Kinderfänger

Jedes Jahr gibt es bei uns einen Kinderfänger-Alarm. Ein Mann soll Kinder ansprechen, möglicherweise verschleppen, vergewaltigen oder töten wollen. Gesichtet wird er angeblich in einem Ort weit weg von unserem entfernt. Täglich wird in den Lokalnachrichten über ihn berichtet, wann und wo er sein Unwesen treibt, wie man sich schützen kann vor ihm.

Das ist dann auf Tage und Wochen das einzige Gesprächsthema. Eltern, Großeltern und Lehrer werden hysterisch und verängstigen die Kinder.

In der Schule finden Unterrichtsstunden statt, in denen die Kinder lernen, sich vor Kinderfängern zu schützen. Diese werden auf zweifelhaft pädagogische Art tatsächlich Kinderfänger genannt.

Mittags stauen sich die Autos vor der Schule, weil die Eltern die Kinder nicht mehr alleine nach Hause gehen lassen. Ich habe meine Kinder nicht abgeholt. Gleich rief mich eine Mutter aus dem Dorf an und fragte, ob ich es denn nicht gehört habe. Ich muss mich in Diskussionen verwickeln lassen, wie man seine Kinder schützen kann und muss.

Sätze werden mir an den Kopf geworfen, wie: „Ich könnte mir niemals verzeihen, wenn meinem Kind etwas passiert.“

Ich entgegne dann, der mutmaßliche Kinderfänger ist weit weg. Sicher ist er, falls es ihn denn tatsächlich gibt (passiert ist ja nichts) auch nicht so blöd, Kinder anzusprechen, während gerade ein riesiger Medienrummel um ihn gemacht wird. Wenn man das berücksichtigt, ist es doch in ein oder zwei Wochen viel gefährlicher, die Kinder alleine nach Hause gehen zu lassen. Wo zieht man dann die Grenze? Außerdem leben wir in einem Dorf in Vorarlberg und nicht in den Slums einer Großstadt.

Ich stoße damit auf allgemeines Unverständnis. Bei fast allen. Eine Bekannte von mir denkt so wie ich. Sie muss aber trotzdem ihre Tochter seit der letzten Kinderfängerepisode jeden Tag zur Schule bringen und wieder abholen. Das Kind war auf dem Heimweg nach einer Kinderfänger-Informationsstunde einer betrunkenen Frau begegnet, die in der Einfahrt eines Hauses lag. Die Frau hatte das Kind gebeten, ihr aufzuhelfen und versprochen, für diesen kleinen Gefallen kleine Kätzchen herzuzeigen. Das Kind hatte aufgrund der Propaganda selbstverständlich angenommen, dass die Frau eine Kinderfängerin sein musste und getraute sich alleine nicht mehr auf den Weg.

Einmal habe ich einen der „Kinderfänger“ persönlich gekannt. Es war ein älterer Herr. Er hatte einen Stadtbummel gemacht. Unterwegs sah er ein etwa neunjähriges Mädchen, das er fälschlicherweise als Enkelin einer Bekannten zu erkennen glaubte. Er wollte von dem Mädchen wissen, ob deren Oma noch im Krankenhaus sei. Das Mädchen lief in Panik davon. Am Abend wurde im Radio vor einem Mann gewarnt, der Kinder ansprach. Eine Massenhysterie konnte verhindert werden, weil der alte Herr zur Polizei ging und den Irrtum aufklärte.

Seit ich Kinder habe, kann ich mich nicht erinnern, dass irgendeinem Kind in Vorarlberg von einem mutmaßlichem Kinderfänger Schaden zugefügt wurde. Höchstwahrscheinlich waren die in den Nachrichten kolportierten Kinderfänger, ebenso wie der Bekannte von mir, ältere Herren, die ein Kind ansprachen, weil sie freundlich sein wollten, oder weil sie fälschlicherweise das Kind zu kennen glaubten.

Was ist das für eine Welt, in der einige gutgemeinte Worte einen Mann zu einem Ungeheuer machen? Eine heile Welt, in der zum Glück nichts Schlimmes passiert, in der sich aber sowohl Eltern als auch Medien sofort beim unbedeutendsten Anlass böse Absichten und grauenvolle Straftaten vorstellen? In der man als Rabenmutter angesehen wird, wenn man seinen Kindern die selbstverständlichsten Freiheiten lässt, weil man dem Medienhype nicht glaubt?

Es ist eine Welt, in der ein Mann einem ihm unbekannten Kind nicht mehr unbefangen „Hallo“ sagen kann. Das ist doch grotesk.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Kinderfänger

  1. Laura schreibt:

    Warst du in Bern?

  2. Es ist natürlich schauderbar, welche Hysterien und Massenpsychosen erzeugt werden. Aber ich muß gestehen, dass ich da auch nicht ganz immun bin und mich wider besseres Wissen oft anstecken lasse.

  3. miriambrenner schreibt:

    Geht mir auch so. Wo es um die Kinder geht, verliert man jede Rationalität, oft

    • NicoleLee schreibt:

      Weshalb ist das so (ich bin selbst – noch – kinderlos)?

      • Karin Koller schreibt:

        Ich versuche eine Antwort: Kinder können auf tausenderlei Arten zu Schaden kommen. Als Mutter will man sie vor allem bewahren. Bei mir geht die Ängstlichkeit soweit, dass ich mir jeden möglichen Unfall schon im vornherein vorstelle und mich zurückhalten muss, ständig „Vorsicht“ und „pass auf“ zu sagen. Wenn andere dem Kind schaden zufügen könnten, sind diese Gefühle noch verstärkt, weil man weniger beeinflussen kann. Das ist rational schwer steuerbar.
        Dennoch bin ich der festen Überzeugung, dass wir den Kindern beibringen müssen, mit Gefahren zu leben, anstatt auch ohne Gefahr Panik zu erzeugen. Aber die Durchführung dieses Unterfangens fällt mir auch schwer.

      • NicoleLee schreibt:

        Klingt plausibel

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