Dinge, die wir hassen: Nazimemoiren und Nazi-„Dokumentationen“

Ein Gastbeitrag von Clara Moosmann

Die Auswirkungen der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur und ihrer – trotz Nolte und Konsorten – unvergleichbaren Verbrechen sind für jemanden, der heute in Mitteleuropa lebt, auch mehr als 65 Jahre nach ihrem Ende alltäglich spürbar. Wer heute mit offenen Augen durch Berlin, Wien oder München geht, wird an beinahe jeder Straßenecke mit der Nazivergangenheit konfrontiert, von der Wilhelmstraße über den Morzinplatz bis zur Feldherrnhalle.

Fundierte Aufklärung über die nationalsozialistische Vergangenheit, die Entwicklungsgeschichte des nationalsozialistischen Terrors, die unsagbaren Gräuel der nationalsozialistischen Organisationen (einschließlich der Wehrmacht), die Verstrickung der Bevölkerung in diese Verbrechen und die Konsequenzen des Nazigrauens in allen Lebensbereichen tut also schon sozialhygienisch dringend not.

Und bei oberflächlichem Blick über die Regale der Buchhandlungen oder das wöchentliche Fernsehprogramm könnte man meinen, die gesellschaftlichen Institutionen würden ihrer Aufklärungsverpflichtung nachkommen.

Das Bild Adolf Hitlers ist omnipräsent.

Sendungen mit Bezeichnungen wie „Hitlers Helfer“, „Hitlers Krieger“, „Hitlers Frauen“, „Hitlers Machtergreifung“, „Hitler und das Geld“, „Hitlers Familie“ oder „Geheimnisse des dritten Reichs“ laufen fast täglich auf irgendeinem TV-Kanal. Und auf den Bestsellertischen der Buchhandlungen lassen „Der letzte Zeuge. Ich war Hitlers Telefonist und Leibwächter“, „Bis zur letzten Stunde: Hitlers Sekretärin erzählt“, „Der Untergang“, und der Evergreen, Albert Speers „Erinnerungen“, fast keinen Platz mehr für den neuesten Harry-Potter-Abklatsch.

Ein Blick in diese Fernsehsendungen, ein Durchblättern (oder gar Lesen) dieser Bücher macht aber schnell klar, dass darin nichts aufgeklärt, nichts erklärt, nichts analysiert wird. Einziger Zweck dieser medialen Überschwemmung ist die Erfüllung eines offenbar bestehenden Publikumsbedürfnisses nach Bassenaklatsch, der ihm in Verbindung mit den in Grundzügen bekannten Verbrechen einen wohligen Schauer über den Rücken laufen lässt.

Der historische Wert all dieser medialen Veröffentlichungen ist, ebenso wie der aus ihnen abzuleitende Erkenntnisgewinn, null.

Da wird keine Erklärung für die Machtergreifung der braunen Horden geliefert, keine Ursachenforschung bezüglich der Mittäterschaft breiter Bevölkerungsgeschichten betrieben, keine Beschreibung der Machtstrukturen versucht, keine Analyse des Terrors angestrebt.

