Lehrer

Lehrer waren und sind bei mir sehr häufig der Anlass für Aufregung und Ärger. Die Religionslehrer, die Angst und Schrecken bereiten. Die Lehrer, die durch ihre Selbstzufriedenheit jeden Enthusiasmus in den Kindern abtöten. Der Lehrer meiner Mutter, der den Kindern mit dem Lineal auf die Finger schlug, wenn sie nicht schön genug schrieben, und noch fester zuschlug, wenn die schmerzenden Finger noch weniger zustande brachten. Mein Lehrer, der wegsah, als ein Kind in der Klasse gequält wurde. Die Religionslehrerin von Lukas, die ihn in der Ecke stehen ließ, als er auf die Frage, welche Dinge unsichtbar seien, geantwortet hatte: „Ein Furz.“ Sie hatte sich Antworten erwartet wie „der Heilige Geist“, „der Glaube“ oder „Gott“. Sie akzeptierte nicht, dass Lukas eine richtige Antwort auf ihre Frage gegeben hatte. Sie verstand auch nicht, dass er sich gar nicht traute, einen Witz zu machen. Lukas hatte all seinen Mut zusammengenommen für seine Antwort und begriff nicht, warum er bestraft wurde.

Aber es gibt auch andere Lehrer. Lukas hat das Glück, so eine Klassenlehrerin zu haben. Anna hatte sie vorher in den ersten beiden Schuljahren. Schon beim ersten Elternabend merkte ich, dass diese Lehrerin nicht meinem vorurteilsbehafteten (aber oft bestätigten) Lehrerbild entsprach.

Sie ist schon seit vielen Jahren als Lehrerin tätig, trägt gerne Gestricktes und hat eine wenig modische Topffrisur. Aufgrund einer leichten Gehbehinderung hinkt sie. „Wie soll die unseren Kindern Turnen beibringen?“, zischte eine Mutter, als wir die Klasse betraten. Eine andere flüsterte: „Oh, die kenne ich, bei der werden die Kinder nichts lernen.“

Etwas nervös und sehr leise begann die Lehrerin ihren Elternabendvortrag. Umständlich begrüßte sie uns, fand ihre Unterlagen nicht. Doch dann, als sie erzählte, sie habe neues Lehrmaterial für Mathematik zum besseren Verständnis des Zahlenraums 10 gefunden, da begannen ihre Augen zu leuchten und ihr Ton wurde ganz sicher. Einmal kicherte sie sogar, als sie uns ein Lernspiel zeigte, das sie in der Klasse anwenden wollte. Mir gefiel ihr Enthusiasmus. Mir gefiel auch, dass sie nach vielen Jahren Berufstätigkeit immer noch auf der Suche nach Verbesserungen war.

In den zwei Jahren gingen alle Kinder aus ihrer Klasse gerne in die Schule. Trotzdem sagten einige Mütter, die nichts wissen und nichts verstehen, sie sei zu wenig streng, zu wenig organisiert oder erzähle den Kindern zu komische Geschichten.

Einiges davon stimmt auch, sie lebt mit vielen Haustieren zusammen und erzählt esoterisch angehauchte Geschichten von ihnen, jeder Ausflug ist ein mittleres Chaos, aber den Kindern gefällt das. Und wieso Strenge ein Vorteil sein soll, kann ich nicht nachvollziehen.

Als Lukas in die Schule kam, war er sehr gehemmt. Er traute sich nicht, mit den Mitschülern zu reden. Mit der Lehrerin sprach er nur, wenn sie zu ihm kam. Trotzdem arbeitete er mit.

Sie setzte ihn vor ihr Pult in die erste Reihe. So konnte er antworten, ohne dass sie eigens zu ihm gehen musste. Einmal sah sie, wie er mit seinem Sitznachbarn schwätzte. Sie freute sich darüber und ging eigens möglichst weit weg von seiner Bank, um ihn nicht zu stören.

Obwohl er in Mathematik besonders gut war, legte sie ihm keine Extraaufgaben vor, wie sie das bei ähnlich begabten Kindern getan hätte. Er sollte Zeit haben, mit den anderen Kindern Kontakt aufzunehmen, und nicht durch eine Sonderbehandlung suspekt erscheinen.

Durch ihren einfühlsamen Umgang schaffte sie es, Lukas innerhalb von einem halben Jahr zu einem Kind zu machen, das mit allen Buben der Klasse gut auskam, von sich aus Geschichten erzählte und es sogar wagte, das eine oder andere Mal einen Witz zu machen. Und das wichtigste war, er ging gerne zur Schule.

Wäre seine Religionslehrerin die Klassenlehrerin gewesen, wäre ihm die Schule zur Qual geworden, und wir hätten höchstwahrscheinlich einen Kinderpsychologen konsultieren müssen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Lehrer

  1. Balisto schreibt:

    Tolle Religionslehrerin: für eine falsche Antwort („Heiliger Geist“), die Hokuspokus zur Realität erklärt, wird man gelobt, und für eine richtige Antwort bestraft. Wahnsinn, welche Knallköpfe immer noch bezahlt durch das Schulsystem geistern, im 21. Jahrhundert.

  2. Schlaues Kerlchen, dein Sohn. Brunzdumme Schlunze, die Lehrerin.

    • Karin Koller schreibt:

      Aber der anderen Lehrerin habe ich viel zu verdanken, weil sie Lukas die Scheu genommen hat und auch mit diesem Religionsvorfall sehr gut umgegangen ist. Das muss auch gesagt werden.

  3. Leider sind die Schulen immer noch voll von Lehrern wie der beschriebenen Religionslehrerin. Und das wird sich auch nicht ändern, wenn wir Eltern nicht in jedem Fall, wo so etwas passiert, einen Riesenwirbel machen. Aber, meine Erfahrung zeigt traurigerweise, dass die meisten Eltern Ähnliches einfach hinnehmen, weil sie sagen, dass es ihrem Kind schaden würde, wenn sie sich aufregen, oder der Meinung sind, es werde sich sowieso nichts ändern.

    • Karin Koller schreibt:

      Von anderen Eltern habe ich gehört, dass sie bekannt ist für solche Dinge. Ich habe die Lehrerin angerufen und einen Riesenwirbel gemacht (aber einigermaßen sachlich und mit drastischer Schilderung, welchen Schaden das für ein Kind wie Lukas haben kann). Danach habe ich nie wieder etwas anderes gehört, als dass sie Schokolade mitgebracht hat.

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