Songs: Richard & Linda Thompson: Walking on a wire

Das Leben ist nicht selten ein Drahtseilakt. Wir balancieren zwischen dem eigenen Wohlbefinden und dem der anderen, zwischen Familie und Karriere, zwischen Träumen und Realität.

Mitunter balanciert man auch zwischen Normalität und Wahnsinn. Während der Krankheit meiner Tochter habe ich das erlebt.

Ich stellte mir mein Leben damals vor als eine Wanderung auf einem Seil über eine Schlucht. Manchmal schien ich das Gleichgewicht zu verlieren. Ein Sturz und man ist verloren. Deshalb musste ich darauf achten, so gut es ging, auf dem Seil zu bleiben.

Das kranke Kind zu pflegen, die Angst darüber was passieren könnte, zu bewältigen und die Gedanken darüber, dass etwas passieren könnte, in Schach zu halten, erfordert sehr viel Kraft. Ein minimaler Trost bei der Leukämieerkrankung ist, dass die Therapie genau vorgegeben ist. Man bekommt einen Plan, der muss abgearbeitet werden. Schritt für Schritt für Schritt machten wir gemeinsam. Ich wusste, wenn der letzte Schritt gemacht ist, wird Katharina wieder gesund sein. Deshalb musste ich mich immer nur auf den aktuellen Schritt konzentrieren.

Trotzdem waren es viele Schritte, manchmal erschienen es unüberwindbar viele. Der Plan konnte auch nicht immer eingehalten werden, verzögerte sich wegen Infektionen oder weil Katharina zu schwach war. Dann schien die Zeit stillzustehen, durch nichts konnte man sie wieder zum Weitergehen bewegen.

Dann war auch die Schlaflosigkeit, in der die Gedanken rasten, immer im Kreis, immer unproduktiv. In der Nacht war ich alleine mit meinen Gedanken, mit unendlich viel Zeit. Die Gedanken zermürbten das Gehirn und den Willen wie Mühlsteine. Man fragt sich nach dem Warum, obwohl man weiß, dass es darauf keine Antwort gibt. Wenn man stundenlang wachgelegen ist, dann fühlt man sich, als hätte man das Leid der Welt auf sich geladen.

Manchmal glaubte ich, nicht mehr weiterzukönnen. Einfach liegenbleiben am Morgen, bis die Erschöpfung vergeht. Einfach liegenbleiben, weil ich dann nicht mehr verantwortlich bin, weil dann der Schmerz und die Angst endlich vergehen müssen.

Gleichzeitig wusste ich, dass das nicht der Fall sein würde, dass ich mich, wenn ich tatsächlich liegenblieb, so verlockend es auch erschien im Augenblick, möglicherweise nicht mehr aufrappeln würde.

So tastete ich mich weiter auf meinem Seil, so tapfer ich konnte. Nie wusste ich, woher der Wind kommen würde, ob er mich mit der nächsten Böe in den Abgrund blasen würde. Glücklicherweise bin ich gut auf der anderen Seite dieser Schlucht angekommen.

Ich glaube, bei vielen psychischen Erkrankungen gibt es einen Punkt, an dem man selbst noch auf die sichere Seite gehen kann. Übersieht man diesen Punkt, verliert man das Gleichgewicht. Strauchelt man nur ein bisschen, kann man noch von Menschen des unmittelbaren Umfelds aufgefangen werden. Passiert das nicht, fällt man in einen Abgrund, aus dem man aus eigener Kraft nicht mehr herauskommt, wo es nichts mehr nutzt, wenn jemand sagt, man solle sich zusammenreißen, wo man professionelle Hilfe braucht.

Mein Mann und meine Mutter haben mir einige Male gerade noch rechtzeitig die Hand gegeben, als ich zu stürzen drohte, weil die Angst und die Belastung zu groß wurden oder weil eine unter anderen Umständen belanglose Kleinigkeit von außen mein fragiles seelisches Gleichgewicht zu kippen drohte. Sie zeigten mir, dass Aufgeben keine Lösung ist.

