Diese Woche konsumiert: Griechenland

Griechenland steckt in der Krise. Das ist hinlänglich bekannt. Deutschsprachige Medien jammern darüber, dass der Steuerzahler zur Kasse gebeten wird, vermutlich vergebens, weil die Krise nicht aufzuhalten ist. Sie zeichnen ein Bild des faulen Griechen, der als frecher Schmarotzer dem fleißigen Mitteleuropäer das Geld aus der Tasche zieht, ohne Anstalten zu machen, etwas dafür zu tun.

Die Europäische Union zwingt Griechenland immer härtere Sparpakete auf, mit der Begründung, die eigene Bevölkerung schützen zu müssen. Manche Politiker wollen die Hilfe überhaupt verweigern (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,816784,00.html). Griechenland müsse eben dafür bezahlen, dass es jahrzehntelang über die Verhältnisse gelebt hat.

Die SZ beschrieb, was das für die griechische Bevölkerung bedeutet (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/griechenland-im-freien-fall-1.1288560). Da ist zum Beispiel eine Familie mit zwei Kindern. Beide Eltern waren Lehrer. Die Mutter hat ihren Job verloren. Der Vater verdient anstatt 1300 Euro nur noch 808. 480 Euro brauchen sie für Miete und Strom. Etwas über 300 Euro bleiben pro Monat für 4 Personen zum Leben über. In Griechenland ist das Leben nicht billiger als in Österreich.

Menschen lassen ihre Kinder nicht mehr impfen, weil sie sich die 5 Euro Impfgebühr nicht mehr leisten können. Alleinerziehende Mütter geben ihre Kinder im Kinderdorf ab, weil sie nicht mehr für sie sorgen können. Es gibt Arbeitslosengeld in Griechenland, rund 400 Euro im Monat für ein Jahr, dann nichts mehr. Menschen mit Ausbildung werden obdachlos.

Und jetzt soll noch mehr gespart werden.

Wie ist Griechenland in die Krise geraten? Eine katastrophale Politik, dubiose Kreditgeschäfte und eine verheerende Steuermoral (gerade der Superreichen) sind Ursachen, aber auch die hohen Militärinvestitionen. Es war nicht zuletzt im Interesse von Deutschland und Frankreich, Griechenland darin zu bestärken, dass Aufrüsten mit teuerstem Equipment notwendig sei (http://www.independent.co.uk/news/world/europe/france-and-germany-to-blame-for-greece-crisis-7218923.html), um einer allfälligen Bedrohung durch die Türkei adäquat entgegentreten zu können.

Mit all dem haben die Menschen, die jetzt verzweifelt sind und nicht mehr wissen, wie sie ihr Leben bestreiten sollen, nur insofern zu tun, als dass eine Mehrheit von ihnen die Politiker, die die Krise herbeiführten, gewählt haben (wenn überhaupt).

Griechenland muss aus der Krise geführt werden. Merkel und Sarkozy scheinen zu wissen, wie das geht, weil sie Griechenland konkrete Vorgaben machen. Löhne sollen gesenkt werden (der Mindestlohn auf 590 Euro), damit Griechenland kompetitiver wird. Der Hausverstand sagt mir aber, das Ziel kann nicht sein, Schneidereien aus Bangladesch nach Griechenland zu holen. Man wird die Wirtschaft nicht ankurbeln können, wenn man die Kaufkraft der Bevölkerung so weit reduziert, dass sie sich nicht einmal mehr das Nötigste leisten kann. Wenn die Leute viel weniger verdienen, hat der Staat zwar sofort weniger Kosten für die Staatsbediensteten, langfristig aber auch weniger Steuereinnahmen. Die Wenigverdiener haben den Schaden, die Großindustriellen haben den Nutzen.

Als einzige Alternative wird der Staatsbankrott Griechenlands in den Raum gestellt, als würde dadurch das Land mitsamt seiner Bevölkerung im Meer versinken. Tatsächlich würde ein Staatsbankrott bedeuten, dass die Gläubiger nur einen Bruchteil ihrer Forderungen zurückbekämen. Das wäre natürlich nicht in deren Interesse. Weniger klar ist, ob ein solcher – Griechenland sofort entschuldender -Staatsbankrott aber nicht im Interesse der überwiegenden Mehrheit sowohl der Bewohner Griechenlands als auch der anderen EU-Staaten wäre, weil durch die diversen Hilfspakete de facto wiederum zumindest zu einem beträchtlichen Teil verfehlte Risikoinvestmentments von europäischen Banken, Fonds und Versicherungen – und damit Verluste privater Gläubiger – verstaatlicht würden.

Eigentlich könnte Griechenland daher den von diesen Gläubigern beeinflussten Geberstaaten mit dem Staatsbankrott drohen. Das Land könnte – wie Deutschland und Österreich nach dem 2. Weltkrieg –  neu anfangen und einen Geist des Wiederaufbaus bei der Bevölkerung aufleben lassen.

Das klingt blauäugig und naiv? Die politische Klasse in Griechenland ist nicht daran interessiert, weil sie und ihr Umfeld genau zu jenen gehört, die den geringsten Schaden durch die Krise erleiden, dafür die größten Nachteile durch die Veränderung des Systems hätten.

