When you’re down and troubled and you need a helping hand

Ein Gastbeitrag von Anna Bereuter

Eine Geburt ist ein einschneidendes Erlebnis. Sie verändert das Leben. Und sie verändert den Körper. Die Brüste schwellen an und verändern ihre Form. Die in der Schwangerschaft expandierte Haut zieht sich wieder langsam zusammen. Der Hormonhaushalt gerät in Unruhe.
Und die Vagina, die durch den Geburtsvorgang geweitet wurde, schrumpft langsam zurück.

All diese realen Veränderungen wirken sich auch auf die Gefühlswelt aus. Sie führen zu manchmal auch irrealen oder surrealen Emotionen.

Bei mir war es so, dass all diese Änderungen dazu geführt haben, dass ich mit meinem Körper nicht zurechtkam. Ich mochte meinen Körper nicht mehr. Es ekelte mich geradezu, mein nacktes Spiegelbild zu sehen. Ich fand mich nicht nur nicht mehr schön. Ich empfand mich als unförmig und hässlich.

Meine Brustwarzen schmerzten vom Stillen. Der Intimbereich fühlte sich wund an. Obwohl ich während der Schwangerschaft bis kurz vor der Geburt sogar verstärkt Libido verspürt hatte, erschien mir jeder Gedanke an Erotik oder gar Sex absurd.

Diese Lustlosigkeit, verbunden mit der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, führte dazu, dass ich mich gehen ließ. Ich kümmerte mich den ganzen Tag um mein Baby. Ich stillte es. Ich wickelte es. Ich wiegte es in den Schlaf. Und ich saß zuhause herum.

Das Haus verließ ich nur für Spaziergänge mit dem Kinderwagen. Oder um unbedingt notwendige Einkäufe zu erledigen. Kleidungswechsel beschränkten sich darauf, dass ich nach dem morgendlichen Duschen das Pyjama gegen den Jogginganzug austauschte. Ich frisierte mich kaum. Ich schminkte mich nicht. Ich legte keinen Schmuck an.

Mein Leben drehte sich ausschließlich um das Baby. Wenn ich etwas las, dann waren es Ratgeber für den Umgang mit Neugeborenen. Oder Frauenzeitschriften. Nachrichten interessierten mich nicht mehr. Bücher zu lesen war mir zu anstrengend. Ich konnte nicht einmal die Konzentration aufbringen, mir einen anspruchslosen Spielfilm anzusehen. Körperliche Annäherungsversuche meines Mannes wies ich fast angewidert zurück.

Das Baby war unkompliziert. Mein Mann war liebevoll. Aber ich war unglücklich. Obwohl ich genau das hatte, was ich immer schon wollte. Und seit langem angestrebt hatte.

Meine geistige Apathie führte dazu, dass ich mich bald nicht nur hässlich, sondern auch dumm fühlte. Während ich mich anfangs zu hässlich fühlte, um aus dem Haus zu gehen, war ich mir bald zu stupide, um mit anderen überhaupt zu kommunizieren.

Ich isolierte mich selbst.

Und ich weiß nicht, ob und wann ich aus dieser Isolation herausgekommen wäre, wenn mir nicht einige Freundinnen geholfen hätten.

Keine Freundinnen aus meiner Umgebung, die mich besuchten. Sondern einige Leute, die hunderte Kilometer entfernt waren. Die aber selbst schon in der gleichen Situation waren. Mit denen ich von zuhause aus, im Jogginganzug, mit dem Baby an der Brust und ungeschminkt kommunizieren konnte. Unbefangen, weil sie mich nicht sehen konnten. Über das Internet, über das ich sie auch kennengelernt habe.

Und diese Freundinnen konnten mir Ratschläge geben, die in all den Ratgeberbüchern nicht zu finden waren.

Kleinere und größere Tipps, die schon nach einigen Tagen dazu führten, dass ich begann, mich aus meinem Kokon zu lösen. Tipps, die mich dazu brachten, meinen Körper wieder zu mögen. Mich selbst sexuell zu berühren und mich dann auch wieder sexuell berühren zu lassen. Wieder über anderes nachzudenken, als nur über mich und mein Baby. Aus dem Haus zu gehen. Sachen zu wagen, die so gar nichts mit der Mutterrolle zu tun hatten. Wieder die Person zu werden, die ich vor der Geburt war, und die auch, aber nicht nur, Mutter ist.

