Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – Ein Erwachsenwerden

Als ich sieben war, wollte ich Prinzessin werden und ein Kind haben, das ich ungestraft schimpfen konnte. Etwa zur selben Zeit wünschte ich mir einen Mann, der sich die Zähne putzen konnte ohne dabei das ganze Gesicht voller Schaum zu haben. Selbst überstand ich kein Zähneputzen ohne Schaum bis an die Ohren und Zahnpastaflecken am Boden. Deshalb galt schaumloses Zähneputzen für mich als Inbegriff an persönlicher Reife. Das war bevor mir bewusst war, wie facettenreich eine echte Erwachsenenbeziehung sein konnte.

Mit zehn wollte ich eine gefeierte Eisprinzessin werden, ohne trainieren zu müssen. Drei Jahre lang hatte ich mich nämlich relativ erfolglos jeden Winter in der Kinderkunstlaufgruppe gequält. Pirouetten und hohe Sprünge brachte ich zwar nicht zustande, aber dem Weltruhm war ich hier immerhin näher als bei anderen Sportarten. Ohrringe wünschte ich mir in diesem Alter zu ersten Mal.

Mit vierzehn wollte ich meinen Traummann finden und von der Ferne betrachtet schien beinahe jeder zweite Mann dafür geeignet. Ich war als Klosterschülerin zu behütet, um sie mir von der Nähe ansehen zu können und beschränkte mich auf distanziertes Schmachten.

Mit achtzehn wollte ich meinen Spaß haben und war weniger fixiert auf Märchenprinzen und Familienleben. Stattdessen arbeitete ich darauf hin, eine Wissenschaftlerin von Weltruf oder gar eine Nobelpreisträgerin zu werden. Als Disziplin hatte ich mir die Chemie ausgesucht, weil ich davon am wenigsten verstand. Man sollte sich die Latte nicht zu tief legen, dachte ich damals.

Später kamen die Traumfamilienwünsche wieder und die Karriereträume blieben. Ich wollte alles und fand, ich hätte es mir auch verdient. Vor allen Dingen wollte ich aber selbstbewusst und cool werden. Die Definition von cool änderte sich für mich mehrmals im Laufe der Jahre. Meistens wusste ich nicht einmal, was man gerade genau tun musste, um richtig cool zu sein. Meine eigene Definition von Coolness änderte sich im Laufe der Zeit, der Wunsch, sie zu erlangen, änderte sich nie.

Die ersten Ohrringe bekam ich mit zwölf. Zwei Jahre hatte ich darum gebettelt. Immer  wurde ich mit einem „Dazu bist du noch zu jung“ von meiner selbst unbeohrringten Mutter abgespeist. Dabei hatten alle Mädchen in meiner Schulklasse, die das Bedürfnis dazu hatten, Ohrringe, manche schon seit Jahren. Nur meiner Mutter schien mein körperliches Wohl heilig zu sein, behauptete sie doch immer, vor vielen Jahren hätte der Blitz in ihren Ohrring eingeschlagen. Nur knapp wäre sie mit den Leben davongekommen. Ich glaubte ihr nicht

Was hatte ich nicht alles versucht, um sie zu erweichen. Versprechen von vorzüglicher Bravheit hatten ebenso wenig genützt wie sture Bockigkeit. Als ich mit zwölf schon fast damit abgefunden hatte, bis zu meiner Volljährigkeit auf meine Ohrringe warten zu müssen, wurde aus heiterem Himmel beschlossen, ich sei alt genug dafür.

Alleine konnte ich natürlich nicht zum Juwelier gehen, um mir die Löcher stechen zu lassen. Weil sich meine Mutter nicht sonderlich für Ohrringe interessierte, gab sie ihre Begleitaufgaben bei diesem so wichtigen Initiationsritus gerne an meine Taufpatin ab. Die war nicht nur eine reiche Gesellschaftsdame, sondern auch die Arbeitgeberin meiner Mutter. Bisher hatte sie noch keine Anstalten gemacht, mit mir allein etwas zu unternehmen. Da das Ereignis ein einigermaßen einschneidendes war, besann sie sich ihrer Pflichten ihrem Taufkind gegenüber. Zudem sollte der Ausflug zum Juwelier und nicht etwa zum Spielplatz gehen und ich war nicht mehr so jung, dass man ständig „Guzi, guzi“ rufen musste, um mich bei Laune zu halten.

