Beinharter Protest, vor allem gegen mich selbst

Ein Gastbeitrag von Nicole Lee

2011 war das Jahr, in dem sich im Nahen Osten große Teile der Bevölkerung gegen korrupte Potentaten aufgelehnt haben und seit Jahrzehnten an der Macht befindliche autoritäre Regimes, die gegen jede Regung von Dissens gewaltsam vorgegangen sind, durch mutigen Einsatz ihrer Freiheit, ihrer Gesundheit und sogar ihres Lebens ins Wanken gebracht und schließlich gestürzt haben.

Bei uns war Mut sehr viel billiger.

Die Auflehnung gegen den Status Quo, die Kritik an den herrschenden Zuständen, das Handeln gegen eine fehlgeleitete Politik wäre in den meisten Fällen für jeden von uns mit gar keinen negativen Konsequenzen verbunden gewesen.

Schlimmste denkbare Folge für jemanden, der in seinem Protest so weit gegangen wäre, einer als ungerecht empfundenen staatlichen Anordnung zuwiderzuhandeln oder eine als falsch betrachtete Vorschrift zu missachten, wäre die Einleitung eines (Verwaltungs-)Strafverfahrens gewesen, das zu einer geringfügigen Geldstrafe führen hätte können.

Und dennoch ist es hier – ausgenommen von einigen Ablegern der Occupy-Bewegung, die schüchtern am Bewusstsein des Mainstream geklopft haben – trotz allgemeinem Unbehagen an den ökonomischen Verhältnissen, und geradezu zu allumfassender Ablehnung der politischen Akteure, ja der gesamten politischen Klasse, zu keinen signifikanten systemkritischen Aktionen, geschweige denn zu Handlungen, die eine politische Umwälzung auch nur im Ansatz anstreben, gekommen.

Das Feld des politischen Protestes wurde den „Wutbürgern“ überlassen, typischerweise wohlsituierten Herrschaften gehobenen Alters unter Führung noch wohlsituierterer gescheiterter Expolitiker, Journalisten und sonstiger halbpromintenter ehemaliger Stützen des Apparates, die – ohne das System ernsthaft zu hinterfragen – an Stelle „der Politiker“ , die sie enttäuscht haben, „Köpfe, Führer (zur Beruhigung: Leader)“ (so Gerd Bacher auf Meinoe.at) herbeisehnen und deren einziges konkretes – allen gemeinsames – Ziel im „Sparen“ besteht. Darunter verstehen sie die Kürzung staatlicher Ausgaben für alle anderen als sie selbst, die sie ja oft Bezieher von weit überdurchschnittlichen staatlichen Politiker – oder Beamtenpensionen sind.

Dass dieses vollkommen empathiefreie und im rein Abstrakten bleibende Wutbürgertum, dem es nie um die Verbesserung der Lebenssituation einzelner Menschen geht, das nie die Auswirkungen von systematischen Problemen auf die konkrete Lebenswirklichkeit von Individuen bekämpft, nicht geeignet war, eine allgemeine Protestbewegung anzustoßen, ist nur folgerichtig.

Das Beispiel dieser elitären Sparefrohwutbürgerbewegung und ihres vorhersehbaren und folgenlosen Scheiterns macht aber deutlich, dass sich von selbst, oder gar von oben durch irgendwelche „Köpfe, Führer“, nie eine Protestbewegung bilden wird, die – um jetzt konkret für Österreich zu sprechen – dafür sorgt, dass

– systematische Korruption dauerhaft verunmöglicht wird,

– die Symbolfiguren des Machtmissbrauches die juristischen Konsequenzen ihres Tuns zu spüren bekommen,

– eine Medienlandschaft entsteht, die unabhängig und furchtlos informiert, anstatt als Sprachrohr der Herrschenden von Parteien und Interessengruppen zu dienen,

– eine menschenrechtskonforme Behandlung aller Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, garantiert ist,

– der Versuch unternommen wird, allen Kindern durch zielgerichtete Förderung zumindest ansatzweise gleiche Startbedingungen ins Leben zu ermöglichen,

– staatliche Eingriffe ins Privatleben so gering wie möglich gehalten werden,

– ein Steuer- und Wirtschaftssystem angestrebt wird, das nicht Eigeninitiative und Kreativität bestraft und dafür den Schutz – wie immer auch akkumulierter – großer Vermögen zur Staatsmaxime macht, das dafür den politisch Tätigen Mut macht, die Chancen für kreatives politisches Handeln wahrzunehmen und nicht die eigene mut- und lustlose Untätigkeit mit Systemzwängen zu rechtfertigen.

