This Nation´s Saving Grace, The Fall

Ein Gastbeitrag von Elke Lahartinger

Mark E. Smith hat als The Fall mit wechselnden Line-Ups seit Ende der 70er-Jahre um die 30 Studioalben veröffentlicht.

Nicht alle dieser Alben sind erinnerungswürdig, aber die Produktion von zeitlosen, geschliffenen Meisterwerken war nicht das Ziel von The Fall.

Angestrebt wurde immer nur, den jeweiligen Moment, das jeweilige Line-Up, den jeweiligen Gedanken, ungefiltert und unverzüglich einzufangen, ohne sich um den Feinschliff zu scheren.

Eine Idee haben, sie einzufangen, zu vervielfältigen, und dann weiterzugehen, zur nächsten Idee, ohne sich um das, was passiert ist, weiter zu kümmern.

Retrospektiven, nachträgliche Bewertungen und Einordnungen waren nie der Fall von The Fall.

Und jetzt veröffentlicht Beggars Banquet plötzlich eine luxuriöse Box mit 3 Cds – inklusive aufwändig gestaltetem Booklet – ihres Albums „This Nation´s Saving Grace“ aus dem Jahr 1985.

Ich war zunächst verwirrt und habe mir überlegt, was Mark E. Smith früher zu so einem Ansinnen seines Labels gesagt hätte. “What you need is a censor“, vielleicht?

Trotzdem konnte ich nicht widerstehen, und habe mir die Box (Omnibus Edition) – skeptisch – gekauft.

Ich konnte mir nicht wirklich vorstellen, was verschieden Abmischungen von Songs in verschiedenen Entwicklungsstadien an neuen Aufschlüssen liefern könnten.

Schließlich war gerade der Zweck von„This Nation´s Saving Grace“, ein schnell dahingerotztes Statement gegen die öffentlichen Erwartungen, dass der Einstieg von Brix Smith, der amerikanischen Glamourdiva – die einige unerwartet eingängige Lieder wie „Oh Brother“ beigesteuert hatte – zu einer weichgespülteren, kommerzielleren Phase der Band führen würde, zu liefern.

Ein Statement, dass sich, damit alles bleibt, wie es ist, alles ändern muss.

Dem alten, um Brix Smith erweiterten, Kern der Band (Hanley/Scanlon/Burns/Smith) wurde für die Aufnahmen – eigentlich vollkommen unpassend – noch der klassisch ausgebildete Simon Rogers hinzugefügt. Die Monotonie, der Groll, die Riffs blieben. Dazu kamen aber eingängige Melodien, elektronische Experimente, und variable, manchmal sogar psychedelische, Arrangements.

Das Album in seiner ursprünglich veröffentlichten Form begann mit Brix Smith´s „Mansion“, einem eingängigen, an Dick Dale´s Instrumentals erinnerndem Intro, das zu „Bombast“ führt, einer beißend-zynischen Hymne Mark E. Smiths, die von Steve Hanleys Dauerriff dominiert wird, und bei der Smith mit einem Megaphon hinausschreit, was er denen, deren „main entitle is themselves“ an den Hals wünscht. („Feel the Wrath of my Bombast.“)

Darauf folgt „Barmy“(„Out of England I dream of its creamery/when I’m here I dwell on Saxony”), ganz monotone Gitarre und kristallklar klingender Mark E. Smith, und dann das repetitive „What You Need“. Das direkte, von den Riffs von Brix E. Smith bewegte “Spoilt Victorian Child” führt zum synthesizergetriebenen, “uncanny” L.A., einem ersten Ausflug von The Fall in das Dancemetier, und eindeutig keine Liebeserklärung an Los Angeles..

„Gut of the Quantifier,“ ist dann ein glaminspiriertes festes Aufstampfen eines trotzigen Querkopfes („Stick it in the mud/Stick it in the gut.“)

Dass The Fall sowohl von Captain Beefheart als auch von Can beeinflusst wurden, war in den nächsten Stückenoffenichtlich, dem Punkrockabilly-Stück „My New House“ und der bizarren Can-Hommage „I am Damo Suzuki“, für die musikalische Versatzstücke („oh yeah“) von Can ebenso verwendet werden wie Textanspielungen auf Can-Stücke.

Das dazwischen eingebettete Paint Work ist ein psychedelisches Stück, bei dem Mark E. Smith die Melancholie halbakustisch zersägt. Das – ursprüngliche – Album endete mit „To NKroachment: Yarbles“, das von einer eingängigen Bassline (Scanlon!) dominiert wird.

Spätere Auflagen des Albums wurden ergänzt um „Vixen“ (von Brix Smith gesungen), das melancholische „Petty Thief (Lout)“ und die etwa aus der Erscheinungszeit stammenden Singles „Couldn´t get ahead“ (einen der größten „Hits“ von The Fall), „Rollin‘ Dany“ und „Cruisers Creek“. All diese Lieder sind also seit Jahrzehnten erhältlich. Wofür dann eine 3-fach CD-Box? Die verschiedenen Varianten der Songs auf CD 2 und CD 3 zeigen im Vergleich zur unveränderten ursprünglichen Albumversion auf CD 1 geben einen Einblick in den kreativen Prozess, machen Entwicklungsstadien sichtbar, und vermitteln die rohe Kraft der gänzlich ungeschliffenen ersten Abmischungen, die oft auf einem einzigen Livetake basierten. Sie zeigen, zusammen mit dem fantastischen Booklet, eine von der drohenden Mainstreamakzeptanz verunsicherte Band, die sich, angeführt von Mark. E. Smith, einem Künstler, der, wie Shakespeare ( http://thequietus.com/articles/07465-mark-e-smith-interview-the-fall ), immer noch unterschätzt ist, in einem Studio in Manchester einbunkert und eines der Meisterwerke des Jahres 1985 produziert.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu This Nation´s Saving Grace, The Fall

  1. „I think Shakespeare’s very, very underrated.“ Hi, Hi, Hi

  2. Mark E. Smith, einer der wenigen Künstler, die Mieselsucht als Lebenseinstellung attraktiv machen

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