Dafür erfahren wir, dass der Vorgänger für Hitlers im Führerbunker tragisch verschiedenen Schäferhund „Blondi“ Muck hieß, (Rochus Misch, Der letzte Zeuge: Bei gutem Wetter durfte Blondi, Hitlers Schäferhündin, ihr Herrchen begleiten. Allerdings nur an der Leine, denn das Land um den Berghof war ein Wildparadies. Blondi war im Übrigen eine Idee aus dem Begleitkommando gewesen. Vor Blondi hatte Hitler einen nahezu schwarzen Schäferhund besessen, der Muck hieß.), Eva Braun auch einmal ein dünnes Nachthemd trug (Rochus Misch, Der letzte Zeuge: Ich öffnete also die Tür, tat einige Schritte hinein, und erst als ich an jenem frühen Morgen gerade dabei war, das Schriftstück abzulegen, bemerkte ich, dass jemand im Gästebett lag. Ich erschrak, dann erkannte ich Eva Braun, sie war nur mit einem sehr dünnen Nachthemd bekleidet. Das Blut schoss mir in den Kopf.), Hitler das Mittagessen mit seinen Sekretärinnen einnahm und Mehlspeisen liebte, der Mundgeruch des Führers aber für seine Umgebung unangenehm war (Traudl Junge, Bis zur letzten Stunde), und das Gift, mit dem sich Eva Braun umbrachte, unangenehm roch. (ebenfalls Traudl Junge: «Soeben habe ich den letzten und schwierigsten Befehl meines Lebens befolgt. Ich habe den Chef und Eva verbrannt», berichtete Günsche am Nachmittag des 30. April 1945 erschüttert den letzten Getreuen Hitlers, die seit Wochen in der gespenstischen Parallelwelt des Führerbunkers unter der Reichskanzlei ausgeharrt hatten. «Eva war noch ganz warm, als ich sie nach oben trug. Das Gift stinkt schrecklich, der Geruch ist kaum auszuhalten», erzählt Günsche weiter. Die Schachtel mit der Asche Hitlers wurde vom Leiter der Hitlerjugend, Artur Axmann, aus dem Bunker gebracht.)

Allen Memoirenschreibern, von Speer über Junge zu Misch ist gemeinsam, dass sie nicht nur nichts von der Judenvernichtung wussten (Speer nicht einmal, obwohl er bei der Posener Rede Himmlers im Jahre 1943 („Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. – ‚Das jüdische Volk wird ausgerottet’, sagt ein jeder Parteigenosse‚ ‚ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.’ […] Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte. […] Wir hatten das moralische Recht, wir hatten die Pflicht gegenüber unserem Volk, dieses Volk, das uns umbringen wollte, umzubringen.“) nachweislich angeregt zuhörte), sondern ihren Führer kaum einmal ein lautes Wort, geschweige denn irgendetwas Negatives über die Juden sagen hörten.

Die vorhin erwähnten Fernsehsendungen (meist aus dem Pathosempire des Guido Knopp stammend) informieren uns (Sensation: teilweise in Farbe!) detailliert über die Affäre – trotz Klumpfuß! – von Propagandaminister Goebbels mit der Schauspielerin Lida Baarova, nicht aber über dessen Schlüsselrolle an der nochmaligen Radikalisierung des Naziregimes nach dem 20. Juli 1944 und den dadurch verursachten Millionen zusätzlicher Ermordeter.

Sie schildern Speers abstruse Baupläne für die Welthauptstadt „Germania“, ohne näher auf seine Hauptverantwortung an der schonungslosen Ausbeutung und Ermordung von Zwangsarbeitern („DORA-Mittelbau“ etc.) einzugehen.  Sie stellen uns Görings lustige Phantasieuniformen und seine aus ganz Europa zusammengeraubte Kunstsammlung vor, ohne seine Rolle bei den Flächenbombardements, von Guernica bis Coventry, zu beleuchten. Und sie präsentieren Rudolf Heß als skurrilen Esoteriker, dessen Flug nach Schottland angeblich eine fliegerische Meisterleistung darstellte, ohne seine Schlüsselrolle beim Aufbau des Naziterrors und seine Verantwortung für den Aufstieg Bormanns darzulegen.

Hitler (und teilweise Himmler) hingegen sind in diesen Darstellungen die Drahtzieher und Bösewichte, die zwar am ganzen Grauen allein schuld sind, aber dennoch menschliche Züge hatten. (Eva Braun! Blondi! Homevideos vom Berghof am Obersalzberg! Mit den Goebbels-, Bormann- und Speerkindern! In Farbe!)

Ansonsten ist den Nazimemoiren und den Nazi-„Dokumentationen“ gemeinsam, dass Fragen nach Schuld und Verantwortung höchstens durch Allgemeinplätze vordergründig aufgeworfen werden und mit dem Verweis auf die Alleinschuld Hitlers, des Dämons, der Apfelstrudel und Wagneropern liebte, schnell beantwortet sind. Über die anekdotische Geschichte von Einzelpersonen in möglichst emotionalisierter Form hinaus (das tragische Schicksal der Goebbels-Kinder! Rommels erzwungener Selbstmord!) werden weder Fragen gestellt noch Erklärungsansätze versucht.