Eine Änderung der gegebenen Verhältnisse kann, das ist meine Lehre aus den Entwicklungen des Jahres 2011, nur dadurch bewirkt werden, dass man das winzige Bisschen Mut, das dafür bei uns überhaupt benötigt wird, zusammennimmt, und selbst im Rahmen seiner Möglichkeiten handelt. Auch wenn man nichts bewirkt, muss man sich dann wenigstens nicht den Selbstvorwurf gefallen lassen, apathisch geblieben zu sein.

Ich habe mir deshalb vorgenommen, mich 2012 nicht mehr wie im vergangenen Jahr fast täglich von den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz, in Damaskus oder in Moskau beschämen zu lassen, sondern mich, wo ich das kann, einzumischen und überall dort zu handeln, wo ich mich bisher darauf beschränkt habe, meinem Missfallen mit einem unwilligen Grunzen Ausdruck zu verleihen.

Das bedeutet, dass ich versuchen werde, wo ich es aufgrund meiner Ausbildung und meiner ökonomischen Mittel kann, den Opfern der Zustände konkrete Hilfe zu leisten, dass ich mit meiner Meinung zu den Zuständen überall, wo ich bin, nicht hinter dem Berg halten werde, sondern meine Ansichten, so gut es geht, vernehmbar mache, und dabei keine Rücksichten mehr darauf nehmen werde, ob das Umfeld oder die Situation für eine Meinungsäußerung „passend“ ist, und dass ich mich in jener politischen Gruppierung, von der ich mir am ehesten eine Änderung der Zustände erwarte, engagieren werde.

Ich hoffe, einige da draußen sehen das ähnlich.

Unser Motto für 2012 sollte, wie schon der Ostbahn-Kurti immer gesagt hat, sein: Loss ma uns nix gfoin!

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Beinharter Protest, vor allem gegen mich selbst

  1. Du hast recht, man müsste sich am Riemen reissen. Aber dennoch, bei aller psychohygienischer Wirkung: bleibt es nicht ein Kampf gegen Windmühlen?

    • NicoleLee schreibt:

      Wahrscheinlich. Aber mir geht es vor allem um mein Wohl. Und ich fühle mich nicht mehr wohl, wenn ich all das weiter – zwar unwillig, aber doch – einfach hinnehme

  2. „Köpfe, Führer (zur Beruhigung: Leader)“: da sieht man, dass Herr Bacher im Laufe eines langen Lebens nichts hinzugelernt hat. Wer nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts Führer sucht, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

    Wobei, wie ich vor einigen Monaten gelesen habe, seine momentane Lichtgestalt Gerhard Zeiler ist. Da würde sich als passender Gruß für Herrn Bacher „Heiler Zeiler!“ anbieten.

    • rrfernandez1 schreibt:

      Wer dieses Video gesehen hat (http://www.krone.at/Videos/Pandi/Na_Mahlzeit_Pandi_laesst_die_Sau_raus-Politik_im_Bild-Video-307744), dem ist klar, das wir weder Wutbürger noch Führer brauchen, zumal die Faymanns, Buseks, Hundsdorfers, Konrads, Rauschers, Strassers, Mensdorff-Pouillys, Spindeleggers, Brandstätters, Riess-Passers, Wrabetze und Konsorten nach Abschluß der Showkämpfe alle eine große Familie sind, die fröhlich drauf anstoßen, wie sie uns armen Trotteln die Illusion vermittelt, es gäbe eine politische Auseinandersetzung, in deren Folge die Wähler etwas entscheiden können.

      Insofern: Fight the Sauschädelfresser!

      • JoM schreibt:

        Ja, da wird der Busek-Erhard beim Sauschädelfressen dafür belohnt, dass er mit seinem „Bürgerbegehren“ den öffentlichen Frust systemstützend kanalisiert hat. „MeinOe“ und die Buseks und Rauschers dieser Welt spielen hier die gleiche Rolle, die die Blockflöten von der Ost-CDU in der DDR gespielt hat.

      • Der subversive Akt, der in Österreich das ganze politische Establishment für einige Zeit lahmlegen könnte und offenlegen würde, wer mit wem allem verhabert ist, wäre, in die Knödel und ins Saftl beim Sauschädelessen ordentliche Portionen Abführmittel einzurühren. Als positive Nebenwirkung wären dann auch Österreichs allergrößten Ärsche tatsächlich wund.

      • NicoleLee schreibt:

        DasVideo zeigt schön, wie die tatsächlichen Machtverhältnisse in Österreich aussehen. Raiffeisen ruft, und alle, vom Bundesheinzi bis zum Grafen Ali, stehen habacht.

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