Meinem Baby hat es nicht geschadet, dass es jetzt nicht mehr mein einziger Lebensinhalt ist. Meiner Beziehung hat es genützt, dass ich mich wieder wohl in meiner Haut fühle. Und ich bin jetzt das, was ich in meiner Vorstellung schon sofort nach der Geburt sein hätte sollen: Glücklich.

Wenn ich in der Öffentlichkeit Leute herumtrompeten höre, die Kommunikation mit Leuten im Internet sei gefährlich, weil sie eine tatsächlich nicht existente virtuelle Welt vorgaukle, dann kann ich, wenn ich auf das letzte halbe Jahr zurückblicke und betrachte, wie der Trost von Fremden mein Leben wieder ins Lot gebracht hat, nur sagen: Bullshit.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Other voices, other rooms abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Antworten zu When you’re down and troubled and you need a helping hand

  1. Astrid schreibt:

    Ich wäre auch froh gewesen, wenn ich solche Freunde gehabt hätte (zumal ich auch noch ganz jung war, als ich das erste Kind bekam)

    Insoweit ist es schon toll, was das Internet bewirken kann

    • annabereuter schreibt:

      Ich kann nur nochmals allen danken, die mir geholfen haben, mich aus dem Sumpf zu ziehen, also danke Karin, Elke, Clara und die anderen

      • Karin Koller schreibt:

        Meistens braucht es nicht viel. Deshalb ist es umso trauriger, dass viele junge Mütter trotzdem nicht aus der Isolation herausfinden, oder die winzige Portion Hilfe bekommen, die notwendig ist.

  2. Ich verstehe sowieso diese ganze Internetauthentizitätsdiskussion nichtr. Es geht ja um Inhalte, und an denen ändert sich nichts, ob du jetzt Anna oder Elisabeth heisst.

    • annabereuter schreibt:

      Die Wahrheit ist, wie das gesamte Vorgehen von google in den letzten Wochen, mit Accountverifizierungen, Nicknamebestätigungen usw. zeigt, einzig handfeste wirtschaftliche Interessen (verifizierte Daten lassen sich besser verkaufen und besser nutzen) Grund für die immer wieder angeheizte Echtheitsdiskussion sind.

  3. Balisto schreibt:

    Hast du neu ein Lippenpiercing?

  4. anniefee schreibt:

    Zustimmung auch von mir:
    das Internet macht es leichter. Gleichgesinnte zu finden und das ist sehr hilfreich, in der Zeit der Entwurzelten und Entfremdeten.
    In soziale Isolationsmomente zu geraten, ist heute leichter als vor 2,3 Generationen.
    Das mit dem Neugeborenen habe ich so ähnlich durch, nur dass ich damals schon Lust gehabt hätte und mich für andere Dinge interessiert habe, aber ohne gescheite Trage und mit Baby, das im Kinderwagen völlig unruhig war, war jedes Wohnungsverlassen eine Tortur. Und die Kommilitonen hatten besseres zu tun, als sich in meiner Wohnung das Säuglingsgewimmer anzutun.

    • annabereuter schreibt:

      Ich hatte so einen Tunnelblick, alles war nur aufs Baby bezogen. Ich hätte – anders als du – sogar (beschränkt) die Chance gehabt, ab und zu was ohne Baby zu machen. Aber ich konnte mich zu nichts aufraffen, und nach einiger Zeit war ich irgendwie geistig immobilisiert. Und die Leute aus meinem Umfeld (Mutter etc.) meinten es zwar gut, bewirkten aber nichts, zumal die Ratschläge aus der Ecke eher in Richtung „alles fürs Baby“, „das Baby geht immer vor“ gingen.

      • anniefee schreibt:

        Hm, diese Ratschläge nerven auch – weil ja (wie du schreibst) eher eine ausgeglichene, zufriedene Mutter das Beste fürs Baby ist und nicht eine permament präsente aber gelangweilt-genervte..

  5. annabereuter schreibt:

    Eben, aber man ist anfangs sehr unsicher und sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Da hilft der Anstoß von außen.

  6. Pingback: Mailbox: Baby und Kind: Babyratgeber | Karin Koller

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s