archives/2011/jun/09/moralist-stieg-larsson/?pagination=false ) und kommen zu dem Schluss, dass das Schwarz-Weiß-Denken und die unterschiedlichen Beschreibungen von Sex, ebenfalls strikt getrennt in gut und böse, eine entscheidende Rolle spielen.

Das ist sicher richtig. Oft hatte ich das Gefühl, es fehlt der doppelte Boden, die moralische Uneindeutigkeit, die ansonsten gute Kriminalgeschichten ausmacht. Die „Guten“ sind beinahe absolut gut und die „Bösen“ sicher absolut böse.

Für mich macht aber nicht die Handlung die Trilogie außergewöhnlich, sondern deren Hauptfigur, Lisbeth Salander. Sie gehört zwar zu den „Guten“, wird aber wesentlich plastischer und differenzierter beschrieben, als alle anderen Charaktere.

Salander ist klein, mager und wahrscheinlich autistisch. Zumindest hat sie ihre eigene Konzeption von Beziehungen, von Gerechtigkeit, von ihrem Lebenswandel. Sie ist kreativ, intelligent und auf seltsame Art selbstbewusst. Gleichzeitig ist sie mit den einfachsten zwischenmenschlichen Interaktionen überfordert.

Sie hat ihre Jugend in einer geschlossenen Anstalt verbracht, wo sie jahrelang misshandelt und gequält wurde. Als Erwachsene muss sie nicht mehr in der Anstalt leben, wird aber besachwaltet. Ihr Vormund hilft ihr, eigenständig ihr Leben zu bewältigen, bis er selbst zum Pflegefall wird. Der neue Vormund vergewaltigt sie brutalst.

Salander weiß sich zu wehren. Ihr Gerechtigkeitssinn ist biblisch. Wer ihr etwas antut, dem zahlt sie es heim. Dem Vormund tätowiert sie „Ich bin ein Sadistenschwein und Vergewaltiger“ auf den Bauch. Obwohl sie klein und zart ist, wird sie mit den größten Kerlen fertig. Sie benutzt einen Taser und beim Boxen ist sie so wendig, dass sogar ein bekannter Boxer sie gerne als Sparringpartner hat.

Immer wenn diese beinahe übermenschlichen Fähigkeiten zu dick aufgetragen scheinen, kommt Salanders verwundbare Seite zum Vorschein. Sie verliebt sich in Mikael Blomkvist, den Protagonisten der Trilogie. Für ihn muss Liebe und Sex unverbindlich sein. Mit ihm wollen beinahe alle Frauen, die in der Trilogie vorkommen, ins Bett, aber keine will eine Beziehung. Außer Salander. Aber sie sagt es nicht. Tief verletzt zieht sie sich zurück, als sie beobachtet, wie Blomkvist eine andere Frau umarmt. Sie weiß sich nicht mehr zu helfen, erst hier sieht sie sich als Opfer. Ihr Weltbild ist erschüttert. Sie gibt nicht auf, aber es dauert lange, bis sie wieder mit Blomkvist befreundet sein kann.

Obwohl ihr so viel angetan wurde, obwohl sie große emotionale und psychische Defizite hat, richtet sie sich immer wieder auf und kämpft weiter. Sie ist eine starke Frau, die anderen Mut geben kann, für den eigenen Lebensstil und gegen die Alltagsintoleranz zu kämpfen (fight the powers that be). Und das gerade, weil sie auch verletzlich ist und große Mühe hat, ihre sozialen Ängste zu überwinden.

All das kann in einem Film nicht ausführlich genug dargestellt werden, weil die Handlung ohnehin schon sehr dicht ist.

