Songs: Michelle Shocked, Anchorage

Jung war ich einmal und wild und frei. Oder wenigstens fühlte ich mich weniger angepasst als manche andere junge Frauen, die ich kannte. Ich durchstöberte die Buchhandlungen nach interessanten Büchern, lungerte in Plattenläden herum und hörte Musik, ich diskutierte nächtelang mit Freunden. Ich kam mir intellektuell vor, aber wenn man jung ist, merkt man noch nicht, dass man nichts weiß und später idealisiert man seine geistigen Leistungen (da ist auch der Hauptgrund, warum seit tausenden von Jahren die ältere Generation sagt, die jüngere sei viel ungebildeter).

Mein Mann gefiel mir damals auch weil er viel wusste, viel mehr als ich. Weil man mit ihm Streitgespräche führen konnte über beinahe jedes Thema. Weil es nicht leicht war für mich, eines davon zu gewinnen und ich mich großartig fühlte, wenn ich es doch schaffte.

Wir lebten in der Stadt, gingen zu Konzerten, blieben manchmal bis in die Morgenstunden aus.

Dann zogen wir nach Vorarlberg, weil er dort ein gutes Jobangebot hatte. Ich fand dort auch Arbeitund neue Bekannte und hatte mein eigenes Leben. Bei meiner letzten Arbeit reiste ich durch die Welt und kam mir recht aufregend vor.

Anna krempelte mein Leben völlig um. Plötzlich war ich zu Hause, sah niemanden mehr außer meiner Tochter. Die nahm beinahe meine ganze Zeit in Anspruch. Die Zeit, die noch übrig war, nutzte ich, um ein bisschen von zu Hause aus zu arbeiten, um den Anschluss nicht zu verlieren und um eine Abwechslung vom Wickeln und Stillen zu haben.

Es war mir unmöglich, mich dazu aufzuraffen, die tagespolitischen Ereignisse zu verfolgen oder anspruchsvolle Literatur zu lesen. Weil Anna nachts nicht gut schlief, kam auch mein Mann müde von der Arbeit nach Hause und hatte keine Lust mehr auf gehaltvolle Gespräche. Ergaben sie sich doch, war meine geistige Trägheit so weit fortgeschritten, dass mir Dinge nicht mehr einfielen, die ich früher verinnerlicht hatte, die mir früher wichtig waren. Ich begann, hauptsächlich Allgemeinplätze von mir zu geben.

Zur Hausfrau war ich geworden und mein intellektueller Impetus war verlorengegangen. Wenn ich etwas wissen wollte, verließ ich mich auf meinen Mann. Im Lauf der Zeit verschoben sich unsere Gespräche von der intellektuellen Gleichstellung, auf eine Ebene, in der ich Fragen stellte und er dozierte. Das erschien mir der Lauf der Dinge. Ich hatte eben keine Zeit, mich weiterzubilden, deshalb nutzte ich meinen Mann als intellektuelle Instanz und merkte dabei gar nicht, wie viel an Respekt ich dadurch bei ihm verlor.

Immer häufiger begann ich meine Sätze mit: „Frank sagt“, „Frank meint“, „Wie Frank mir erzählt hat“.

Lange Zeit fiel mir das gar nicht auf. Als ich es doch bemerkte, sah ich mit Wehmut mein junges Ich, anstatt etwas gegen die Situation zu unternehmen, die mir so viel Kummer bereitete. Ich brauchte lange Zeit, bis mir klar wurde, dass man nicht Anchorage für die eigene geistige Trägheit verantwortlich machen durfte und auch nicht Leroy. Dass die geistige Stagnation mich und meine Beziehung auf eine schiefe Bahn brachte, die irgendwann einmal nicht mehr reversiert werden kann.

Ich begann wieder zu lesen, mich zu informieren, interessanter zu werden. Ich wurde wieder zur intellektuell gleichberechtigten Partnerin. Das trug mir nicht nur neue Achtung meines Mannes ein, sondern auch Selbstachtung.

Manchmal aber, wenn über einen längeren Zeitraum viel zu tun ist, oder wenn ich mich gehen lasse, vergesse ich das alles wieder und werde unzufrieden mit meinem Leben. Dann höre ich mir  Anchorage an und mir wird wieder bewusst, was ich nicht machen darf.

http://www.youtube.com/watch?v=-hffcyJ1GAg

I took time out to write to my old friend
I walked across that burning bridge
Mailed my letter off to Dallas
But her reply came from Anchorage, Alaska

She said:

„Hey girl, it’s about time you wrote
It’s been over two years you know, my old friend
Take me back to the days of the foreign telegrams
And the all-night rock and rollin’… hey Shell
We was wild then

Hey Shell, you know it’s kind of funny
Texas always seemed so big
But you know you’re in the largest state in the union
When you’re anchored down in Anchorage

Hey Girl, I think the last time I saw you
Was on me and Leroy’s wedding day
What was the name of that love song they played?
I forgot how it goes
I don’t recall how it goes

Anchorage
Anchored down in Anchorage

Leroy got a better job so we moved
Kevin lost a tooth now he’s started school
I got a brand new eight month old baby girl
I sound like a housewife
Hey Shell, I think I’m a housewife

Hey Girl, what’s it like to be in New York?
New York City – imagine that!
Tell me, what’s it like to be a skateboard punk rocker?

Leroy says „Send a picture“
Leroy says „Hello“
Leroy says „Oh, keep on rocking, girl“
„yeah, keep on rocking“

Hey Shell, you know it’s kind of funny
Texas always seemed so big
But you know you’re in the largest state in the union
When you’re anchored down in Anchorage
Oh, Anchorage
Anchored down in Anchorage
Oh, Anchorage

 

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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10 Antworten zu Songs: Michelle Shocked, Anchorage

  1. rrfernandez1 schreibt:

    Wunderschön, traurig und ermutigend gleichzeitig. Keep on rocking, girl.

  2. annabereuter schreibt:

    Mit diesem Beitrag hast du mich und wie ich mich nach der Geburt gefühlt und verhalten habe, mitbeschrieben

    • Karin Koller schreibt:

      Ich glaube, es geht den meisten Müttern/Hausfrauen nach der Geburt so, deshalb wird es auch im Lied genauso beschrieben. Vielen ist es nur nicht bewusst, oder sie sehen es als den normalen Lauf der Welt, oder sie machen andere dafür verantwortlich.
      Bei mir (und wahrscheinlich bei vielen anderen Hausfrauen) ist es leider so, dass es auch ohne Hormonumstellung, Baby-Überforderung und ungewohnter Häuslichkeit immer wieder vorkommt.

  3. Wichtig ist, dass wir nicht nur then, sondern auch jetzt noch „wild“ sind. Dann ist es egal, ob wir in Anchorage, in New York oder in Hintertupfing geankert haben. Danke für den schönen Artikel

  4. NicoleLee schreibt:

    Eines deiner schönsten Postings, Punk Rocker Forever!

  5. Balisto schreibt:

    Schön gesagt

  6. Marquise schreibt:

    Gefällt mir gut, das Lied und der Beitrag

  7. Anna Maria schreibt:

    Ich kannte weder Sängerin noch Lied, toll

  8. Pingback: Mailbox: Feminismus | Karin Koller

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