Schubladenschätze

Schubladen üben auf mich seit jeher einen unwiderstehlichen Reiz aus. Im großen Esstisch meiner Großtante war eine Schublade. Dort bewahrte sie nicht nur Besteck auf, sondern auch die Revolverheftchen des Onkels, Taschenmesser, Spielkarten, eine Strickarbeit, eine Creme für raue Hände, Kerzen und Zündhölzer, falls der Strom ausfällt.

Die Schublade beinhaltete alles, was Großtante und Großonkel in ihrer Freizeit brauchten. Als Kind nestelte ich immer, wenn ich bei ihnen zu Besuch war, am mit durchsichtiger Plastikfolie geschützten Sticktischtuch herum, bis ich die wunderbare und so geheimnisvoll überdeckte Schublade fand. Einmal bemerkte das meine Großtante und danach legte sie immer ein kleines Schokoladenstück für mich hinein. Ich fand es, schaute mich nach der Tante um, sie zwinkerte mir zu und ich ließ das Schokoladenstück in meiner Hosentasche verschwinden.

Auch bei meiner Oma gab es Schubladen. Die in ihrem Nachtkästchen, in der die Bibel lag, der Rosenkranz und das Gebetbuch. Im Fach darunter lagerte nur alte Wolle und ein alter Hausschuh, weil es dort muffig roch. Im Nachtkästchen auf der anderen Seite des alten Ehebetts meine Oma wurden die neueren Todesanzeigen aufbewahrt. Die älteren, mindestens vierzig Jahre zurückreichenden Todesanzeigen befanden sich in einem Koffer im Dachboden. Ich wunderte mich immer, wann genau der Zeitpunkt kam, an dem eine Schlafzimmer-Todesanzeige zu einer Dachboden-Todesanzeige wurde, habe es aber nie herausgefunden.

Auf dem Dachboden aber befanden sich die alten Truhen und Kommoden mit den wahrlich wunderbaren Schubladen. Als ich klein war, bestand das Haus meiner Oma aus einem Stall im Keller (mit ebenerdigen Eingang wegen Hanglage) und einem Wohnbereich im Erdgeschoss. Der gesamte erste Stock war der Dachboden, in dem das Heu für die Tiere aufbewahrt wurde. Viele Häuser waren damals so gebaut, erst viel später fiel den Leuten auf, dass es eine ungeheure Platzverschwendung war, sich im Erdgeschoss zu drängen, während das Heu oben residierte. Auch war es viel Arbeit, das Heu im Sommer in den ersten Stock zu schleppen und im Winter wieder hinunter in den Stall.

Für uns Kinder war dort oben ein Paradies. Wir spielten im Heu und stöberten in den Truhen, Schubladen, Kisten und Kästen, die dort achtlos ausrangiert wurden. Dort fand ich die alten Zeugnisse meiner Mutter. Die goldenen, bis zu den Ellenbogen reichenden Handschuhe, die meine Mutter sich für den heimischen Kirchenbesuch gekauft hatte, um in der Provinz zu demonstrieren, wie mondän es in der Großstadt war. Alte, sonderbare, halb verrostete Metallteile, von denen wir Kinder nicht wussten, ob sie einst die Beschläge von Schatztruhen waren, oder zum Aufhängen von Schlachtvieh verwendet wurden. Leinenballen, die meine Oma und meine Mutter noch selbst hergestellt hatten. Die Ohrringe, die meine Oma als Kind getragen hatte, die sie sich aber bei einer Balgerei ausgerissen hatte. Und alte Postkarten und Briefe mit Nachrichten aus einer längst vergessenen Welt. Alles kreuz und quer durcheinander, ohne Ordnung, ohne Liebe, ohne Bewusstsein für die eigene Geschichte einfach weggelegt, aber doch zu schade zum Wegwerfen.

Für mich war es das Wunderbarste, dort zu stöbern. Niemand schien sich daran zu stören. Mit einer besonders aufregenden Entdeckung konnte ich meiner Mutter oder meiner Oma ein Lächeln entlocken, manchmal sogar eine Geschichte, die mit dem betreffenden Gegenstand zu tun hat.

