Die Schamlosigkeit älterer Frauen

Ältere Frauen sprechen Menschen, die nicht in ihr Weltbild passen, abschätzig an und kommentieren Situationen, die ihnen ungewöhnlich erscheinen, ohne jedes Feingefühl.

Als Katharina krank war, musste sie einen Mundschutz tragen, wenn wir mit dem Kinderwagen außer Haus gingen. Regelmäßig kamen ältere Frauen auf uns zu, fragten: „Mei, hat das Kind einen Schnupfen?“, und versuchten Katharina einen Finger ins Gesicht zu bohren.

Andere Menschen werden zur Bedrohung, wenn man für ein leukämiekrankes Kind sorgt. Ständig sieht man die Infektionsgefahr, die von Berührungen ausgeht, wenn die Hände nicht sauber sind. Ich drehte Katharinas Wagen zur Seite.

„Nein, sie hat Leukämie“, sagte ich bestimmt „jede Berührung kann für sie gefährlich sein.“

Die Frauen erschienen für einen Augenblick peinlich berührt und gingen so rasch weg, als hätten sie Angst, Katharina könnte sie anstecken.

Ich fand diese Schamlosigkeit atemberaubend. Wie komme ich dazu, wildfremden Menschen zu erklären, dass meine Tochter Krebs hat? Wie kommen wildfremde Menschen dazu, die Privatsphäre meines Kindes zu verletzen? Warum fragen diese Frauen – wenn sie schon Dinge wissen müssen, die sie überhaupt nichts angehen – nicht mit einem Funken Feingefühl, anstatt gleich ungefragt ihre Meinung zu offerieren?

Nur ältere Frauen machten das, nie jüngere, nie Männer. Die älteren Frauen machten das immer nach dem gleichen Stereotyp, immer mit dem Finger, immer mit einer vorgefertigten Frage. Warum ist das so?

Frauen ab 60 sind die letzte Generation, die dazu erzogen wurde, sich unterzuordnen, möglichst wenig zu hinterfragen und einer einmal akzeptierten Obrigkeit zu folgen. Als sie selbst Kinder hatten, stellten sich viele nach gut-katholischer Manier vor diesen als unfehlbar dar. Das heißt, jeder unweigerlich doch auftretende Fehler wurde rationalisiert, bis die Schuld auf jemand anderen abgewälzt werden konnte.

Die Unfehlbarkeit geht Hand in Hand mit der Allwissenheit, die den Kindern vorgegaukelt wurde. Diese hat sich bei den älteren Frauen soweit einzementiert, dass sie selbst davon überzeugt sind, alles zu wissen und jede Situation einschätzen zu können. Sie empfinden sich selbst als oberste Instanz. Ihre Erfahrungswelt wird zu der einzig möglichen, außerhalb darf es nichts geben. Gibt es das doch, wird es negiert oder aktiv bekämpft.

Selbstreflexion ist für sie verpönt, das würde ihre Unfehlbarkeit in Frage stellen. Aufgrund der Allwissenheit brauchen sie sich nicht für moderne Entwicklungen zu interessieren, was sie wissen müssen, so glauben sie, wissen sie bereits seit Jahrzehnten. Erkenntnisse, Einsichten und Weiterentwicklung benötigen sie nicht. Das führt zu einer geistigen Verknöcherung. Was für sie gut und richtig ist, hat für alle Zeiten gleich zu bleiben.

Sie sind es gewohnt, den Ton anzugeben. Um die Gefühle anderer brauchen sie sich nicht zu kümmern. Was sie zu sagen haben, ist in ihren Augen auf jeden Fall legitim, in den meisten Fällen kann es anderen sogar eine signifikante Bereicherung bringen. Deshalb schreiten sie auch so forsch drauflos, sagen wildfremden Menschen ihre Meinung. Die Welt würde – so meinen sie – ohne ihre Aufsicht verlottern. Würde umgekehrt jemand sie auf die gleiche Weise ansprechen, empfänden sie das als Affront.

