Vorstellung und Wirklichkeit

Doris Knecht schreibt in Gruber geht: „…weil man sich doch naturgemäß bis zum Moment der Wirklichwerdung egal welcher Sache und Angelegenheit gar nichts vorstellen kann. Nicht wie man sich in einem maßgeschneiderten Savile Row Bespoke Suit fühlt, nicht wie es ist, eine Frau mit Intimpiercing zu vögeln, nicht wie es sich in einem Kerl anfühlt, nicht, wie es sein wird, wenn man dieses E jetzt schluckt, nicht wie es sich anfühlt, Krebs zu haben, nicht, wie furchtbar man sich nach eine Chemo fühlt und nicht, wie es ist, wenn man jemanden verliert, nicht wie weh es tut, wenn man sich einen Finger abschneidet und nicht, wie man ein Kind hat.“

Bei den meisten Dingen hat man nur eine vage Ahnung, wie sie sein werden. Genauso wenig kann man wissen, wie man reagieren wird in bestimmten Situationen.

So banal das klingt, man muss sich diese Tatsachen manchmal in Erinnerung rufen. Sonst wird man entweder überheblich oder ergibt sich in grundlose Bewunderung.

Vor vielen Jahren hielt ein Geiselnehmer eine Kindergartengruppe fest. Er wollte die Kindergartenbetreuerin freilassen. Sie blieb bei den Kindern, um diese zu beruhigen und das Schlimmste zu verhindern. Das war ein unglaublicher Akt von Zivilcourage. Wahrscheinlich hat sie das Leben der Kinder gerettet. Eine ältere Dame, mit der ich damals darüber sprach, sagte nur: „Sicher bleibt sie bei den Kindern, es ist ihr Job. Das würde jeder tun.“

Die Überheblichkeit dieser Frau, die einen großen Teil ihrer Lebensenergie darauf verwendete, Kaffeehauspersonal anzuschreien, weil die Sahneportion zu klein war oder der Kaffee nicht heiß genug, nahm mir den Atem. Man kann nicht wissen, wie man in so einer Situation reagiert. Man kann nicht voraussetzen, dass man mutig sein wird.

Nachdem wir Katharinas Krankheit überstanden hatten, sagten immer wieder Leute zu mir: „Da hast du eine unglaubliche Leistung vollbracht, das hätte ich nicht geschafft.“

Die lebensbedrohende Erkrankung meines Kindes war das Schlimmste, das ich erleben musste. Ich war durch nichts darauf vorbereitet. So etwas ist unvorstellbar.

Eine solche Situation zu überstehen ist aber keine Leistung sondern eine Notwendigkeit. Man hat keine Wahl. Man kann nicht sagen, bis hierher habe ich durchgehalten, ein anderer soll nun übernehmen. Man tut einfach, was getan werden muss, Schritt für Schritt für Schritt, bis es vorbei ist.

Ich hatte Angst, die Angst war eigentlich das Schlimmste. Trotzdem musste ich in so vielen Situationen Ruhe ausstrahlen, damit Katharina sich nicht beunruhigte, damit die Untersuchungen für sie nicht traumatisch wurden und damit ein bisschen Normalität in unser Leben einkehren konnte. Ich sang ihr Lieder vor, während wir auf die Operation warten mussten und sie vor Angst weinte. Ich spielte, dass die Plastik-Disneyfiguren den Löffel mit Püree für sie anschleppten, als sie nicht essen wollte. Ich machte aus der Waschschüssel einen Ententeich, wenn sie sich nicht waschen ließ, weil sie den Herzkatheter nicht anschauen wollte.

Das waren lauter Kleinigkeiten, bei denen ich lustig sein musste, obwohl mir zum Weinen zumute war. Vielleicht konnte ich vieles gerade deshalb besser ertragen, weil ich Frohsinn vorgaukelte und mich nicht in Selbstmitleid suhlen durfte. Aber es kostete Kraft und ich musste ständig darauf achten, dass ich nicht umkippte oder den Verstand verlor. Meine Familie hat mir dabei geholfen. Alle haben ihr bestes gegeben und wir haben es überstanden. Wir können stolz darauf sein, aber heldenhaft waren wir nicht.

Wissen kann man vorher nicht, wie es sein wird und was man tun wird. Wenn die Situation eintritt, kann man nur versuchen, sie zu bewältigen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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8 Antworten zu Vorstellung und Wirklichkeit

  1. Elke Lahartinger schreibt:

    Ja, man darf sich nur nicht lähmen lassen von der Ungewissheit. Am besten erscheint mir, Neuland vorsichtig, aber neugierig zu erkunden.

  2. rrfernandez1 schreibt:

    Und gut, dass man manchmal nicht weiß, was einen erwartet.

  3. Wie schafft man es, die Angst (und damit die Realität) nicht zu verdrängen, aber sich von ihr trotzdem nicht lähmen zu lassen?

    • Karin Koller schreibt:

      Nach meiner Erfahrung ist es immer nur die diffuse, ungreifbare Angst, die einen lähmt (wie bei mir die Autoangst). In einer konkreten Angstsituation wie der Krankheit eines Kindes wird ohnehin Schritt für Schritt vorgegeben, was man tun muss. Es kommt nur noch darauf an, wie gut man es macht. Lähmend ist immer nur, wenn man den nächsten Schritt nicht unbedingt machen muss.

      • Aber es gibt doch auch Situationen, in denen man das Unausweichliche verzögert oder unterlässt, aus Angst.

      • Karin Koller schreibt:

        Das gibt es sicher. Aber bei einer Leukämieerkrankung sind die meisten Dinge wirklich unausweichlich und unaufschiebbar. Deshalb muss man sich wenigstens nicht mit angstvollen Verzögerungen auseinandersetzen. Deshalb ist man auch nicht heldenhaft, weil die Angst zwar ein ständiger Begleiter ist, aber nicht unmittelbar bezwungen werden muss.
        Andere Lebenssituationen erfordern das Bezwingen der Angst und dann kann man leicht aus Angst etwas unterlassen oder das Falsche tun.

  4. SB schreibt:

    Schön ausgedrückt

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