Noch heute freue ich mich, wenn ich in ein Haus komme, in dem große alte Truhen mit vielen Schubladen stehen. Ich male mir dann aus, wie die Bewohner ihre Schätze in die Schubladen legen und wie ihre Enkel zu Besuch kommen und sich im Durchstöbern der Schubladen verlieren.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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12 Antworten zu Schubladenschätze

  1. BarbK schreibt:

    Ich finde, es ist erstaunlich, wie erst achtlos weggeräumter Krimskrams einen Einblick in das Leben von früher eröffnet, da hast du ganz recht.

  2. Adrienne schreibt:

    Schön beschrieben, der unvergängliche Wert von vergänglichem Zeugs

  3. Erika schreibt:

    Interessant, dass deine Oma als Kind schon Ohrringe getragen hat. In meinem Umkreis (Großmütter, Tanten, Großtanten etc.) wurde es erst ab den 80er-Jahren gebräuchlich, Ohrringe zu tragen. Meine Oma (und meine Mutter) haben bis heute keine Ohrlöcher.

    • Laura schreibt:

      Das wäre auch interessant, dazu mal harte Fakten zu erheben. Soweit ich weiß, waren in der Nazizeit Ohrringe bei Frauen verpönt, weil nicht „arisch“ und „deutsch“ genug. Wie das davor war, weiß ich nicht. Aber meine Wahrnehmung ist, dass, als ich klein war, keineswegs wie heute praktisch jede Frau Ohrringe getragen hat. Meine Mutter hat sich etwa erst in den Achtzigerjahren, als diese Pistolen aufkamen, die Ohren durchstechen lassen

      • Karin Koller schreibt:

        Ich habe das nicht erhoben und auch nicht bewusst beobachtet. Meine Oma hat mir erzählt, sie hätte sich einen Ohrring bei einer Balgerei ausgerissen, das muss in den frühen Zwanzigerjahren gewesen sein. Sie hat danach nie wieder Ohrringe getragen. Ich kannte aber einige Frauen in unserem Dorf, die etwa im Alter meiner Oma waren und Ohrringe trugen.
        Meine Mutter hatte als Kind auch Ohrringe (etwa 1950) und erzählt, dass ihr beinahe der Blitz dort eingeschlagen wäre (unglaubwürdig, aber das ist die Überlieferung). Danach hat sie bis in die Neunzigerjahre keine Ohrringe mehr getragen.
        Ich habe mir in der Achtzigerjahren Ohrringe stechen lassen, mit 12, weil meine Mutter es dann erst erlaubt hat. Da war das ganz normal, dass Frauen Ohrringe trugen. Ich habe dann mit 15 riesige neonfarbene Plastikreifen getragen, wie alle anderen auch.

      • Laura schreibt:

        Kennt jemand irgendwelches Datenmaterial dazu? Ich habe das auch so erlebt, dass in den Achtzigerjahren dann die meisten Frauen Ohrringe getragen haben. Aber was war vorher? Und wann sind denn die ersten Mehrfachohrlöcher aufgekommen?

      • alicedelrosario schreibt:

        Ich bin in Italien aufgewachsen, wo es schon immer üblich war, Mädchen kurz nach der Geburt Ohrringe zu stechen. All meine weiblichen Verwandten hatten, so wie ich, schon von Kindesalter an Ohrlöcher.

        Ich kann nicht mehr genau sagen, wann in meinem Umfeld mehrere Ohrringe in einem Ohr üblich geworden sind, aber ich schätze, das dürfte gegen Ende der Achtzigerjahre gewesen sein. Hatte nicht Madonna in „Like a virgin“ mehrere Ohrringe?

        Mich würde aber auch interessieren, wie eure Beobachtungen dazu sind.

