Tattoo You (Teil 2)

Ein Gastbeitrag von Clara Moosmann

Ich bin nicht tätowiert. Und, nachdem ich in den Medien über Jahre hinweg viele Fußballer, Realityshowteilnehmer und Soapsternchen gesehen habe, die diverse Körperteile mit Bildchen und Schriftzeichen, deren ästhetischer Reiz sich mir nicht erschlossen hat, geschmückt haben, war ich mir sicher, dass für mich auch in Zukunft ein Tattoo nicht in Frage kommt.

Tattoos, sind nichts für mich, dachte ich.

Bis vor einigen Monaten.

Da lernte ich eine sehr schöne, sehr coole Frau kennen. Und diese Frau war tätowiert. Nicht tätowiert wie Marco Materazzi, also nicht von über den ganzen Körper verteilten Bildern und Schriftzeichen verziert. Sondern an einigen wenigen Stellen, die planvoll ausgesucht schienen, mit selbst mir als durchdacht ins Auge springenden Tätowierungen versehen.

Mir gefielen diese Tätowierungen, ohne dass ich ernsthaft in Erwägung zog, mich selber tätowieren zu lassen. Aber irgendwie hatte der Anblick dieser tätowierten Frau meine frühere Gewissheit, dass mir Tattoos nicht gefallen, zerstört. Und mich dazu gebracht, offener durch die Welt zu gehen.

Das führte dazu, dass ich in der Folge tätowierte Leute genauer betrachtete. Natürlich sah ich immer noch sehr viele Tätowierungen, die mir überhaupt nicht gefielen. Aber es kam immer öfter vor, dass ich jemanden, der tätowiert war, erblickte, und mir bei näherem Hinblicken zugestehen musste, dass ich die Tattoos schön fand.

Meine ablehnende Einstellung änderte sich aber nicht. Es mag ja schöne Tattoos geben. Auch Leute, denen so was steht, aber ich gehöre nicht dazu.

Aber dann begannen ich und einige Freundinnen eine Diskussion darüber, ob es möglich wäre, seine Aspirationen, ja sein Lebensmotto in einen einzigen Satz, ein einziges Bild zu destillieren. Wenn einem dies gelänge, so dachten wir, dann wäre es so etwas doch wert, auf den Körper tätowiert zu werden, als dauerhaftes Memento an das, was einem im Leben wichtig ist.

Wir diskutierten hin und her, und kamen zum Ergebnis, dass es, wenn so etwas überhaupt abstrakt möglich erschiene, kaum in Frage komme, einen nicht trivialen Spruch, ein nicht triviales Bild zu finden, in dem man dauerhaft seine Lebensziele wiederfinde. Und wer will sich schon etwas Triviales tätowieren lassen?

Damit erschien das Thema abgehakt.

Diese Gespräche führten mich aber in den folgenden Tagen dazu, zu überlegen, wie sich formulieren und darstellen ließe, was mir im Leben wichtig ist. Dabei kam ich zum Schluss, dass tatsächlich alles, was mir dauerhaft wichtig ist, auch vollkommen trivial ist.

– Lieben und geliebt zu werden: trivial.
– Neugierig und interessiert bleiben: trivial.
– Den eigenen Überzeugungen treu bleiben, ohne in ihnen zu versteinern: ebenso trivial.
– An sich selbst zu glauben, aber dabei auch an sich selbst und allen vermeintlichen Gewissheiten zu zweifeln: trivial, spätestens seit Sokrates
– Die Hoffnung nie verlieren: notwendig, aber absolut trivial.
– Sich nie zu kompromittieren: vollkommen trivial
– Alles ernst nehmen, aber nie ernst bleiben: so trivial, es könnte in einem Glückskeks stehen.

Wenn aber alles, was mir im Leben wichtig ist, trivial ist, wäre es ja geradezu absurd, nach einem nichttrivialen Symbol dafür zu suchen.

Ich muss also, um meine Lebenseinstellung mit einem Tattoo auszudrücken, nur einen Satz finden, der mich ästhetisch befriedigt, also mir dauerhaft Freude vermittelt, weil dadurch mein triviales Leben mit seinen trivialen Zielsetzungen so präsentiert wird, dass ich mich darin wiederfinde.

So eine Darstellung zu finden, verlangt, glaube ich, einiges Nachdenken. Aber ich bin überzeugt, dass jeder, der sich die Mühe macht, die eine Darstellung, die eine Formulierung finden kann.

Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber bald, und für den Rest seines Lebens.

Und wenn er diese Darstellung findet, mit der er sich identifizieren kann, dann ist sie es wert, auf dem eigenen Körper für immer festgehalten zu werden.

Ich denke, dass ich sie gefunden habe. Eine Formulierung des amerikanischen Dichters e.e. cummings. „Once we believe in ourselves, we can risk curiosity, wonder, spontaneous delight, or any experience that reveals the human spirit.”

Und ich habe an mir auch eine Körperstelle entdeckt, zu der sie passen würde.

Vielleicht werde ich bald tätowiert sein. Stranger things have happened.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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12 Antworten zu Tattoo You (Teil 2)

  1. Laura schreibt:

    That´s the spirit. Und: schöner Satz

  2. Hofnarr schreibt:

    Warum eigentlich kann man jenen trivialen Spruch, der einem absolut zusagt, nicht einfach zuhause als Bild an die Wand oder die Haustüre hängen, zum Abnehmen und woanders hinhängen und mitnehmen?!? Bauernregeln und Bibelweisheiten hängen doch auch zuweilen an der Wand, um auszudrücken, was der Einzelne als trivial erachtet, gänzlich unabhängig welche Weisheit es ist… Warum also den Körper für immer verunstalten, als wär’s eine besprayte Hauswand fremder Leute?!?

    • Laura schreibt:

      Kann man schon. Aber möchte man halt nicht. Man fühlt sich dadurch ja nicht verunstaltet, sondern verschönert und empowered.

    • Das ist halt Geschmackssache. Der eine findet es reizvoll, den Menschen, den er liebt, zu heiraten und damit zum Ausdruck bringen, dass die Liebe für immer halten soll. Der andere findet sowas doof, weil man ja auch ohne zu heiraten einfach so zusammenleben kann, solange man mag.

      Der eine findet es reizvoll, sich etwas tätowieren zu lassen, um der Dauerhaftigkeit symbolisch Ausdruck zu verleihen, der andere hängt es sich als Stickbild an die Wand.

      Jedem Tierchen sein Pläsierchen, wie der Alte Fritz gesagt hat.

  3. 100%ige Zustimmung, Clara. Wer sucht, der findet auch, und gerade die intensive Beschäftigung, das Suchen, ist ein wichtiger Teil der Freude daran

  4. katharinapleberger schreibt:

    Mich hast du überzeugt

  5. Elke Lahartinger schreibt:

    Ich glaube, du hast recht

  6. Hofnarr schreibt:

    Wie ich schon in Karins Artikel übers Tätowieren schrieb, ist es auch eine Frage der Kultur… Möchte ich zu jener Kultur der Tattoos auch dazu gehören oder eben explizit nicht, weil zu viele damit auch Macht, Gewalt und Verbrechen ausdrücken wie beispielsweise der Gangster-Rapper Xatar und andere der Rocker- und der Neonazi-Szene… Da wäre ich nun wirklich falsch bedient, wenn ich zu denen dazu gehören möchte durch das zur Schau stellen von Tattoos…

  7. alicedelrosario schreibt:

    Zwei schöne Artikel. Ich habe mir mein Tattoomotiv lange überlegt, und es dann auch nie bereut.

  8. Pingback: Mein Tattoo (1) | Karin Koller

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