Auch in weniger dramatischen Lebenssituationen empfiehlt es sich, immer wieder nachzusehen, ob man noch fest auf dem Drahtseil steht. Dann kann man sich eine Menge ersparen.

http://www.youtube.com/watch?v=7o3h7eyVRp8

I hand you my ball and chain
You just hand me that same old refrain
I’m walking on a wire, I’m walking on a wire
And I’m falling

I wish I could please you tonight
But my medicine just won’t come right
I’m walking on a wire, I’m walking on a wire
And I’m falling

Too many steps to take
Too many spells to break
Too many nights awake
And no one else
This grindstone’s wearing me
Your claws are tearing me
Don’t use me endlessly
It’s too long, too long to myself

Where’s the justice and where’s the sense?
When all the pain is on my side of the fence
I’m walking on a wire, I’m walking on a wire
And I’m falling

Too many steps to take
Too many spells to break
Too many nights awake
And no one else
This grindstone’s wearing me
Your claws are tearing me
Don’t use me endlessly
It’s too long, it’s too long to myself

It scares you when you don’t know
Whichever way the wind might blow
I’m walking on a wire, I’m walking on a wire
And I’m falling
I’m walking on a wire, I’m walking on a wire
And I’m falling
I’m walking on a wire, I’m walking on a wire
And I’m falling

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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15 Antworten zu Songs: Richard & Linda Thompson: Walking on a wire

  1. „Sie zeigten mir, dass Aufgeben keine Lösung ist“

    Meanwhile, never flinch, never weary, never despair. (Winston Churchill, 01.03.1955)

  2. alicedelrosario schreibt:

    „Strauchelt man nur ein bisschen, kann man noch von Menschen des unmittelbaren Umfelds aufgefangen werden.“

    Manchmal benötigt man aber auch den Trost von Fremden, um nicht zu kippen, ist meine Erfahrung

    • Karin Koller schreibt:

      Ja, man muss nur das Glück haben, die richtigen Fremden zur richtigen Zeit zu finden. Gerade wenn das Problem in der Familie liegt, können Fremde manchmal besser helfen.

  3. NicoleLee schreibt:

    Schön gesagt.

  4. anniefee schreibt:

    Sehr anschaulich geschrieben.
    Ja, man tut gut daran, zwischendurch immermal zu reflektieren, wie fest man steht oder wie strauchelig es ist. Und das Erfreuen am guten Moment nicht vergessen. Schwierigere Zeiten kommen schließlich meist ohne Vorwarnung.

    • rrfernandez1 schreibt:

      Das Schwierige ist, wenn man niemanden hat, der einen von selbst im Gleichgewicxht hält, den Punkt zu finden, an dem man sich Hilfe sucht. Und sich zu überwinden, auch Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Chancen, so eine Situation unfallfrei zu überwinden, sind deshalb viel besser für die, die das Glück haben, Partner, Freunde oder Familie zu haben, die von selbst aktiv werden.

      • Karin Koller schreibt:

        Das stimmt sicher. Manchmal sieht man auch gar nicht, wenn jemand helfen will, und der Helfer traut sich nicht, es stärker zu zeigen, weil er Angst hat, dass er ansonsten das Seil zu stark in Schwingungen bringt.

    • Karin Koller schreibt:

      Erfreuen in schwierigen Zeiten ist auch ganz wichtig. Ich habe es lange für unschicklich gehalten, mir eine kleine Freude zu machen, wenn es meiner Tochter schlecht geht. Das war ein Blödsinn. Ich kann nur allen raten, sich kleine Freuden zu gönnen, wann immer sich eine Möglichkeit bietet.

  5. indreamsiwalkwithyou schreibt:

    ich finde deine songbeschreibungen immer wieder wunderbar, auch hier

  6. Pingback: ( Songs auf einer einsamen Insel. Eine Erinnerung. | Karin Koller

  7. mea schreibt:

    Über das Projekt *.txt bin ich hier bei Dir vorbeigelandet. Deine Geschichte hat mich sehr bewegt. Du schreibst so persönlich und offen, dass es mich tief berührt. Dazu dieser Song. Ich habe ihn direkt beim Lesen gehört.

  8. Dominik schreibt:

    Ein berührender Text einer sehr persönlichen Gratwanderung. (Mehr kann ich nicht sagen – würde wohl dem Text nicht gerecht werden.)

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