Der ganze Schwall dieser Nazimemoiren und Nazi-„Dokumentationen“ – deren reißerische pathosgeladene Ästhetik einen eigenen Beitrag wert wäre – ist daher nicht nur wertlos, sondern trägt sogar dazu bei, dass richtige historische Aufklärung erschwert wird, weil das Publikum abgestumpft vom verbreiteten löchrigen Viertelwissen eine tiefschürfendere Auseinandersetzung scheut.

Also, räumt den Nazimemoirendreck aus den Buchhandlungen, streicht die Hitlerdokus der Nazierinnerungsindustrie aus den TV-Programmen, schickt Guido Knopp in den Ruhestand, und fangt ganz neu an, historische Fakten zu vermitteln.

Durch Viktor Klemperers Tagebücher und seine LTI, durch Raul Hilbergs Die Vernichtung der europäischen Juden; durch Claude Lanzmanns Shoah, durch Primo Levis Ist das ein Mensch, durch Ian Kershaws Hitler-Biographie, durch Arendts Eichmann in Jerusalem, durch Eugen Kogons SS-Staat, durch Heydeckers Nürnberger Prozeß, durch William Shirers Aufstieg und Fall des dritten Reiches und viele andere fundierte Meisterwerke.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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14 Antworten zu Dinge, die wir hassen: Nazimemoiren und Nazi-„Dokumentationen“

  1. wienerhans schreibt:

    überhaupt interessannt zu beobachten: wie viele „kriegsdokus“ momentan im orf gezeigt werden – was soll das bedeuten ?!

    • Da wird halt der Erfolg der Guido-Knopp-Industrie im ZDF zum Vorbild genommen, einige Jahre verspätet. Zuerst Meiser – dann Schiejok, zuerst Schreinemakers – dann Rußwurm, zuerst Jauch – dann Assinger, ich glaube das erklärt die Strategie, oder? Dazu kommt vielleicht auch noch, dass die zuständigen Leiter (Seledec etc.) durchaus militäraffin sind, um es vorsichtig auszudrücken.

  2. Elke Lahartinger schreibt:

    Diese Knoppsche Pathosindustrie ist zum Kotzen. Und Woody Allen hat zu den Nazimemoiren einmal eine hübsche Parodie geliefert: „Ich war Hitlers Friseur“. Das hat soviel mit Geschichte zu tun wie Deutschland sucht den Superstar mit Musik.

  3. oxypelagius schreibt:

    … und vorallem behandelt die Neonazis wie normale Kriminelle..Ohne gleich die Kanonen vom „Staaaaatsschutz“ auffahren zu lassen. Stülpt denen die normalen Strafgesetze über, die Strafen unaufgeregt ein deutliches Pfund heftiger und gut isses.. Das macht die Deppen schon mal ein Stückerl weniger interessant für ihr Biotop..Wie sagte Harald Schmidt: “ Die Analphabeten-Rate ist so hoch dort, die könnten nicht mal Bekennerschreiben losschicken..“ Wenn es andererseits über die nix zu lesen gibt, dann trocknen wir den Sumpf aus. Ein Staatsakt für die zehn Ermordeten? Püh! Wem nützt den so was? Dem feixenden braunen Pöbel, der sieht wie sehr sie ins Mark getroffen haben und/oder den verheuchelten Betroffenheitsfressen aus Politik und Schickeria, welche in jede Kamera die man ihnen vor die Nase hält Krokodilstränen greinen…

    • Das gehört auch dazu, da hast du recht. Statt Vollidioten zu verfolgen, die „Führerwein“ verkaufen und ihre Pickelfressen in die Reichskriegsflagge wickeln (und ihnen öffentliche Plattformen zu geben), sachliche Vermittlung von Fakten, die für sich selber sprechen.

      Keine Spiegel-TV-Dokus mehr, bei denen des Führers Homevideos (ERSTMALS IN FARBE) gezeigt werden, dann muß Gottfried Küssel sich was anderes suchen , zu dem er onanieren kann.

