Diese Woche konsumiert: Niedergang des Journalismus?

Ist die große Zeit des Journalismus vorbei? Sinkt die Qualität der Berichterstattung kontinuierlich?

Mitunter könnte man das annehmen, wenn man die Mainstream-Medien (nicht nur in Österreich) konsumiert und genauer unter die Lupe nimmt, was berichtet wird und wie berichtet wird.

Beispielhaft ist die Berichterstattung über Niko Pelinka. Als ORF-Stiftungsrat und Leiter des SPÖ-Freundeskreises wird Pelinka zum Büroleiter des ORF Generaldirektors bestellt, zunächst ohne Ausschreibung. Zu Recht prangern ORF-Redakteure und Print-Journalisten diese Postenvergabe an. Zu Recht sagen sie, nur weil im ORF (und auch sonst in vielen öffentlichen Bereichen) seit jeher Posten politisch besetzt wurden, ist das kein Grund, diese Postenvergabe stillschweigend hinzunehmen.

Seit Wochen schon wird jedoch berichtet, als würde der 25-jährige Pelinka eigenhändig die Pressefreiheit und ultimativ die Demokratie in Österreich untergraben und zerstören. Anstatt zu berichten, dass ein unbedeutender junger Mann zu Unrecht einen unbedeutenden Job ohne Macht und wirklichen Einfluss zugeschanzt bekommt, blasen die Medien die Affäre so auf, dass sie beinahe als einzige Bedrohung der heimischen Demokratie erscheint.

Anstatt die Causa Pelinka zum Anlass zu nehmen, auf vergleichbare Machenschaften aufmerksam zu machen, übersättigen die Medien das Publikum mit dieser einen Nichtigkeit, interviewen die gesamte illustre Familie Pelinka – auch Die Zeit schreckt davor nicht zurück – und schaffen sich somit eine Seifenoper, an der das Publikum Freude hat. Diese Berichterstattung entwertet den Journalismus, weil sie von den wahren Problemen des Landes ablenkt.

Dabei stellt sich die Frage, warum über welche Themen berichtet wird. Die Macher der Mainstream-Medien haben mitunter ein enges Weltbild, das von den Eigentümerstrukturen und der politischen Einflussnahme weiter eingeschränkt wird. Sie sind weder bereit, selbst über den Tellerrand zu schauen, noch haben sie den Mut, nicht ständig in vorauseilendem Gehorsam nur zu berichten was die relevanten Interessensgruppen wollen.

Das führt dazu, dass die Berichterstattung einseitig wird, dass man sich in unbedeutenden Grabenkämpfen verliert und damit die eigene Existenz zu sichern glaubt.

Natürlich schreibt jeder Journalist, wie es seinem Weltbild (oder jenem seines Arbeitgebers) entspricht. Jeder Konsument liest gerne, was seinem eigenen Weltbild entspricht. Journalisten scheinen ihrem Publikum weder Wissen noch Interesse zuzutrauen.

Hinzu kommt, dass diverse Medien auf eine verschärfte Konkurrenz durch das Internet mit Personalkürzungen reagieren, anstatt sich darum bemühen, durch besonders hochwertige, investigative oder anderweitig herausragende Berichterstattung attraktiv zu werden.

Berichte können durch diese Kürzungen nicht mehr ausreichend recherchiert werden, immer häufiger werden Agenturmeldungen unverändert abgedruckt, die Berichterstattung wird uniform, ist ohne Tiefe und langweilt das Publikum.

Oft wird beklagt, dass sich die Konsumenten von den „seriösen Medien“ abwenden. Als Grund dafür wird der fehlende Wille zur eingehenden und seriösen Beschäftigung mit den wichtigen politischen Themen der Welt genannt. Stattdessen wolle sich das Publikum seicht berieseln lassen und konsumiere lieber Satiresendungen, weil die seriöse Berichterstattung zu komplex ist.

Dabei wird aber ein fundamentaler Fehler gemacht. Gute Satire – wie sie Jon Stewart oder Stephen Colbert seit Jahren in den USA machen und wie sie Oliver Welke in Deutschland oder auch Wir Staatskünstler bei uns durchaus auch gelingt – zeichnet aus, dass sie sehr sorgfältig recherchierte Zusammenhänge präsentiert. Sie ist keine seichte Berieselung. Im Gegenteil, sie ist gründlicher und liebevoller und intelligenter gemacht als das meiste, was die „seriösen“ Mainstream-Medien derzeit zu bieten haben ( Jeff Jarvis schrieb am 12.01.12 in Google+ eine interessante Analyse über die Daily Show). Die Ironisierung der Fakten regt außerdem das Publikum dazu an, eigenständig über den wahren Kern der Scherze nachzudenken und sich somit mit der Materie zu beschäftigen.

Von Niedergang des Journalismus kann man nicht sprechen (dafür braucht man nur Zeitungen von vor 20, 40 oder 60 Jahren nochmal durchlesen). Durch die Vielfalt im Internet fällt vielleicht verstärkt auf, wie wenig fundiert die Mainstream-Berichterstattung ist. Durch diese Vielfalt sind aber auch viel mehr interessante, fundierte und außergewöhnliche journalistische Arbeiten zugänglich als je zuvor (hier eine kritische Analyse mit optimistischen Ausblick über die Berichterstattung im US-Vorwahlkampf: http://www.newyorker.com/online/blogs/johncassidy/2012/01/in-defense-of-political-journalists.html#ixzz1jAIJJE7Q )

Man muss sich nur die Mühe machen, sie zu finden.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Niedergang des Journalismus?

  1. Astrid schreibt:

    Ohne diesen Fall zu kennen, das Problem ist richtig beschrieben, und existiert hier in Deutschland in gleicher Weise. Aber was ist die Lösung?

  2. wienerhans schreibt:

    die lösung ist, dass WIR eine eigene presse gestalten – nicht auf medienmogule angewiesen sind.
    mit dem internet beginnen wir bereits – aber sind noch unter der wahrnehmungsgrenze – leider.

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