Koffer

Vor vielen Jahren, ich war 6, waren meine Mutter und ich im November bei Bekannten in Rom eingeladen. Zum ersten Mal durfte ich fliegen. Weil ich kurzes Haar hatte, glaubte die Flugbegleiterin, ich wäre ein Bub und brachte mir ein Plastikflugzeug und ein Malbuch und dann später, als sie ihren Fehler bemerkte und ich wegen der Turbulenzen käsig und elend an meiner Mutter lehnte, noch einmal ein kleines Püppchen.

Zu Allerheiligen mussten wir stundenlang auf dem Petersplatz stehen. Die Augen meiner Mutter leuchteten, als sie den winzigen Punkt auf dem Balkon am gegenüberliegenden Ende des Platzes sah, der der Papst sein sollte. Mich beeindruckte das nicht. Mir war kalt. Ich wollte lieber wieder den Kanarienvogel der Tochter unserer Bekannten baden.

Auf dieser Reise hatte ich selbstverständlich meine Schmusedecke mit. Ohne die konnte ich nicht schlafen. Ich musste mir die Decke an die Nase halten, nur mit ihrem Geruch konnte ich einschlafen. Der beruhigte mich. Wenn sie frisch gewaschen war, schlief ich drei Tage schlecht. Deshalb wusch meine Mutter die Decke nur, wenn es unbedingt nötig war. Schon als Baby hatte ich mir diese Decke um den Kopf gewickelt und als meine Mutter aus Sorge, ich könnte ersticken, sie in einen Überzug steckte, zupfte ich solange daran herum, bis ich sie herausbrachte.

Für die Rückreise achtete ich sorgfältig darauf, dass meine Mutter die Decke schön in den Koffer legte, gleich neben die Pralinen, die ich zum Abschied geschenkt bekommen hatte.

Der Flug war ruhig und mir wurde nicht schlecht. Dann stiegen wir aus. In Zürich, nicht in München. Im Flugzeug hatte es einen Bombenalarm gegeben. Alle Passagiere mussten sich neben ihr Gepäck stellen. Alle standen sie neben einem Koffer. Alle außer uns. Unser Koffer war nicht mehr da. Ich spürte die Nervosität meiner Mutter. Sie bildete sich ein, man würde uns für die Terroristen halten, weil wir keinen Koffer vorzuweisen hatten. Ich konnte nur an meine Decke denken und wie die Terroristen eine Bombe darin eingewickelt hatten, die gleich explodieren und meine Decke in Stücke reißen würde.

Zu Hause weinte ich mich jeden Abend in den Schlaf. Handtücher oder Stofftiere oder andere Decken halfen nicht. Sie waren eben nicht meine Schmusedecke. Ich würde nie wieder schlafen können. Meine Mutter versuchte die Fluglinie dazu zu bringen, unseren Koffer zu finden. Ohne Erfolg. Die Bekannten versuchten die Flughafenbetreiber dazu zu bringen, unseren Koffer zu suchen. Nach vier Wochen tauchte der Koffer auf. Er war die ganze Zeit neben dem Rollfeld gestanden. Meine Decke war unversehrt, die Pralinen waren nicht mehr da. Ich konnte wieder schlafen.

Viele Jahre später flog ich mit der Alitalia nach Kenia. In Rom musste ich einige Stunden warten. Ich blieb am Flughafen und schaute gedankenverloren auf das Rollfeld. Plötzlich hörte ich eine Stimme hinter mir: „Siehst du den Koffer, den beobachte ich schon eine Zeit lang.“

Ein junger Mann, er sah gut aus, stand hinter mir. Der Koffer lag auf dem Asphalt. Ein Fahrzeug der Alitalia fuhr dicht an den Koffer heran. Eine Frau stieg aus, ging um den Koffer herum und stieg wieder ein. Das Fahrzeug fuhr davon, der Koffer blieb liegen.

„Das ist schon der dritte Wagen, der stehen bleibt und ohne Koffer weiterfährt“, sagte der junge Mann, „Ich stelle mir das so vor: Auf diesem Flughafen liegen hunderte Koffer herum und es gibt hunderte kleine Autos, von denen jedes genau einen bestimmten Koffer suchen muss. Die Autos irren tagein, tagaus über die Rollbahn und erst wenn sie ihren Koffer gefunden haben, ist ihre Aufgabe erfüllt. Ich glaube, ich werde einmal eine Geschichte darüber schreiben.“

Schweigend beobachteten wir noch einen vierten Wagen, der den Koffer nicht mitnahm. Ob der junge Mann die Geschichte geschrieben hat, weiß ich nicht, unser Koffer hat sie schon erlebt.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Koffer

  1. Ich habe letztes Jahr mit meiner Tochter eine ähnliche Tragödie erlebt, als sie mit meiner Mutter im Zug ihren Kuschelbären vergessen/verloren hat. Nach stundenlangen telefonischen Ermittlungen konnte das räudige Vieh (Tochter und Großmutter sind in St. Pölten ausgestiegen) in Innsbruck dingfest gemacht werden, und, nach 10-stündiger Autoexpedition des Großvaters, um 3 Uhr früh an die Kleine retourniert werden, die naturgemäß bis dahin nicht nur nicht geschlafen, sondern fast durchgehend hysterisch geheult hat.

    Eltern, schenkt euren Kindern keine Kuscheltiere, Schmusedecken und ähnliches, wenn ihr nicht auch in solche Situationen kommen wollt!

    • Elke Lahartinger schreibt:

      Das siehst du zu undifferenziert. Dem Rettungsaufwand mußt du die vielen Stunden gegenüberstellen, die du dir sparst, weil du nur 4x (anstelle von 10x) jeden Abend bis zum Einschlafen Gutenachtsagen, Liedsingen, Handhalten musst, weil die Kuscheltiere oder Schmusedecken das Kind betreuen. Bei einer Gesamtabwägung bin ich für Kuscheltiere, jederzeit. Ohne Kuscheltiere wäre ich in den vergangenen Jahren nie dazu gekommen, ein um 20.45 beginnendes Champions-League-Spiel von Beginn weg zu sehen.

  2. esme schreibt:

    „Wehret den Anfängen“ ist Unsinn. Ich kenne ein Kind, dass den alten Schlafsack zur Schmusedecke ernannt hat, als es einen neuen bekam. Da müssen Sie Ihrem Kind schon jede Kontinuität verweigern, um zu verhindern, dass es in wiederkehrenden Dingen Beruhigung findet.

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