Gut und Böse

Ich hole Katharina vom Kindergarten ab. Sie sagt: „Weißt du, wie man einen Räuber erkennt?“

„Wenn er raubt?“, frage ich.

„Aber wenn er nicht gerade raubt. Dann erkennt man ihn am Sack mit der Beute“, sie stellt sich hin und ist stolz auf ihre Erkenntnis.

„Und wenn er die Beute gerade versteckt hat? Wenn er gerade nicht raubt?“

Katharina schaut in die Luft, steckt sich den Finger in den Mund und denkt nach. Dann hellen sich ihre Gesichtszüge auf und sie sagt strahlend: „An den verstrubbelten Haaren und an der geflickten Hose.“

„Und wenn sich der der Räuber eine neue Hose gekauft hat und beim Friseur war?“

Katharina lacht und schaut mich mitleidig an: „Das machen Räuber doch nicht.“

Für Fünfjährige ist die Welt noch ziemlich einfach. Gut und Böse sind leicht voneinander zu unterscheiden. In den Kinderbüchern und den Zeichentrickfilmen ist das alles klar definiert und leicht unterscheidbar. Im realen Leben musste sie diese Unterscheidung zum Glück noch nicht selbst treffen.

Ich lächle über Katharinas klischeehaftes Weltbild und nehme die kleine Episode nicht zum Anlass, ihr von den vielen Facetten von Gut und Böse zu erzählen. Das wird sie später als Teenager hoffentlich herausfinden, wenn sie beginnt Literatur zu lesen und anspruchsvolle Fernsehserien anzusehen. Wenn man ihr komplexere Dinge begreiflich machen kann.

Dennoch gibt mir der Dialog zu denken, woher unsere Gesellschaft eigentlich ihre Konzeption von Gut und Böse hat.

Religiöse Menschen behaupten, ohne Religion könnte man nicht zwischen gut und böse, moralisch und unmoralisch differenzieren. Deshalb sei Religions- oder Ethikunterricht (beides von Religionslehrern erteilt) essenziell, um Kinder nicht führungslos in eine Zukunft ohne Werte zu stoßen und um die gesellschaftliche Moral aufrechtzuerhalten. Das halte ich für falsch.

Obwohl unsere Gesellschaft trotz abnehmender Religiosität der Menschen immer noch sehr stark in den christlichen Moralvorstellungen verwurzelt ist, haben sich ethische Grundprinzipien und die Vorstellung von Gut und Böse längst davon unabhängig gemacht.

Abseits der im sozialen Umfeld gelebten und in der Schule gelehrten Werte, werden wir ständig von den Medien mit einer vorgefertigten Vorstellung von Gut und Böse berieselt.

Star-Wars ist ein gutes Beispiel: Luke Skywalker und Prinzessin Leia sind blond, tragen weiße Kleidung und sehen aus, als kämen sie gerade von einer Friedensdemonstration. Sie sind eindeutig die Guten. Darth Vader und der Imperator sind die Bösen, sie tragen Schwarz, ihre Gesichter sind entweder hinter einer schwarzen Maske versteckt oder teigig grau mit verbitterter Miene. Episode 4-6 habe ich vor Jahren mit großem Interesse verfolgt. Damals fiel mir auf, dass abgesehen von dieser optischen Unterscheidung nicht erkennbar war, warum die einen gut und die anderen böse waren. Beide Seiten richteten ihren Lebensraum ein, beide versuchten diesen zu schützen, beide bekämpften den jeweils anderen. Das ist per se noch nicht gut oder böse. Dennoch ließen die Filme keinen Zweifel, welche Seite moralisch einwandfrei und welche grundschlecht war.

Bei Star-Wars sind die Klischees eindeutig zu erkennen. Man würde meinen, sie spielten keinerlei Rolle, da jeder Zuseher genau weiß, dass es sich um eine überzeichnete Darstellung zur Unterhaltung des Publikums handelt.

Aber wir sollten bedenken, wie vielen Klischees wir im Alltag vom Kleinkinderalter an ausgesetzt sind. Wir sollten hinterfragen, inwieweit diese maßgeblich dazu beitragen, unser Unterbewusstsein zu formen. Wie viele Menschen würden unwillkürlich einen dunkelhaarigen, unrasierten Mann in Lederjacke oder eine stark tätowierte Frau mit kahlgeschorenem Kopf als Bedrohung ansehen, bevor sie ein Wort mit ihnen gewechselt haben? Von Ausländern ganz zu schweigen.

Stereotype von gut und böse sind so tief in uns eingeprägt, dass wir sie nicht mehr erkennen. Wir halten uns für tolerant und aufgeklärt, umklammern aber dennoch die Handtasche ein bisschen fester, wenn uns ein Punk entgegenkommt. Die meisten von uns (mich eingeschlossen) sind nicht so weit entfernt von Katharinas Räuber-Wahrnehmung. Daran sollten wir uns öfter erinnern, damit wir die eingelernte falsche Vorstellungen endlich vertreiben können.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Tag für Tag abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Gut und Böse

  1. Wichtig ist, dass wir die alten Vorurteile überwinden und den Kindern klar machen, dass heutzutage das Böse durchaus fluffiges Haar hat und etwa so ausschaut:

  2. Anna Maria schreibt:

    Da hast du schon recht mit dem was du schreibst. Ein stetig wachsames Bewusstsein ist vor allem wichtig, weil wir von allen Seiten, gerade auch von dort, von wo man es eigentlich nicht erwarten würden, unterwellig Propaganda, die Stereotype verbreitet, ausgesetzt sind. Nimm´etwa die Heute-Show im ZDF, also eine öffentlich-rechtliche, „niveauvolle“ Satiresendung, die seit Monaten damit beschäftigt ist, das Bild des faulen Südländers, der schuld an der Eurokrise ist, weil er nichts arbeitet, keine Steuern bezahlt, und parasitär von den ehrlichen und fleißigen Nordeuropäern lebt, verbreitet.

    • rrfernandez1 schreibt:

      Ja, was Welke da macht, ist nicht im geringsten lustig, hat keinen doppelten Boden, keinen tieferen Sinn, sondern verfolgt offensichtlich nur den Zweck, durch Aufrufen ihrer Pawlowschen Reflexe auch die Atze Schröder Fans für seine Sendung zu gewinnen. Dumpf.

  3. Astrid schreibt:

    Wichtiger, schöner Beitrag

  4. Michael schreibt:

    Also bei Star Wars erscheint es mir völlig klar, weshalb Darth Vader und das Imperium „das“ Böse repräsentieren. Sie stehen für die dunkle Seite der Macht, nämlich die Gier nach Macht an sich. Sie stehen für ein diktatorisches System mit einem allmächtigen Herrscher an der Spitze, während die Jedi-Ritter für die Freiheit und den Frieden kämpfen.

    • Karin Koller schreibt:

      Soweit ich das verstanden habe, leben Skywalker etc. in einer Monarchie. Sie greifen das Imperium an, ohne von der dunklen Seite angegriffen oder anderweitig belästigt zu werden. Es erreichen sie auch keine Hilferufe der Unterdrückten. Sie wollen niemanden retten. Das System am Death Star ist in sich böse, es wird nicht erklärt, warum.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s