Noomi Rapace hat es in der schwedischen Verfilmung trotzdem versucht. In Gesten und Blicken stellt sie die Wut und die Verletzlichkeit, die soziale Verschlossenheit und die unglaubliche Willenskraft dar. Sie erscheint als die Idealbesetzung für diese widersprüchliche Frau. Rooney Mara wird diese Fußstapfen in der amerikanischen Verfilmung von David Fincher zu füllen haben. Wir werden sehen, ob sie das schafft.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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13 Antworten zu Stieg Larsson: Millennium-Trilogie

  1. Erika schreibt:

    Ich fand dié schwedischen Filme soso und bin schon gespannt auf den amerikanischen. Ich denke aber insgesamt, dass sich eine Fernsehserie besser geeignet hätte, den Büchern gerecht zu werden (wie bei Kommissarin Lund).

  2. Astrid schreibt:

    Hier der Link zum Filmtrailer. Ich finde, er sieht vielversprechend aus:
    http://de.eonline.com/news/new_girl_with_dragon_tattoo/278247

  3. NicoleLee schreibt:

    Du hast die Faszination gut beschrieben. Ich hab´s ganz gleich empfunden. Irgendwie sind die Bücher eine Anleitung, sich nicht durch Autoritäten unterdrücken zu lassen, aucvh wenn es schwierig wird. Oder, wie der Ostbahnkurti gesagt hat, „losst eich nix gfoin“.

  4. Elke Lahartinger schreibt:

    Wie der im gestrigen Beitrag erwähnte Chuck D so schön sagte, make everybody see, in order to fight the powers that be

  5. Astrid schreibt:

    Hier erzählt sie, wie es dazu kam (alle Piercings an einem Tag):
    http://www.vogue.com/magazine/article/rooney-mara-playing-with-fire/#

  6. Ich habe gestern den amerikanischen Film gesehen, und fand den Film ok, aber die Salander-Darstellerin (Rooney Mara) fantastisch.

    Diese Kritik hier von Christian Fuchs ( http://fm4.orf.at/stories/1693313/ ) trifft den Nagel auf den Kopf, finde ich.

    • Karin Koller schreibt:

      Mein Eindruck von der Neuverfilmung war, dass sich Fincher die schwedische Version genau angesehen hat und diese verbessern wollte. Das ist ihm gelungen, weil er mehr persönliche Geschichten der Hauptdarsteller eingeflochten hat.
      Rooney Mara war eine gute Salander, sie fiel nicht gegenüber Noomi Rapace ab. Ein Pluspunkt war auch, dass sie tatsächlich wie eine 23 Jährige wirkte. Trotzdem bin ich der Meinung, dass der komplexe Charakter von Salander einfach wegen der Fülle der Handlung nicht in einem Film dargestellt werden kann. Eine Serie könnte das vielleicht.
      Fuchs schreibt vom eisigen Winter, der so gut dargestellt wurde. Ich empfand es als unglaublich irritierend, dass Fincher bei den Dreharbeiten nicht auf die Jahreszeiten geachtet hat. Wenn man die Wechsel von Frühling, Herbst und Winter bei der Vegetation zusammenzählt, müsste die Handlung mindestens 5 Jahre gedauert haben.

  7. sophiacallejon schreibt:

    Ich finde die Bücher trotz ihrer stilistischen Mängel bemerkens- und lesenswert, weil wie du so schön darlegst, die Figur der Lisbeth Salander eine der interessantesten, plastischsten und differenziertesten weiblichen Heldenfiguren in einer Literaturgeschichte ist, die, auch im Populärbereich, sehr arm an weiblichen Helden- und Identifikationsfiguren ist. Und gerade für Mädchen literarische Role-Models sehr selten sind, die die Aura eines selbstbestimmten Frauenlebens, auch gegen Widrigkeiten vermitteln, anstatt, wie die Figuren Jane Austens über die Tolstois bis zu den Prinzessinen Leias der Populärkultur, immer fremdbestimmt ein mehr oder weniger tragisches Schicksal mehr oder weniger hilflos zu erdulden.

    Außerdem: sowohl die Bücher als auch die Filme vermitteln einen coolen, selbsbewussten Stil, und machen Lust, sich selbst tätowieren und piercen zu lassen.

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