      • Anna Maria schreibt:

        Das mit den Mehrfachohrlöchern würde mich auch interessieren. Ich bin zu jung, um selbst dazu Wahrnehmungen zu haben. Aber in alten Filmen und Serien aus den 70er-Jahren kommen nie welche vor, ausser bei Mr. T vom A-Team

  4. Hofnarr schreibt:

    In Italien und wohl auch in vielen anderen südlichen Ländern werden schon seit Generationen und direkt ab Geburt kleine Ohrringe als Schmuckstücke und vielleicht auch als Schutz-Symbole von Mädchen getragen, weil ihre Mütter (und wohl auch ihre Väter und andere Verwandte) dies so wollen, wie man etwa kleine umhängbare Kruzifixe den neugeborenen Täuflingen umhängt und danach nie mehr abnimmt, nur bestenfalls mit schöneren oder grösseren austauscht. Damit hatten kleine Mädchen und Frauen in gewissen Ländern wohl stets schon Ohrringe, je nach kulturellem Umfeld und Ussanz der Dorfbevölkerung und der umliegenden Nachbarn. Es ist das erste Zeichen von finanziellem Reichtum einer Familie… Es war wohl umgekehrt: Erst später haben sich Familien davon distanziert, über die Ohrringe ihrer Kinder ihren Reichtum der Familie zur Schau zu stellen und habendeshalb gerade Ohrringebei ihren Töchtern auch bewusst weggelassen mit dem vermehrten Wunsch „Zurück zum Natürlichen, Ursprünglichen“ auch bezüglich der Kinder…

    Das gleiche Phänomen ist aber auch, so brutal es klingen mag, beim Kuppieren von Hundeohren bei beispielsweise der deutschen Dogge geschehen: Zuerst wünschte man zufolge von Modeerscheinungen möglichst viel Veränderung durch Menschen beim Hund, demnach ausschliesslich Spitzohren, auch dort, wo’s von Natur aus zufolge der Rasse keine Spitzohren gäbe, sondern Hängeohren. Deshalb begann man, Hundeohren operativ spitzig zurecht zu schneiden… Heute ist das verboten und ein grosser Wandel „Zurück zum Natürlichen, Ursprünglichen“ inklusive der nötigen Public Relation ist nun auch beim Halten von Tieren in Mode gekommen, sodass man auch mittels Tierschutz-Bestimmungen die Hängohren der deutschen Dogge und anderer Hunderassen belässt, wie sie sind und auch das Kupieren von Schwänzen und anderes bei Tieren vollumfänglich verbietet. Was aus der Mode kommt, wird unterlassen…

    Aber es ist dennoch interessant, dass gerade in den von Dir geschilderten Schubladen von älteren Familienangehörigen längstvergessene Dinge hervorgekramt werden können, an denen man die unterschiedlichen Modeerscheinungen jeder Form von einst und jetzt in Details nachvollziehen kann. Dies auch bezüglich Kleinigkeiten des Lebensalltags, nicht nur im Bezug auf Modeerscheinungen. Dies haben Erinnerungswerte grundsätzlich an sich, was auch immer es ist…

  5. RaggedGlory schreibt:

    Ich habe die ersten Mehrfachohrringe Mitte der 80er wahrgenommen, etwa gleichzeitig mit den ersten Nasensteckern. Zweifach-Ohrlöcher waren dann in den späten 80ern nicht unüblich. Ich kann mich noch dunkel an eine Verkäuferin erinnern, die 1985 schon ca. 5-6 Ohrringe auf einer Seite plus Nasenpiercing trug.
    In den 90ern kam dann der Piercingboom an Nabel, Augenbraue und (mittigen) Labrets dazu. In den 2000ern dann Tragus, asymmetrische Labrets, Madonnas und in den späten Nuller-Jahren gedehnte Ohrlöcher. Für verläßliche Aussagen zur Entwicklung in textilbedeckten Regionen ist meine Datenbasis zu gering…

    • Astrid schreibt:

      Meine Beobachtungen sind ähnlich, wobei in meiner Schulklasse schon 1981 ein Mädchen drei Ohrlöcher auf einer Seite hatte, und Mehrfachohrloecher spätestens ab Mitte der 80er-Jahre vollkommen normal waren.

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