Diese Woche konsumiert: Sparen und Haushalt

Politiker vergleichen gerne den Staatshaushalt mit einem Privathaushalt (wenn sie nicht gerade das Budget mit einem Fass gleichsetzen http://wp.me/p1pooZ-rX ). Das verstehen die Leute, damit können sie sich identifizieren, meinen die Politiker.

Wenn man sagt, wir haben jahrzehntelang über unsere Verhältnisse gelebt, dann gibt man ruhig und gelassen die Verantwortung für die derzeitige Misere ab. Jene, die früher, zu unbestimmten Zeiten regierten, und nichts mehr zu tun haben mit den amtierenden Politikern sind schuld. Nun müssen „Unschuldige“ alles wieder gut machen. Durch diesen kleinen rhetorischen Trick wird man von Tätern zu Helden.

Wie oft hört man jetzt von offizieller politischer Seite, von den Medien, von den Leuten die man trifft und die es auch nachplappern:

„Stell dir vor, du und Dein Mann hättet euch Autos, Urlaube und Luxusgüter gekauft mit Geld, das ihr nicht habt. Irgendwann müsst ihr das geliehene Geld zurückzahlen, und dann heißt es sparen.“

Ein Staat ist keine Familie. Um die Schulden zurückzuzahlen, kann der Staat auch nicht einfach irgendwo Geld hernehmen, wo man gerade leicht etwas abzwacken kann.

Bei einer Familie mag das möglicherweise noch gehen, kurzfristig und bei geringen Schulden. Ein Staat ist aber so komplex, dass selbst die politisch Verantwortlichen die Zusammenhänge nicht begreifen können, oder nicht begreifen wollen, weil Strukturmaßnahmen entweder bei der Bevölkerung oder den politischen Partnern nur mit äußerster Anstrengung durchsetzbar sind.

Problematisch ist die Anwendung der Familienanalogie auch, weil dadurch das Sparmodell durch Ausgabenkürzung populär gemacht werden soll. Bei einer Familie können nur die Ausgaben verringert werden, weil eine Erhöhung der Einnahmen praktisch unmöglich ist.

Ein Staat hat viele Möglichkeiten die Einnahmen zu erhöhen. Sinnvolle Einnahmenerhöhungen treffen aber hauptsächlich die Wohlhabenden. Politiker würden also gegen ihre persönlichen Interessen und gegen jene ihres unmittelbaren Umfelds handeln.

Ausgabenkürzungen werden zuerst bei den Sozialleistungen angesetzt, treffen also die Armen zuerst und die Wohlhabenden so gut wie gar nicht.

Bei einer Familie müssen in Zeiten der Not alle den Gürtel enger schnallen, sagen die Verantwortlichen, das werdet ihr doch verstehen. So bringen sie die eigenen Schäfchen ins Trockene und gaukeln gleichzeitig die unausweichliche Notwendigkeit, bei den Armen zu sparen, vor.

Einfacher als sich die Wohlhabenden zum Feind zu machen ist es, irgendein vergleichsweise verschwindend kleines, aber für die öffentliche Diskussion griffiges Einsparungspotenzial zu finden. Ein gutes Beispiel ist die von Erwin Pröll geforderte Abschaffung des Amtes des Bundespräsidenten. Das bringt vermutlich ein paar hunderttausend Euro im Jahr, die keine Struktur verändern, die niemanden etwas nützen, aber es wird darüber diskutiert, Sendezeit gefüllt, Aktivität vorgetäuscht. Man zeigt, dass man etwas tun würde, ließe es der politische Gegner zu. Für die Analogie mit der Familie reicht diese Summe aus, mehr wird sich der durchschnittliche Wähler ohnehin nicht vorstellen können.

Dieses Sparen allein um des Sparens willen würgt die Wirtschaft ab und vertieft die Krise. Nicht nur unsere Politiker scheinen das nicht zu begreifen ( http://www.nybooks.com/blogs/nyrblog/2012/jan/06/europe-cutting-hope/ ).

Deshalb noch eine Familienanalogie:

Wenn die Familie kein Geld hat, genügt es nicht, einfach jemanden auf der Straße zu drangsalieren, bis er einige Euro herausrückt. Man muss das Konzept der Annehmlichkeiten, die man sich leistet, überdenken. Einen Plan machen, was man tatsächlich braucht und was nicht, wo es sich lohnt zu sparen und wo es schadet. Ja, auch in einer Familie kann sparen am falschen Ort zu Negativeffekten führen. Stellen wir uns vor, die Familie hat eine teure Waschmaschine, verkauft sie für gutes Geld und kann davon ein Promille ihrer Schulden begleichen. Da aber die Wäsche trotzdem sauber werden soll, kann nun aber zum Beispiel die Mutter nur noch einen Teilzeitjob ausüben, weil sie den Rest des Tages an der Waschrumpel Wäsche schrubben muss, und verliert dadurch die Hälfte ihres monatlichen Einkommens.

Eine Familie kann man nicht mit einem Staat vergleichen. Aber selbst bei einer Familie sind die Dinge nicht so einfach, wie viele Politiker es uns glauben machen wollen (oder tatsächlich glauben).

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Sparen und Haushalt

  1. Alexa schreibt:

    Du hast schon recht. Diese Haushaltsvergleiche werden von den Interessenverbänden gezielt gestreut, um Agendasetting zu betreiben, und ihre Interessen schließlich durchzusetzen, dabei aber uns Schafen das Gefühl zu geben, all das wäre alternativlos gewesen und mit unserer Zustimmung erfolgt.

  2. rrfernandez1 schreibt:

    Man will uns glauben machen, die Ursachen der Krise seien wahnsinnig komplex (weshalb sie auch für keinen Politiker zu verhindern war), während die Lösung ganz einfach ist (Sparen, Sparen, Sparen)

  3. alicedelrosario schreibt:

    Schön ist auch, dass nach der Propaganda beim Sparen kein Beitrag zu klein sein kann, etwa eine Taschengeldkuerzung für Asylwerber, während Steuererhoehungen, die die Wohlhabenden betreffen, sinnlos sind, weil sie eh nichts bringen.

  4. johannamiller47 schreibt:

    Frappierend ist auch, das keiner dieser Sparpropagandisten sich offenbar je die Mühe gemacht hat, sich einfachstes volkswirtschaftliches Basiswissen zu verschaffen. Stieglitz, Krugman werden von ihnen nicht einmal wahrgenommen.

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