Diese Woche konsumiert: Österreich ist ein langer ruhiger Fluss

Manchmal kommt mir Österreich vor wie ein langer ruhiger Fluss. Wenn man sich für die Vorgänge im Land interessiert, muss man nur in den Fluss schauen. Dann merkt man, dass immer wieder an der Oberfläche ein Hundstrümmerl treibt. Die Menschen regen sich mächtig darüber auf, dass jemand ihren schönen blauen Fluss verschmutzt hat.

Nähert man sich dem Ufer des Flusses und macht sich die Mühe unter die Wasseroberfläche zu schauen, sieht man, dass das kleine Hundstrümmerl gar nicht wirklich das Problem ist. Unter der Oberfläche ist der Fluss viel stärker verschmutzt, dort liegt die wahre Kloake, aus der sich die Hundstrümmerl lösen. Aber darüber wird nicht so oft gesprochen, weil es die meisten graust, da drin herumzuwühlen, sich zu beschmutzen und möglicherweise noch das eigene satte Wohlergehen aufs Spiel zu setzen.

Also schimpft man lieber dem Hundstrümmerl hinterher. Das Praktische an dem Hundstrümmerl ist, dass es weiterschwimmt. Bereits nach kurzer Zeit ist es aus dem Blickfeld und dann ist es fast so, als wäre der Fluss immer sauber gewesen – bis das nächste Hundstrümmerl herbeitreibt. Schaut man lange auf den Fluss, kann man die Hundstrümmerl kaum noch voneinander unterscheiden.

Da wird zum Beispiel ein Landespolitiker erstinstanzlich (nicht rechtskräftig) verurteilt und verbleibt ganz selbstverständlich im Amt. Der Koalitionspartner empört sich und „legt die Koalition auf Eis“. Schon einige Wochen später läuft alles so wie immer.

Im selben Bundesland verfasst ein Wirtschaftsprüfer ein Gutachten für das Land und verrechnet 12 Millionen Euro dafür. Aufgrund eines „Patriotenrabatts“ erhält er 6 Millionen. Immerhin kann er tatsächlich 6 Seiten vorweisen.

Ein Graf und Lobbyist kassiert 1.1 Millionen für 2000 Stunden Arbeit (mehr als 1 Jahr herkömmliche Vollzeitbeschäftigung) und hat keinerlei Unterlagen für diese Tätigkeit, weil er diese vernichtet habe. Dem Auftraggeber habe er auch keine Unterlagen übergeben.

Ein Landespolitiker tritt „vorübergehend“ von seinen Landesämtern zurück, weil ein Verfahren anhängig ist, bleibt aber Landesparteichef, denn er ist ja unschuldig, behauptet er.

Ein junger Mann zieht seine Bewerbung zurück und jene, die gegen ihn protestiert haben, sagen jetzt, der österreichische Rundfunk sei nun wieder unabhängig (die Frankfurter Rundschau spricht sogar vom „Österreichischen Frühling“, ich warte noch darauf, dass jemand ausruft: „Österreich ist frei“). Selbstverständlich werde man künftige Missstände aufzeigen. Für bereits erfolgte politisch motivierte Postenbesetzungen gibt es anscheinend keinen Handlungsbedarf (Auf die Frage nach der Bestellung von Landesintendanten durch Landeshauptleute antwortet Redakteurssprecher Dieter Bornemann im Standard-Interview: „Gesetzlich verankert ist ein Anhörungsrecht, das in der Praxis zu einem Mitspracherecht, wenn nicht gar zu einem Bestimmungsrecht geworden ist. Der Protest der Journalistinnen und Journalisten hat hoffentlich klargemacht, dass solche Personalwünsche in Zukunft nicht mehr so leicht erfüllt werden können.“ In Zukunft. Das betrifft also offenbar nicht den ÖVP-Parteimanager Krieghofer, der gerade zum Direktor des Landesstudios Innsbruck bestellt wurde).

Österreich ist ein langer ruhiger Fluss. Manchmal schwimmt ein Hundstrümmerl vorbei, über das sich alle aufregen, das sie aber wieder vergessen, wenn es vorbeigetrieben ist.

Manchmal da kommt jemand auf die Idee, das Hundstrümmerl mit silberner Farbe anzumalen. Und dann schreien alle: „Jö schau, da schwimmt ein Fisch, dann kann ja nicht alles so schlecht sein.“

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Österreich ist ein langer ruhiger Fluss

  1. Anna Maria schreibt:

    Das gilt nicht nur für Österreich, fürchte ich

  2. johannamiller47 schreibt:

    Schönes Bild, wobei aber die angesprochenen Sachen (mit Ausnahme des kleinen Herrn Pumuckl) schon nicht nur Hundebemmel, sondern ausgewachsene Elefantenschisse sind, finde ich.

    • rrfernandez1 schreibt:

      Ab morgen wird alles besser, Herr Bornemann? Gut, dass es jeden Tag wieder ein neues Morgen gibt, oder? Alles nicht mehr als Opium fürs Volk, fürchte ich. Die Karawane zieht weiter, und alles bleibt, wie es immer war.

  3. Balisto schreibt:

    Gut getroffen, Land und Leute

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