Fleischfresser und Weltretter

Ich esse gerne Fleisch. Andere tun das nicht. Manche von ihnen sehr militant nicht.

Sie sagen, Fleischessen fördere Klimawandel durch erhöhten CO2-Ausstoß, Hunger in der dritten Welt und Leiden für Tiere. Vegetarische Ernährung vermeide das und schaffe eine bessere Welt. Viele überzeugte Vegetarier fühlen sich deshalb moralisch überlegen.

Die bei der Herstellung eines Kilos Fleisch anfallende CO2-Emmission wird von verschiedenen Quellen mit jener einer Autofahrt von 20 bis 250km (sic!) verglichen.

Für den Anbau von Kraftfutter aus Soja werden signifikante Urwaldflächen gerodet, oder Anbauflächen der lokalen Bevölkerung weggenommen. Das führt zu Armut und Hunger.

Unsagbar grausame Bedingungen herrschen in vielen fleischerzeugenden Betrieben. Die Tiere sind eingepfercht und werden mit Medikamenten vollgepumpt, um das Wachstum zu beschleunigen und Seuchen zu vermeiden.

Durch Futtermittel in der Massentierhaltung wird alle paar Jahre ein Skandal ausgelöst. Sei es, dass mit Giftstoffen verseuchtes Futter verwendet wird, sei es, dass Tierkadaver vermahlen werden und Pflanzenfressern als Hauptnahrungsquelle dienen.

Das ist alles wahr. Gerade Billigfleisch wird auf unökologische, unwürdige und ekelhafte Art und Weise produziert. Das schadet der Umwelt, der Gesundheit und verursacht an Orten, von denen wir beim Schnitzelessen nichts mitbekommen, unsägliches Leid.

Aber, ist eine vegetarische Ernährung wirklich die Lösung aller Probleme?

Beim Vergleich von Fleisch- und Gemüseproduktion werden die Probleme der Fleischerzeugung angeführt. Gemüse werde, so wird argumentiert, einfach, mit geringer CO2-Emmision und ohne Leid erzeugt.

Der aufrechte Vegetarier beißt jetzt im Winter in seine Gurke und atmet auf, weil kein Lebewesen leiden muss für sein Abendessen.

Das ist aber nicht der Fall. Nur selten interessieren sich die Medien für die Arbeitsbedingungen der Erntearbeiter. In Spanien leben Flüchtlinge aus Afrika in Hütten aus Obstkisten und Plastikfolie. Sie haben keine sanitären Einrichtungen, keine Möglichkeit, sich Essen zuzubereiten. Löhne werden ihnen ausbezahlt, von denen niemand in Europa leben kann. Viele Erntearbeiter haben keine Papiere. Wenn sie sich über die Arbeitsbedingungen beschweren, wird ihnen mit einer Anzeige bei der Polizei gedroht. Viele haben eine Berufsausbildung in ihrem Herkunftsland abgeschlossen und erhofften sich eine bessere Zukunft in Europa. Nun sind sie derart verarmt, dass sie sich nicht mehr leisten können, fortzugehen.

Alle fristen ein Dasein voll harter Arbeit und unzähliger Demütigungen. Das ist Sklaverei. Mitten in der Europäischen Union (http://www.guardian.co.uk/business/2011/feb/07/spain-salad-growers-slaves-charities ).

Wer sind die Nutznießer dieser Ausbeutung? Die spanischen Bauern? Sicher sparen sie sich viel Geld durch die illegalen Schwarzarbeiter. Die Supermärkte, die ihre Waren abnehmen, drücken jedoch die Preise derart, dass sich ein spanischer Bauer gar nicht leisten kann, sein Obst und Gemüse menschenwürdig und legal zu produzieren. Uns ist es selbstverständlich, den gesamten Winter hindurch unsere Gurke für 59 Cent zu beziehen. Mehr ist uns diese Gurke nicht wert.

Kostenwahrheit ist das nicht. Aber alle schauen lieber weg, obwohl das Problem seit Jahren bekannt ist.

Fleischverzicht alleine führt eben nicht zu einer besseren Welt. Darüber sollte sich niemand Illusionen machen. Die fundamentalen Probleme sind die Produktionsbedingungen der Lebensmittel. Solange nicht nachhaltig und ohne Leid für Mensch und Tier produziert wird, solange die hohen Subventionen in den Industrienationen die Agrarwirtschaft in der dritten Welt lähmen und solange bei der Lebensmittelproduktion nicht im Entferntesten Kostenwahrheit herrscht, wird die Welt auch keine bessere werden.

Wir haben das Glück, im Ort einen Metzger zu haben, der Biofleisch verkauft. Ich weiß, aus welchem Betrieb die Bio-Rinder kommen, sie grasen auf der Weide etwa fünf Minuten von unserem Haus entfernt.

Dieses Fleisch ist ökologisch einwandfreier als die spanische Gurke, selbst wenn es einen höheren CO2-Fußabdruck hat.