Bei weitem nicht alle Frauen über 60 haben ein solches Weltbild, das ist mir klar. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass alle jene Frauen, die einem krebskranken Kleinkind den Finger ins Gesicht stecken, genau so denken.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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11 Antworten zu Die Schamlosigkeit älterer Frauen

  1. Dazu gibt es ein passendes Lied, das geht so (oder so ähnlich):

    „They got grubby old fingers
    And dirty old minds
    They’re gonna get you every time
    Well, I don’t want no Old Women
    Don’t want no Old Women
    Don’t want no Old Women
    ‚Round here!

  2. alicedelrosario schreibt:

    Ich kenne den Menschentyp auch. Zu allem eine Meinung, an der unverrückbar festgehalten wird. Das Wort Zweifel kann nicht einmal buchstabiert werden. Ansonsten, Default Modus: früher war alles besser. Toleranz wird so interpretiert, dass nur, was den eigenen Vorstellungen zu 100% entspricht, toleriert wird. Und wenn die Realität nicht mit der Interpretation der Realität im Einklang steht, dann liegt das an der Realität. Meine Schwiegermutter ist der Prototyp.

    • Besonders sympathisch ist dieser Menschenschlag, wenn sich zu den von euch geschilderten Prämissen noch die deformation professionelle einer langjährigen Lehrertätigkeit gesellt. Das führt dazu, dass nicht nur der Meinung lautstark und mit der notwendigen Festigkeit Ausdruck verliehen wird, sondern man auch noch die für notwendig erachteten Korrekturen aufgetragen bekommt.

      Mein Sohn hat eine solche Lehrerin, die beim Elternsprechtag den Kindesmüttern durchaus auch Tipps, wie sie sich richtig zu kleiden hätten, oder wie die Kinder erzogen gehörten, zukommen lässt.

  3. johannamiller47 schreibt:

    Ist dir meine Mutter begegnet?

  4. anniefee schreibt:

    Über schamlose Kinder-Anquatscher und -Grabscher schreibe ich ja auch immer mal wieder, weil es mich als schüchterne Person auch stets verblüfft. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass Belehrungen und Befürchtungen tatsächlich überwiegend von älteren Frauen gemacht werden, „witzige“ Sprüche und kumpelhaftes Getätschel kommt auch schon mal von Männer aus der Unterschicht mittleren Alters, die dann dazu erklären, welche Stiefsöhne sie haben oder dass sie schon drei Enkel haben (und nur heute getrunken haben, weil doch der soundso Geburtstag hat).
    Ein gutes hatte der Mundschutz vielleicht: die damals Ansprechenden Tanten überlegten sich in Zukunft vielleicht ein wenig mehr, ob sie so unvorsichtig fragen.

    • Karin Koller schreibt:

      Da bin ich mir nicht so sicher. Ein Grundzug des Wesens solcher Frauen, ist es, jede Abweichung ihrer Realität zu verdrängen. Adaption wäre mir nur insoferne denkbar, dass sie beim nächsten Kind mit Mudschutz sagen: „Mei, neulich habe ich auch so ein armes Würmchen mit Krebs gesehen.“ und sich dabei schon als Experten für Kinderonkologie sehen.
      All das klingt recht lustig, aber ich habe mich damals wirklich schlecht gefühlt, diesen Frauen erklären zu müssen, dass mein Kind Krebs hat (die Erkältung wollte ich nicht auf uns sitzen lassen und bei einem stummen Fluchtversuch wurde ich einmal verfolgt, bis ich eine Antwort gab).

      • anniefee schreibt:

        Hm, klingt auch logisch. Schwierig, sich in solcher Frauen Köpfe reinzuversetzen.
        Natürlich kann man das Reinreden nur das lustig finden, wenn es einen harmlosen Grund hat. Ich finde es eigentlich nie im selben Moment amüsant, erst so nach einigen Stunden, wenn der Ärger verraucht ist..

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