Janosch: Wahre Lügengeschichten

Der Nussknacker Lari Fari Mogelzahn wohnt mit dem Quasselkasper und anderen weggelegten Spielsachen auf einem Dachboden des Eisenbahnsignalvorstehers Gleisennagel mit seinen Freunden in einer Spielzeugkiste. Jeden Abend erzählt er eine Lügengeschichte, oft in der Art von Till Eulenspiegel, aber phantasievoller und zarter und lustiger. Die Geschichten handeln von den gefährlichen Pfefferzwergen, dem elektrischen Baron Schlick von Schluck oder der schönen Prinzessin Lulu aus Marzipan.

Ein Mitbewohner, der ehrliche Löwe Hans, muss aber jeden fressen, der lügt. Ständig versucht er Lari Fari bei einer Lüge zu ertappen, ist aber nicht schlau genug, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Durch geschickte Wortspiele, das Anwenden von Klischees und Schmeicheleien gelingt es Lari Fari immer wieder, den Löwen zu beruhigen.

Im zweiten Teil des Buches hat der ehrliche Löwe Hans schlechte Laune und droht, Lari Fari mit einer Fangfrage zu überlisten. Der Nussknacker überlegt sich die Antwort, bevor er die Frage hört, und kann dem Gefressenwerden nur ausweichen, indem er Hans verspricht, ihm den von ihm selbst erfundenen Räuber Johnny Schnapsglas zu zeigen.

Hans und Lari Fari verlassen das Spielzeugkistenland und wandern durch die Welt. Dort erleben sie viele Abenteuer. Sie werden mehrmals gefangen, fallen aus einem Auto, kommen dann doch nach Venedig und von dort in einem Fischbauch. Nach ihrer Rettung schließen sie sich einer Puppentheatergruppe an, werden gestohlen, von der Polizei aufgegriffen und landen schließlich wieder in der Spielzeugkiste, weil sie der Herr Gleisennagel rettet. Auf dem Heimweg erzählt der alte Mann einer Frau von seiner Kindheit mit diesen beiden Puppen. Sie kann ihn nicht hören, aber das macht ihm nichts aus. Manchmal muss man sich selbst eine Geschichte erzählen.

Hans erlebt unterwegs die Liebe und Lari Fari merkt, wie blind und taub die Liebe machen kann, weil es ihn für Hans plötzlich nicht mehr gibt. Sie erfahren die Bedeutung von Freiheit und wann es sich dafür zu kämpfen lohnt. Sie merken, was der Unterschied zwischen einem Museum und einen Fischbauch ist.

Der Quasselkasper aus Wasserburg spielt die Hauptrolle im letzten Teil des Buchs. Er ist gutgläubig, freundlich und heiter, aber gerade mit diesen Eigenschaften bringt er sich in Schwierigkeiten und macht andere traurig.

Der Kaspar wird an ein Kind verschenkt, das schon alles hat, und ist enttäuscht, nicht das gleiche Paradies vorzufinden wie vor vielen Jahren bei dem Mädchen, das nur ihn hatte. Er wird gequält, weggeworfen und angefressen. Er findet einen Freund und verspricht ihm, immer bei ihm zu bleiben. Er wünscht sich Siebenmeilenbeine und der Freund schnitzt sie ihm, obwohl er weiß, dass ein Freund, der so einen Wunsch hat, bald fort sein wird.

Kurz darauf zieht der Quasselkasper tatsächlich weiter, weil er die Freiheit braucht, mit 8 Euro in der Tasche. Der Reichtum belastet ihn doppelt. Weil die Münzen schwer sind und weil er in ständiger Sorge ist, dass jemand das Geld stehlen könnte. Auch mit der Freiheit ist es nicht so einfach, weil man nicht wissen kann, welcher Weg der richtige ist. Er könnte in die Wüste führen oder in den Morast. Immer wieder geht der Quasselkasper zur selben Kreuzung zurück und redet sich ein, dieses unentschlossene Zaudern sei eine Manifestation seiner persönlichen Freiheit.

Auf seinen Irrwegen lässt sich der Quasselkaspar mit den falschen Leuten ein, die ihm sein Geld stehlen. Er bringt den Diebstahl zur Anzeige, kann sich nicht ausweisen, lässt sich in scheinbare Widersprüche verstricken und wird selbst ins Gefängnis geworfen. Als er entlassen wird, ist er ein Schatten seiner selbst, sogar der Zipfel seiner Mütze hat kein Feuer mehr und hängt schlapp herunter. Beim blinden Maulwurf findet er Ruhe und Glück, weil dieser ihm klarmacht, dass nur Glücklichsein glücklich macht.

Janosch hat das Buch locker und leicht für Kinder geschrieben. Auch für kleine Kinder, die es sich noch von ihren Eltern vorlesen lassen müssen. Und das sollten die Eltern auch tun, denn es erklärt nicht nur den Kindern fundamentale Wahrheiten des Lebens. Was Freundschaft, Reichtum, Freiheit und Liebe bedeutet, sollten wir uns alle immer wieder überlegen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Janosch: Wahre Lügengeschichten

  1. Elke Lahartinger schreibt:

    Ich mag Janosch auch sehr, aber meine Kinder finden ihn „zu kindisch“ und verlangen, Zeugs wie Die wilden Kerle und Ein Fall fürs Tigerteam vorgelesen zu bekommen. Mir verleidet deshalb schon die Vorleserei, weil ich diese Industrieware mit Wortschatz 800 kaum aushalte

    • Karin Koller schreibt:

      Mein Sohn wollte auch nur Die wilden Kerle vorgelesen bekommen. Neulich habe ich ihn aber für Kalle Blomquist begeistern können und besonders mit dem 2. Band eine Riesenfreude gehabt und schöne Kindheitserinnerungen aufleben lassen

  2. annabereuter schreibt:

    Ich freu mich schon darauf, wenn mein Baby soweit ist, solche Geschichten vorgelesen zu bekommen.

  3. Schön beschrieben, macht selbst als Erwachsener lust, das Buch zu lesen.

  4. lisamertens schreibt:

    Eines der besten Bücher, das ich in letzter Zeit gelesen habe, und ich habe einige gelesen.

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