Wegen der fehlenden gemeinsamen Unternehmungen fühlte ich mich nicht besonders wohl in Gegenwart dieser Frau, die ich Tante nennen musste, obwohl wir nicht verwandt waren. Viel lieber hätte ich meine Mutter dabei gehabt. Aber ich protestierte nicht, die langersehnte Aktion durfte keinesfalls aufs Spiel gesetzt werden.

Für das Unternehmen wurde ich herausgeputzt, um zur vornehmen Tauftante zu passen. Mit meinen altrosa Knickebockern, weißen Strümpfen und weißer Bluse sah ich beinahe aus wie der kleine Mozart ohne Perücke. Anfang der Achtzigerjahre war diese Aufmachung der letzte Schrei. Die Hose hatte ich mir ausdrücklich gewünscht, sehr zur Freude der konservativen Wahltante.

So geschniegelt, wahrscheinlich noch mit einer Extraportion Fettcreme im Gesicht, um besonders glänzend auszusehen, machten wir uns im vornehmen Wagen auf in die Stadt. Dort wurde natürlich nicht irgendein Juwelier aufgesucht sondern das vornehmste Haus am Platze.

Schüchtern drückte ich mich hinter die Tante, als wir die Hallen des güldenen Überflusses betraten. Obwohl ich mich in meinen Träumen durchaus als rechtmäßige Prinzessin, und somit an Reichtum gewöhnt, gesehen hatte, fühlte ich mich doch etwas deplaziert zwischen Gold und Edelsteinen. Ich wunderte mich, ob die Ohrringe auch mit goldenen Geräten gestochen wurden.

Der eigentliche Stechvorgang fand nicht im Schauraum statt, den selbst der Pöbel einsehen konnte, sondern in einem exklusiv ausgestatteten Hinterzimmer. Dieses Zimmer war wohl für die kaufkräftigsten Gäste und intime Handlungen wie eben dem Durchstechen von Ohrläppchen reserviert. In dem mit einem dicken bordeauxrotem Teppich ausgelegtem Raum befand sich lediglich ein goldgefärbter Tisch, drei dazupassende Stühle mit Krummbeinen und weinroter Polsterung und kleine, in die Wand eingelassene Schaukästen, in denen die exklusivsten Stücke ausgestellt waren.

Sobald wir dieses Separée betreten hatten, wurde eine der jüngeren Verkaufsdamen aufgescheucht, um Kaffee für die Tante zu holen. Als gerne und oft gesehener Gast genoss die Tante dieses Privileg. Auch zeigte sich das Personal nicht peinlich berührt über unseren Wunsch nach Löchern in den Ohren. Obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass häufig Menschen mit denselben Absichten wie wir ausgerechnet diesen Hort des Luxus aufsuchten, war man für alle Eventualitäten gerüstet.

Die Tante trank Kaffee, während mir etwas ungeschickt zwar, aber damals wusste ich das noch nicht, in jedes Ohrläppchen ein Loch gebohrt wurde. Es schmerzte kaum, weil ich in dem ungewohnten Ambiente meine Gedanken nicht ganz bei der Sache hatte.

Nachdem die neuen medizinischen Ohrringe an ihrem Platz steckten, schaffte meine Tauftante doch noch, dem Juwelier eine echte Herausforderung zu bieten. Sie wollte nämlich kleine goldene Kinderohrringe für mich kaufen. Nervös räusperte sich der Ladenbesitzer, der das Treiben bisher wohlwollend aus dem Hintergrund mitverfolgt hatte. Er stammelte etwas von hauptsächlich anderer Klientel als Kinder, aber man würde sehen, was sich machen ließe. Hektisch schob er einige seiner Verkaufsdamen in den Schauraum. Dort machten sie sich ohne der gewohnten Grazie an den untersten Schubladen im hintersten Winkel zu schaffen. Triumphierend kamen sie mit einem kleinen, mit nachtblauem Samt ausgelegten Kästchen wieder. Vier Paar Kinderohrringe war die gesamte Ausbeute, die sie aufgetrieben hatten.

In dem Kästchen gab es goldene Clowns mit juwelenbesetztem Kostüm, goldene Pudelhunde mit Brillanthalsband, goldene Teddybären mit Saphiraugen und unscheinbare goldene Blätter ohne Steine. Ich war bitter enttäuscht. Die Ohrringe mit den Steinen waren mir zu kindisch, schließlich fühlte ich mich schon ziemlich erwachsen, und die Blätter fand ich einfach langweilig.

