Dinge, die wir lieben: Donald Duck

Ein Gastbeitrag von Clara Moosmann

Bis ich etwa 10 Jahre alt war, bestand meine literarische Welt aus den Handlungsorten der üblichen – mehr oder weniger – wertvollen Kinderbücher, die mir meine bildungsbürgerlichen Eltern schenkten.

Ich war mit Lisa in Bullerbü, mit Pippi Langstrumpf auf Taka-Tuka-Land, mit Emil Tischbein in Berlin, mit den Fünf Freunden auf der Felseninsel, mit Trotzkopf in Pommern und mit Nesthäkchen in Charlottenburg. Ich wusste zwar, dass es Comics gab, besaß jedoch zufolge der unablässigen Propaganda meiner Eltern, wonach Comicslesen verblöde, keine. Sie gingen mir auch nicht ab.

Irgendwann, als ich in die 4. Klasse Volksschule ging, kam uns der viel jüngere Bruder meiner Mutter einige Tage besuchen. Für ihn musste ich mein Zimmer räumen und während seiner Anwesenheit ins Zimmer meines Bruders ziehen.

Ich hatte in der Zeit seines Besuches nicht viel Kontakt mit meinem Onkel. Er gab sich als damals 18- oder 19-Jähriger kaum mit mir ab und behandelte mich, so empfand ich es zumindest damals, sehr herablassend.

Als er wieder abreiste, weinte ich ihm daher keine Träne nach und siedelte zurück in mein Mädchenzimmer. Dort bemerkte ich auf dem Nachtkästchen ein Taschenbuch mit dem Titel „Onkel Dagoberts Millionen“, das er offenbar versehentlich zurückgelassen hatte. Wenig interessiert nahm ich das Buch in die Hand und begann, darin herumzublättern. Wieso, dachte ich mir, liest mein Onkel, den alle Verwandten für so unglaublich intelligent halten, Zeichentrickgeschichten, mit denen sich, wie mir meine Eltern eingetrichtert hatten, nur Kindsköpfe, die zu dumm sind, richtige Bücher zu lesen, beschäftigen?

Aber plötzlich wurde ich in den Sog der Geschichten hineingezogen. Sie waren liebevoll und lustig gezeichnet, und in den Sprechblasen auch in einer eigenen bildhaften und phantasievollen Sprache („Pardauz!“, „Her mit dem Zaster!“ ) formuliert.

Und auch die Hauptfigur faszinierte mich.

Donald, Choleriker, der immer den Kürzeren zieht und dessen ganzes Leben sich in Zweikämpfen abspielt. Sei es mit seiner Verlobten Daisy, der er unerschütterlich zugeneigt ist, ohne dass die Beziehung der beiden jemals konsumiert wird, sei es mit seinem Vetter Gustav Gans, dem das Glück zufliegt, wo er ein notorischer Pechvogel bleibt, sei es mit seinen drei kleinen Neffen Tick, Trick und Track, deren Vormund er ist, die ihn aber – weil sie ihm geistig überlegen sind – ständig erfolgreich manipulieren

Und vor allem mit seinem Onkel Dagobert, dem unsagbar geizigen Fantastilliardär, von dem sich Donald, für den dauerhafte Arbeit keine Option zur Bewältigung des Lebens darstellt, ständig Geld leihen muss und der ihn damit ködert, ihn eines Tages zum Erben einzusetzen, was ihm ermöglicht, Donald nach Belieben für niedere Arbeiten oder als Begleiter für Expeditionen einzuspannen.

Nachdem ich das gefundene Lustige Taschenbuch gelesen hatte, war ich im Entenhausener Universum gefangen.

Und ohne, dass ich je zum Donaldisten geworden wäre, oder die Diskussionen, wonach Entenhausen – je nach Standpunkt – entweder verwerflicherweise den Kapitalismus und Imperialismus glorifiziert, oder aber eine tiefschürfende analytische Darstellung der Probleme des Kapitalismus liefert, bei der Onkel Dagobert den Inbegriff des skrupellosen Kapitalisten darstellt, während Donald die Symbolfigur des unterdrückten Opfers eines inhumanen Systems ist, je ernstnehmen konnte, haben mich die Disneys Lustige Taschenbücher, die ich mir zunächst heimlich beschaffen musste, über Jahre nicht nur unterhalten, sondern mir auch tatsächlich neue Horizonte eröffnet.