      Und Ende mit diesen absurden Nachwahlinterviews, in denen NDP-Debilos zu Märtyrern gemacht werden, weil Journalisten auf einmal ganz böse schauen können, wenn sie denen Vorhaltungen machen und sich irre heldenhaft fühlen, weil sie ihnen das Wort abgeschnitten haben.

  4. rrfernandez1 schreibt:

    Gut, dass du auch den ansonsten – teilweise auch zu Recht – heiligen Andre Heller mit seiner Traudl-Junge-Doku anführst. Die hochgelobte Traudl-Junge_Doku war nämlich nichts anderes, als auch ein weiterer Beitrag zum „Der Führer war auch nur ein Mensch mit guten Manieren und Mundgeruch, und tierlieb war er auch noch“-Genre, das so unerträglich ist.

  5. oxypelagius schreibt:

    ach ja und nicht zu vergessen: Die ewige Distanzierungsleier! NEIN! Ich muss mich von dem Pack nicht distanzieren. Distanzieren ist ein dynamischer Prozeß, welcher anfängliche Nähe vorraussetzt. Aber meine Distanz ist von Anfang an die größmögliche, so weit wie ich von dieser
    Denke ( ui! ein Oxymoron: Nazis und Denke!) entfernt bin, ist das nicht mehr distanzierbar. Es ist bezuglos in Einsteinschen Sinne absolut….

  6. Dieses wohlfeile Distanzieren ist das Gleiche, was das die-politische-Verantwortung-übernehmen in anderem Zusammenhang für Politiker ist. Kostet nichts, bedeutet nichts, aber es wurde was gesagt.

  7. S.Blue schreibt:

    Passend zu diesem Artikel: ein sehr aufklärerischer Beitrag der Bildzeitung (Hitler unterm Weihnachtsbaum), inklusive Farbbild des Führers:

    http://www.bild.de/news/inland/adolf-hitler/farbfoto-mit-weihnachtsbaum-21781134.bild.html

  8. oxypelagius schreibt:

    Was wäre BILD ohne solche Bilder? Dieser widerliche Blaulicht/Rotlichtdreck ist nur eine andere Skalierung des Stürmers. Beides bedient und bediente unterste Instinkte um obersten Interessen gerecht zu werden. Wieso ist der Begriff “ Zensur“ eigentlich nur negativ belegt?

    • S.Blue schreibt:

      Die Funktionsweise ist die Gleiche wie bei Pornoheftchen. Es wird mit Bildern ein Aufgeileffekt angestrebt, der dazu führt, dass beim Betrachter das Hirn ausgeschaltet wird und er sich köroperlich oder geistig selbstbefriedigt.

  9. SevRa schreibt:

    Sehr treffender Artikel. Hitler sells, und auch die „seriösen“ Medien nutzen das skrupellos aus. Der Spiegel hat in der Sauren-Gurken-Zeit jedes Jahr Nazicovers, und das gilt für Profil etc. genauso. Und diese ganzen Hitlergeschichten halten die Faszination am Kochen, die der Moelzergazette immer wieder neue Leser zuführt.

  10. adrianabrauner schreibt:

    Gut analysiert, die Gier danach, sich an braunen Unterhosen-, Schauer- und Gruselgeschichten zu befriedigen, wird durch die Mainstreammedien durch einen dauernden Strom von nichts enthuellenden Enthüllungen angestachelt. Naziporno, nichts anderes.

  11. ilovesweetjoni schreibt:

    Ja, ekelhaft, ständig dieser braunen Scheisse (exklusiv! in Farbe!) ausgesetzt zu sein. Diese Knoppsche Trivialisierung bewirkt, dass Hitler und Konsorten inzwischen so als interessante Filmschurken wahrgenommen werden, irgendwo zwischen Darth Vader, dem Riddler und Goldfinger. Und die Millionen Opfer werden zur Fußnote im Spiel um die gruselig-sympathischste Homestory vom Berghoff oder aus dem Führerbunker.

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