Die Tante redete mir zielstrebig die Blätter ein. Obwohl ich mir von meinem Taschengeld keine anderen Ohrringe leisten können und deshalb lange Zeit dieses Laub tragen müssen würde, traute ich mich nicht, nach anderen, erwachseneren Ohrgehängen zu fragen. Wusste ich doch, dass alles andere als höflich artiges Annehmen des Geschenks mit ausgiebigen Freudenbezeugungen als schrecklicher Undank ausgelegt werden würde.  Meine Mutter konnte sich dann stundenlang von der Tante anhören, was für ein undankbarer Fratz ich denn sei, obwohl sie extra und ausschließlich mir zur Freude und so weiter und so fort.

Fades güldenes Blätterwerk sollte es also sein. Es hing nicht einmal herunter, sondern steckte einfach langweilig im Ohrloch. Meine Freundinnen hatten schon Ohrgehänge, die lustig von den Ohren baumelten und die sie sicher nicht in der Kinderabteilung der jeweiligen Juweliere gekauft hatten. Wenigstens hatte sich die Tante nicht für den kindischen, kitschig bunten Bären entschieden, das war mein einziger Trost. Durch diese Erfahrungen brachte ich erst einmal nicht Ohrringe in direkte Verbindung mit Coolness.

Fast zwei Jahre vergingen, bis ich dahinter kam, dass Ohrringe nicht aus unerschwinglichen Edelmetallen zu sein brauchten. Man musste nicht einmal zum Juwelier gehen, um welche zu bekommen. In den billigsten Ramschgeschäften gab es Ohrgehänge nach meinem Geschmack. Manchmal handelte es sich um Plastikimitate edlerer Materialien wie Holz oder Schildpatt. Meistens gaben sie aber gar nicht vor, etwas anderes zu sein als gefärbtes Plastik. Der Teil, der im Ohrloch steckte, war aus irgendeinem dubiosen Metall, über das sich niemand Gedanken machte, bevor die große Angst vor Nickelallergien ausbrach.

Mit Feuereifer kaufte ich pinke Plastikkreolen, Kugeln aus Hornimitat und weiteres geschmackvolles Gehänge, das in den Achtzigehrjahren modern war. Der Tiefpunkt war vermutlich das Paar gelber Plastikohrstecker in der Form von winzig kleinen Füßen. Diese Füße waren in der Originalgröße jener eines zwölf Wochen alten Embryos gestaltet. Ich hatte sie von einem organisierten Abtreibungsgegner erstanden, der in unsere Schule gekommen war, um einen Vortrag über die Schrecknisse des Schwangerschaftsabbruchs zu halten. Mit diesen Ohrringen schaffte ich es, billige Modetorheiten mit christlich-sozialen Statements zu verbinden.

Da die Warnungen vor Billigmetallprodukten auch nicht aus der Luft gegriffen waren, hatte ich ständig entzündete Löcher in den Ohren. Tapfer quetschte ich ab und an ein wenig Eiter heraus und überschminkte die Rötungen mit Abdeckstift, denn, so fand ich, für modischen Chic konnte man ruhig ein wenig leiden.

Ungefähr einmal im Jahr bekam ich echt goldene oder silberne Ohrringe geschenkt. Die waren zwar viel kleiner und kindlicher als die Plastikungetüme, die ich so sehr mochte, aber mit ihnen konnte ich wenigstens meine Ohren wieder ausheilen lassen.

Als die Achtzigerjahre und somit die furchtbarsten Stilverirrungen zur Neige gingen, legte ich den farbenfrohen Plastikschmuck allmählich zur Seite und beschränkte mich auf die wenigen echten Schmuckstücke, die ich besaß. Weil diese aber auch nach meinem neu überdachten Geschmack allesamt eher langweilig waren, wechselte ich sie kaum, sondern bewahrte sie in einer kleinen Schatulle in einem verstaubten Regal in meiner Wiener Studentenwohnung auf.

Lange hatte ich noch nicht in Wien gewohnt, als meine Wohnung am helllichten Tage ausgeraubt wurde. Zu holen gab es nicht viel. Trotzdem kamen mir einige Dinge abhanden, die mit meinem Studenteneinkommen schwer zu ersetzen waren. Die Ohrringe gehörten auch dazu.