„Donald und der fliegende Schotte“(LTB 8) brachte mir den mythischen fliegenden Holländer nahe, „Donald, Prinz von Duckenmarkt“ (LTB 58) Shakespeares Hamlet, „In Kaiser Dagokarls Diensten“ (LTB 23) führte mich in die Merowingerzeit ein, „Atlantis in Gefahr“ (LTB 56) erklärte mir den Mythos von Atlantis, „Der Mohr von Venedig“ (LTB 47) die Geschichte Othellos, „Baron Donald von Münchhausen“ (LTB 66) die Münchhausenlegende und „Krieg und Frieden“ (LTB 122) führte mich in Tolstois Welt ein.

Dazu kam, dass die Geschichten von Wortspielen und erfundenen Redewendungen strotzten („Die sind zu zweit, und wir beide sind ganz allein!“ „Wer sind Sie, und was wollen Sie und warum?“ „Wir haben Reden von bestechender Einfalt und verblüffendem Scharfsinn gehört“), Literaturzitate versteckten („Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr.“ „Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“), Pseudozitate erfanden („Leichtfertig ist die Jugend mit dem Wort und bar jeden Sinnes für geschäftliche Dinge!“ „So zerrinnen die Träume, so verrauscht das Glück!“ „Das beste Werkzeug ist ein Tand/In eines tumben Toren Hand“ „Die Wolken ziehn dahin/Sie ziehn auch wieder her/Der Mensch lebt nur einmal/Und dann nicht mehr“), und alle möglichen sprachlichen Ausdrucksmittel, von der Alliteration („Penetrante Plaudertaschen“, „Fälscher, Forstfrevler und Fassadenkletterer“ „Durch Hag und Heide, durch Moor, Modder und Morast!“) bis zum Inflektiv (z. B. „schluck“, „stöhn“, „knarr“, „klimper“), mit dem erstmals auch lautlose, psychische, Vorgänge markiert wurden (z. B. „grübel“, „zitter“), verwendeten.

Und wenn ich auch irgendwann aufgehört habe, die Lustigen Taschenbücher zu kaufen und zu lesen, so haben sie bei mir doch dauerhaft die Wertschätzung sprachlichen Kreativität vermittelt. Und dazu beigetragen, dass ich einen Zugang zur immer noch weithin unterschätzten Kunstform der „Graphic Novels“ gefunden habe, und bis heute – von den Geschichten Robert Crumbs bis zu erotischen Comics – fast täglich eine gezeichnete Geschichte zur Hand nehme.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Dinge, die wir lieben: Donald Duck

  1. Ich versteh´ den Reiz von Asterix, Lucky Luke, Tim + Struppi, aber I don´t get Donald Duck

    • Astrid schreibt:

      Ich auch nicht

      • Xolotl schreibt:

        Ich schon. Asterix oder Lucky Luke bieten mir keinerlei Identifikationsmöglichkeit, Donald schon *). Vielleicht ist’s auch nur was für Jungs, die nicht automatisch auf die Überholspur wechseln? Zumindest die alten Geschichten („Dagoberts Millionen“ war ’68 auch mein Einstieg) hatten in den deutschen Übersetzungen von Erika Fuchs echten Sprachwitz.
        *) Freilich kann man sich auch „unidentifiziert“ amüsieren, aber so machte es halt besonders Laune.

  2. Astrid schreibt:

    @Xolotl: da hast du recht. Lucky Luke etc. haben mit dem normalen Leben, den normalen Problemen nichts zu tun, und sind daher als Fluchtphantasien geeignet. Donald ist demgegenüber immer mit der Realität irgendwie verbunden, und liefert daher Identifikationspotential. Und der Sprachwitz ist fantastisch, da muss man im Vergleich nur die biederen Fix & Foxi- Heftchen aus der Zeit ansehen.

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