Die Welt ist eben nicht so einfach, wie manche sie darstellen wollen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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11 Antworten zu Fleischfresser und Weltretter

  1. Life is complicated, wie schon Ray Davies gesungen hat

  2. ich bin seit über 10 jahren vegetarierin, aber ich würde mir nie anmaßen, andere bekehren zu wollen oder zu glauben, dass ich damit irgendetwas zur rettung der welt beitrage; solange ein großteil der lebensmittel so produziert wird, wie heutzutage üblich, ist die moralische entscheidung nicht vegetarier oder nichtvegetarier, sondern – immer im rahmen der ökonomischen möglichkeiten – nachhaltig oder nicht nachhaltig;

  3. Norm schreibt:

    Vegetarier sind wie Atheisten. Spinner, die das bekämpfen was tausende Jahre bewährt ist

    • Karin Koller schreibt:

      Die meisten Vegetarier essen kein Fleisch, weil sie keines mögen.
      Ich spreche nur über jene, die glauben, sie seien anderen moralisch überlegen durch ihre Lebensweise und die nicht darüber nachdenken, wo eigentlich ihr Gemüse herkommt.
      Atheistin bin ich selbst auch und nicht alles, was sich über Jahrtausende bewährt hat, ist tatsächlich gut.

  4. anniefee schreibt:

    Nun ja. Ich halte mich ja für sehr moderat (mittlerweile, in den Anfangzeiten, wo vegane Propaganda mich völlig eingewickelt hatte, war das anders 😉 ) , aber diese Gleichsetzung Gemüse-Fleisch nervt auch ein bisschen.
    Du führst es ja wenigstens recht differenziert aus, aber viele Fleischfans (und Milchfans !) vergessen irgendwie, dass die Kuh mehr als etwas Gras braucht. Dass für die Milch oder das Rinderschnitzel also doppelt Menschen und Böden benutzt (und im Billigbereich auch missbraucht) werden, für die Gurke nur einmal.
    Wobei die meisten Vegetarier und VeganerInnen eh so mächtig moralisch sind, dass sie nur den fair trade und Bioladenkram konsumieren.

    Ich sag immer : jeder so moralisch wie möglich – und Biofleisch ist schon mal ein Anfang. Der eigene Komposthaufen auch. Jeder hat so seine Fehler, außer vielleicht die Leute in Aussteigerdörfern, die sich komplett selbst versorgen, obwohl, wer weiß…

    • Norm schreibt:

      Die Kuh braucht mehr als Gras, und was ist mit den Bewässerungsanlagen für Gemüsefelder, die Beheizung von Glashäusern, der CO2-Ausstoss von Mähdreschern undsoweiter?

      • anniefee schreibt:

        Was ist mit dem Giftmüll, den Nicht-Biokühe ausscheiden ?
        Was mit dem Benzinbedarf der Heuwendemaschinen und Strohernter ?

        – man kann daraus eine Riesen-Vergleichswissenschaft machen. Man könnte aber auch einfach kompromissbereit sagen,
        dass es allen gut täte, möglichst
        lokal, bio und tierarm zu essen.
        Halt so wie wie im Mittelalter, nur mit besseren Konservierungsmethoden.

      • Astrid schreibt:

        Ich glaube auch, es kommt mehr auf die Gesamtbilanz an, als, ob man jetzt Fleisch isst oder nicht. Wer vegetarisch lebt, aber einen Hummer fährt, oder mit dem Privatjet fliegt, wie manche Hollywoodheinis, der braucht niemandem Vorträge halten. Aber ich bin insgesamt schon der Meinung, dass es sinnvoll ist, moralisch und ökologisch, den Fleischkonsum zu reduzieren. Das Problem ist aber auch, dass viele Leute nicht das Geld haben, um sich Biolebensmittel leisten zu können. Und denen gegenüber von oben herab zu moralisieren ist sowieso daneben.

      • Karin Koller schreibt:

        Von oben herab zu moralisieren ist nie angebracht.
        Die Probleme der Lebensmittelherstellung werden gerne einseitig dargestellt: Fleisch schlecht, Gemüse gut. Die Lösung wird auch gerne einseitig dargestellt: Weniger CO2-Footprint rettet die Welt. Die Themen Menschrechte, Agrarpolitik und Subventionen werden nicht angetastet. Das ist zu komplex und ergibt auch keine einfache Basis für jene, die moralisieren wollen.

  5. Elke Lahartinger schreibt:

    Vegetarier hin oder her, was in dem zitierten Guardianartikel beschrieben wird, ist grauenhaft und eine zwangsläufige Folge unseres Agrarindustriesystems, in dem Oligopolisten eine solche Marktmacht ausüben, dass sie die Preise mehr oder weniger willkürlich drücken können. Und da sich unter Hinweis auf die angebliche Konsumentenfreundlichkeit niedriger Preise viele Institutionen, die es besser wissen müssten (Gewerkschaften etc.), zu Handlangern dieser Oligopolisten machen, scheint eine Systemänderung weiter entfernt denn je.

  6. quantenlog schreibt:

    Ein guter Artikel ist das! Über die Arbeitsbedingungen habe ich vorher noch nichts gewusst.
    Ich finde es allerings sehr nervig, dass Vegetariern ständig vorgeworfen wird, sie fühlten sich moralische überlegen. Meiner meinung nach sind das die wenigsten. Gut, die schreien natürlich auch am lautesten…
    Für die Produktion von 1kg Fleisch ist deutlich mehr landwirtschafliche Produktion nötig, als für 1kg Gemüse, denn auch Schweine essen Gurken. Der Vegetarier steht also tendenziell besser dar. Aber du hast natürlich recht, wenn du schreibst, dass das nur die halbe Miete ist.

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