Als der Einbruch geschah, trug ich gerade die goldenen Blätter von der Tante. Nach Jahren des Ohrringersehnens, Jahren des Ohrringwahnsinns und schließlich Jahren der Ohrringbescheidenheit schloss sich der Kreis und ich beendete meine Ohrringkarriere mit dem Paar, mit dem ich sie begonnen hatte, dachte ich mir.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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22 Antworten zu Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – Ein Erwachsenwerden

  1. Astrid schreibt:

    Fängt gut an. Wann geht’s weiter?

  2. Balisto schreibt:

    Klasse.

  3. Hofnarr schreibt:

    Das mit dem Zähneputzen und dem Schaum bis über die Ohren und dem Ehepartnerwunsch finde ich echt lustig!

    Ich wollte, noch etwas jünger und des Schreibens und Lesens noch unkundig, einst ein Kühlein werden, damit ich wie mein Bruder am selben Ort unserer Wünsche, einer schönen Schweizer Alp, wohin wir damals mit der Familie wanderten, auch zukünftig wohnen gehen konnte. Er wollte dort durch Lesen von Büchern einstmals Salat pflanzen und damit seinen Lebensunterhalt verdienen. Ich aber, nicht des Lesens mächtig, war wohl vorerst einzig als Milchkühlein berechtigt, dort oben überhaupt eine Lebens-/Wohnberechtigung zu haben und meinen Anteil zum Lebensunterhalt auf diese Weise beizusteuern. Später war ich dann zumindest wären Jahren Sennerin und Hirtin auf diversen Alpen…

  4. katharinapleberger schreibt:

    Sehr schön, freue mich auf die Fortsetzung

  5. Elke Lahartinger schreibt:

    Ein Kickstart, das wird toll

  6. Erika schreibt:

    Du hast jetzt aber nicht erklärt, womit und wie dir die Ohrlöcher gestochen wurden

    • Karin Koller schreibt:

      Mit einem Schussgerät, mit dem man die medizinischen (so nannte man das damals zumindest) Ohrringe direkt einsetzt wie mit einer Heftklammer. Ich glaube das ist bis jetzt Standard bei Juwelieren.

  7. indreamsiwalkwithyou schreibt:

    Cooles Projekt 🙂

  8. ninespo schreibt:

    „Da bist noch zu jung für!“ Das kenne ich auch. Ich hab auch immer um Ohringe gebettelt, aber als es so weit war hatte ich richtig Angst und wäre am Liebsten fortgelaufen.
    Und schaumfreies Zähneputzen, dass fällt vielen auch mit 20 noch schwer. 🙂

  9. mfis schreibt:

    Ein paar Probleme könnten der Tante durchaus gut tun:

    http://mfis.wordpress.com/2012/02/26/sack-voll-probleme/

    Wenn sie schon wehrlose Teenager mit ihrem zementrierten Geschmack belästigen muss, ist Rache nur gerecht…

  10. Ich mag deinen Text sehr und freue mich auf die Fortsetzung

  11. Erika schreibt:

    im Direktlink auf der Startseite ist ein Tippfehler („Nebensaechichkeiten“)

  12. nethalas schreibt:

    Sehr schön zu lesen!
    Ich freue mich auf mehr dergleichen!

  13. ohhringdesigner schreibt:

    Hallo Karin,

    bald kommen noch welche Ohrringe und auch ein paar ganz lange!

  14. Tina schreibt:

    Sehr amüsant 🙂

  15. Chrissy schreibt:

    Schöööön

  16. ravenna schreibt:

    Bin gerade auf den Roman gestossen, herrlich, toll

  17. Stoeri schreibt:

    mir gefällt die geschichte sehr gut, gibt es einen oder ein exposé, damit man eine vorstellung vom gesamtumfang des projektes bekommt?

    • Karin Koller schreibt:

      Das gibt es nicht. Ich weiß selbst noch nicht genau, wie der Schluss sein wird. Es ist die Geschichte einer Beziehung und eines Erwachsenwerdens. Vermutlich bis zum ersten Kind, vielleicht auch weiter.

  18. Olivia schreibt:

    Ich mag´deine Fortsetzungsgeschichte sehr gerne.

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