Busreise

Immer predige ich, den Kindern muss man unbedingt Selbständigkeit beibringen und erzähle, wie gut es mir getan hat, dass meine Mutter mir als Kind etwas zugetraut hat. In der Praxis sind viele Dinge aber wesentlich schwerer realisierbar als in der Theorie. Und ich bin eine ängstliche Mutter.

Vor einigen Tagen gab ich mir einen Ruck. Anna brauchte etwas aus der Stadt. Frank schlug vor, sie solle doch am Nachmittag den Bus nehmen und in sein Büro kommen. Dann könnten sie es gemeinsam besorgen gehen. Das Büro liegt nur etwa 50 m von der Busstation entfernt. Um dorthin zu kommen, muss sie nicht umsteigen. Die Fahrt dauert eine halbe Stunde. Es schien eine bewältigbare Aufgabe.

Zu Mittag schärfte ich Anna ein, wo sie einsteigen, wie sie die Fahrkarte kaufen, wo sie aussteigen musste und wie sie zum Büro kam. Anna verdrehte bei jeder Anweisung die Augen und sagte: „Ja, Mama. Sicher, Mama. Klar, Mama.“ In sehr entnervtem Ton.

Ich erklärte ihr noch, wohin sie gehen musste, wenn sie die Station versäumte und ließ sie unsere Telefonnummer ungefähr zehnmal aufsagen (einen Zettel wollte sie nicht einstecken).

Frank rief an. Er sagte, ich solle Anna mein Handy mitgeben. Anna war endgültig empört: „ Das nehme ich sicher nicht, ich bin doch kein Baby. Du behandelst mich immer wie ein Baby.“

Sie hatte recht. Ich schämte mich. Sie ist 9 Jahre alt, eine Busreise in die Stadt ist etwas ganz Normales für Kinder in ihrem Alter. Ich muss ihr etwas zutrauen, sonst kann ich mir selbst nicht mehr in die Augen schauen. So dachte ich.

Ich gab ihr Geld für die Fahrkarte, behielt mein Handy und schickte sie auf den Weg.

Etwa eine Viertelstunde, nachdem sie ankommen sollte, läutete das Telefon. Alle Bedenken waren grundlos, dachte ich erleichtert (die erste Busreise ist sicher für die Mutter schwerer als für das Kind). Aber Frank fragte, wann Anna ankommen sollte. Vor Schreck konnte ich einen Augenblick nicht atmen. Vielleicht bekam sie nur die schwere Eingangstür des Bürogebäudes nicht auf?

Frank ging hinunter, um nachzusehen. Anna war nicht vor der Tür. Sie könnte irgendwo sein. Immer noch an der Bushaltestelle in unserem Dorf, an der Endstation vom Bus, bei einer x-beliebigen Station am Weg, oder auch ganz wo anders, weil sie sich von ihrer Ausstiegsstation fortbewegt hatte. Wir konnten sie nicht einmal erreichen, weil sie das Handy abgelehnt und ich es ihr nicht aufgezwungen hatte. Ich war schuld, dass wir sie jetzt nicht mehr finden konnten. Lukas sagte lakonisch: „Vielleicht waren Kinderfänger im Bus.“

Meine Panik steigerte sich weiter. Ich hatte ihr zu viel zugemutet und sie nicht ausreichend zur Selbständigkeit erzogen.

3 Minuten später läutete das Telefon. Frank hatte sie gefunden. Sie hatte die Ausstiegsstelle übersehen und war eine Station später ausgestiegen. Vorher hatte sie den Busfahrer gefragt, wie sie wieder zurückkäme. Weil sie den empfohlenen Bus nicht gefunden hatte, ging sie zu Fuß zum Bürogebäude, nahm alle Abzweigungen richtig, fand die Unterführung unter der riesigen Kreuzung unterwegs und passierte die mehrspurige Zubringerstraße. Einige Meter vor dem Bürogebäude traf sie Frank.

Sie hatte ihren Fehler korrigiert, alles richtig gemacht, war nicht in Panik geraten und kam guter Dinge bei Frank an. Ich war richtig stolz auf sie. Sie konnte sich alleine in der Stadt zurechtfinden. Sie brauchte keine Handyüberwachung. Ich konnte ihr etwas zutrauen.

Sie hatte es sich die ganze Zeit zugetraut, ich musste es erst lernen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Busreise

  1. Astrid schreibt:

    Ich kann mich erinnern, wie es war, als meine Tochter erstmals alleine mit dem Zug zu ihrer Oma fuhr. Ich war die ganzen 40 Minuten, die es dauern sollte, bis sie ankam, in Panik. und als der Anruf kam, dass sie angekommen ist…., hallelujah. Man muss sich aber trotzdem überwinden …

  2. Elke Lahartinger schreibt:

    Bin neugierig, ob ich auch so mutig bin, wenn’s soweit ist

  3. alicedelrosario schreibt:

    Ja, es ist so schwer, sich richtig zu verhalten, wenn die Kinder flügge werden

  4. Hofnarr schreibt:

    Karin, vermutlich musst Du das mit dem Handy mitgeben anders angehen. Weisst Du, die Kinder haben recht, wenn sie nicht ständig kontrolliert werden wollen übers Handy und selber auch wesentlich selbstständiger sind, als wir Eltern sie einschätzen. Aber, ein Handy wäre dennoch gut, mitzunehmen fürs Kind, aber dann musst Du mit dem Kind abmachen, dass Du es nicht sein wirst, die anruft (also wirst Du sie auch nicht kontrollieren!), aber das Kind könnte Dich anrufen, wenn es aus irgendwelchen nicht vorausehbaren Gründen plötzlich dennoch das Bedürfnis hat, Dich oder den Vater oder jemand anders anzurufen, weil Hilfe abrufen, wo auch immer und Hilfe annehmen, von wem auch immer auch zur Selbstständigkeit gehört und auch gelernt sein muss, aber nur für den Notfall. Ueberdies kannst Du mit dem Kind abmachen, Du würdest erst anrufen, bzw. der Vater des Kindes oder derjenige, wo es hingehen soll, wenn es mehr als 30 Minuten über das errechnete, abgemachte Zeitlimit hinaus überfällig sei, damit keiner mehr draussen auf der Strasse unnötig herumsuchen muss. Weisst Du, Kinder, die man zB. an Festen oder kleineren Anlässen zur Erlernung der Selbstständigkeit laufen lassen will und die noch nicht im schulpflichtigen Alter sind, können mittels Kugelschreiber auf dem Arm den Namen und die Telefonnummer des Handies der Eltern eingetragen bekommen, damit die Eltern wissen, dass sie von Passanten angerufen werden könnten, wenn sie in der Menge verloren gehen und plötzlich weinend, aber völlig überfordert alleine vor ungekannten Problemen stehen, auch wegen eines möglichen Verkehrsunfalles. Schulpflichtige Kinder sollten in der heutigen Zeit den Umgang mit dem Handy wie oben von mir geschildert lernen, um wieder gefunden zu werden und damit sie nicht mehr mit Handy-Nummern mittels Kugelschreiber angeschrieben werden müssen. Das Anschreiben mittels Kugelschreiber sollte man auch mit herumlaufenden Alzheimer-Patienten oder anderen verwirrten Abgängigen machen… Dies erleichtert vieles an unnötigen Sorgen von Angehörigen und schränkt die jüngsten und ältesten unserer Erdenbürger nicht unnötig ein, sondern lässt sie im Gegenteil an geübter Selbstständigkeit und unnötiger Ueberwachung wachsen.

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