Dinge, die wir lieben: Alte Zeitungen

Ein Gastbeitrag von Johanna Miller

„Nichts ist so wertlos wie die Zeitung von gestern“, sagt ein altes Sprichwort.

Nichts ist so falsch wie dieses Sprichwort, sage ich.

Selbstverständlich kann fundiertes historisches Wissen nur durch auf mühsamer Kleinarbeit, aufwändiger Quellensuche und eingehender Quellenkritik basierende Werke, die von Fachleuten verfasst wurden, vermittelt werden.

Aber nicht selten gelingt es historischen Standardwerken bei aller Faktentreue und historischer Genauigkeit nicht, dem Leser ein Gefühl für die beschriebene Epoche, für die Sachzwänge, denen die Entscheidungsträger zu unterliegen glaubten, für das Alltagsleben und die Alltagsprobleme der breiten Massen und für die psychologischen und soziologischen Unterschiede (und Gemeinsamkeiten) im Sein und Bewusstsein der damals Handelnden (oder oft Getriebenen) zu vermitteln.

Und ohne Gefühl für das einst Alltägliche, früher „Normale“ ist es schwierig, historische Ereignisse und Abläufe auch aus der Sicht der damals Betroffenen zu sehen und ihr Handeln tatsächlich zu verstehen. Gleichzeitig wird es ein fehlendes Verständnis für die damalige Lebenswirklichkeit auch erschweren, die richtigen Schlüsse aus den historischen Ereignissen zu ziehen und Fehler, die früher gemacht wurden, zukünftig zu vermeiden.

Ein solches Gefühl, einen solchen Einblick vermittelt der Blick in alte Zeitungen.

Wer den nationalistischen Furor, den österreichische, deutsche, französische und sogar britische Zeitungen im Juli 1914 entwickelt haben, betrachtet, wird eher verstehen, wie es zur Massenpsychose kommen konnte, die den Ersten Weltkrieg für die damals Agierenden so unausweichlich erscheinen ließ, obwohl sich der objektive Betrachter im Nachhinein, selbst wenn er die Interessenlage der beteiligten Staaten isoliert voneinander ansieht, schwer tut, eine nachvollziehbare rationale Begründung für die von allen Seiten gewollte Eskalation zu finden.

Wer die mehr oder weniger einhellige Berichterstattung der großen „staatstragenden“ Blätter in Europa in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise ab 1929 über die erforderlichen wirtschaftspolitischen Maßnahmen zur Überwindung der Depression ansieht, der wird sich weniger wundern, dass, obwohl es genügend wirtschaftwissenschaftliche Fachliteratur gab (Keynes!), die vor einem Kaputtsparen warnte, die Regierenden in allen Ländern mit der rühmlichen Ausnahme der USA die Krise durch ihre Austeritypolitik noch verstärkten, und trotz des offensichtlichen Scheiterns der gewählten Behandlung einfach die Dosis der – vollkommen kontraproduktiven – Medizin noch mehr erhöhten. (Ähnlichkeiten mit der Gegenwart sind rein zufällig, oder?)

Und wer aus den Annoncen der Zeitungen in den 20er und 30er-Jahren die Existenznöte breiter Bevölkerungsschichten ersieht, der wundert sich auch viel weniger, welchen Hokuspokus, welche abstrusen Versprechen und welche idiotischen Erklärungen viele Leute von jenen unhinterfragt akzeptiert haben, die ihnen bei der Befriedigung existenzieller Bedürfnisse – auf welche menschenverachtende Art auch immer – wenigstens ein bisschen geholfen haben, oder ihnen eine dauerhafte Verbesserung ihrer Lebenssituation versprochen haben.

Aus meinem Loblied auf alte Zeitungen darf aber nicht geschlossen werden, dass Zeitungen und Zeitschriften früher geistvoller, tiefsinniger oder besser geschrieben gewesen wären.

Die Lektüre alter Zeitschriften belegt vielmehr, dass jede Nostalgie nach einem früheren, angeblich „goldenen“ Zeitalter der Presse, die ja von vielen Schriftstellern gerade bezüglich der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg vermittelt wird, unangebracht ist.

Wer Friedrich Torbergs wunderbare Anekdotenbücher gelesen hat, verspricht sich von der Lektüre des „Prager Tagblatt“ der Zwischenkriegszeit kontinuierliche durch geistreichen Wortwitz und sprühenden Humor verfeinerte intellektuelle Stimulation. Den tatsächlichen Leser dieser Zeitung, (beispielsweise des Exemplars vom 10.06.1933) erwartet aber keine Ansammlung glitzernden feuilletonistische Meisterwerke, sondern ein Konvolut mehr oder weniger ausführlicher Informationen über die Verlobung des Prinzen von Asturien, modische Regenmäntel, einen Boxkampf mit überraschendem Ausgang und beabsichtigte Sparmaßnahmen bei den staatlichen tschechoslowakischen Eisenbahnen.

Auch die Zeitungen von früher bestanden also zum überwiegenden Teil nicht aus geschliffenen Kritiken Polgars, essayistischen Betrachtungen Kerrs und enthüllenden Reportagen Kischs, sondern aus Horoskopen, Börsenkursen, Veranstaltungskalendern und aus Leitartikeln, in denen der herrschende „conventional wisdom“ breitgetreten wurde. Plus ça change.

Aber sie spiegeln den Zeitgeist der Epoche, aus der sie stammen. Und sie ermöglichen uns, Geschichte aus der Perspektive, aus der sie von den damals Handelnden wahrgenommen wurde, nachzuvollziehen.

Exzellente Internetressourcen für alte Zeitungen:

http://anno.onb.ac.at/ (deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften seit 1716)

http://www.arbeiter-zeitung.at/ (Arbeiterzeitung 1945 – 1989)

http://corpus1.aac.ac.at/fackel/ (Die Fackel von Karl Kraus)

http://www.britishnewspaperarchive.co.uk/ (Britische Zeitungen aus den letzten 250 Jahren)

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Dinge, die wir lieben: Alte Zeitungen

  1. Elke Lahartinger schreibt:

    Gerade das Triviale zeigt ja auch, wie wenig sich jetzt im Bewusstsein getan hat, gegenüber vor 100 Jahren, und wieviel demgegenüber vor 200 Jahren

  2. rrfernandez1 schreibt:

    Ja, so ab 1900 gibt es den modernen Menschen im wesentlichen

  3. Those who don´t know history are doomed to repeat to it.

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