Griechenland muss geholfen werden. Es gibt Präzedenzfälle. Der New Deal von Franklin D. Roosevelt. Der Marshall-Plan. Beiden gemeinsam ist die Erkenntnis, dass die Wirtschaft sich erholt, wenn es der Bevölkerung besser geht und wenn wirtschaftliche Missstände staatlich reguliert werden.

Bei uns sagt man lieber: Die Griechen sind selbst schuld, sie müssen eben bezahlen für die Misswirtschaft der vergangenen Jahrzehnte.

Widerwillig geben wir Geld, damit unsere eigenen Banken ihre Außenstände bezahlt bekommen. Dafür werden in Griechenland noch mehr Menschen obdachlos, noch mehr müssen ihre Kinder weggeben und noch mehr verlieren ihre Hoffnung.

Stellen wir uns vor, damals hätte Präsident Truman gesagt: Ihr habt Hitler selbst und freiwillig gewählt. Badet es selbst aus.

Was wäre dann aus Deutschland und Österreich geworden?

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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17 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Griechenland

  1. Elke Lahartinger schreibt:

    Es ist ekelerregend, die Straches und Konsorten, deren Wohlstand darauf basiert, dass wir in Österreich und Westdeutschland – vollkommen unverdient – nach dem 2. Weltkrieg das große Glück hatten, von den Amerikanern aus ehrbaren und weniger ehrbaren Motiven aufgepäppelt wurden, und die am lautesten schreien, wenn irgendwo von kollektiver Verantwortung Deutschlandsa und Österreichs für den Naziterror die Rede ist, andauernd ganze Länder und deren Bevölkerung beschimpfen zu hören, und diesbezüglich eine Kollektivschuldthese aufzubauen.

    • NicoleLee schreibt:

      Es ist halt auch immer viel einfacher, ein Problem, dass diverse Ursachen hat und einer komplexen Lösung bedarf, auf etwas Einfaches, das jeder versteht („faule Griechen“, „gierige Banker“) zurückzuführen. Da wir die Politiker gewählt haben, die immer den einfachsten Weg beschreiten, haben wir auch die Lösungen, die wir uns selbst verdient haben.

  2. Die ganze politische Klasse in Europa hat keine andere Politik anzubieten, als diese bereits historisch gescheiterten Austerityprinzipien, mit denen auch Irland gerade in die Wand gefahren wurde, stumpf herunterzubeten, wobei die Nuancen und Unterschiede zwischen Liberalen, Konservativen und Sozialdemokraten vollkommen vernachlässigbar sind. Andere Denkmodelle werden von vornherein ignoriert, obwohl selbst die – im engen Korsett eingeschnürte – graduelle Alternativpolitik der USA erste Erfolge zeigt.

  3. Laura schreibt:

    Aber was ist denn die richtige Lösung?

  4. Hofnarr schreibt:

    Habe letzte Woche in den Medien gehört, dass Deutschland nach dem 2. Weltkrieg durchaus wesentlich mehr Schulden erlassen wurden als bis jetzt den Griechen erlassen werden sollen. Es ist doch Zeit, dass Deutschland, heute dadurch reich geworden, endlich auch mal wieder Gelder in mindestens gleicher Höhe anderen zukommen lässt, um deren Armut ausgleichen zu helfen.

    Aber, und das ist verheerend, wenn das Militär wesentlich mehr an Steuergeldern verschlingt, als das übrige soziale Leben seiner Bürger in einem Land, dann ist was grundlegend falsch und dies geschieht nicht nur in Griechenland. Es fragt sich deshalb, ob es grundsätzlich Sinn macht, wenn jedes europäische Land weiterhin seine militärische Politik alleine entscheidet und alleine mittels eigener, landesinterner Ueberlegungen irgendwelche Aufrüstung mehr oder weniger sinnvoll finanziert und dann im Zusammenhang mit Einsätzen der NATO derart gravierende Patt-Situationen entstehen, wie einstmals bezüglich Lybien und heute im Zusammenhang mit Syrien… Kein Land kann alleine sinnvoll aufrüsten in der heutigen Zeit und den wirklichen heutigen Gefahren alleine gewachsen sein…

    Es ist grundsätzlich daneben, wenn wir innerhalb Europas nicht globalere Entscheide treffen können, nur weil jedes kleine Land in dem ohnehin kleinen Europa anders auf kriegerische Bedrohungen etc. reagiert, bloss weil’s da unterschiedliche Regierungen und Parlamente gibt. Kann Griechenland denn etwas dafür, dass es direkter Nachbar zur Türkei und zu den gesamten Nah-Ost-Staaten ist und deshalb aus Panik mehr aufrüstet als allenfalls grössere europäische Staaten?! Oder können Griechenland, Italien oder auch Spanien und Portugal bezüglich der Asyl-Politik etwas dafür, dass sie als Mittelmeer-Randstaaten übers Meer von den meisten Asylanten als erstes angesteuert werden?! Dass dies alles aber kostet, ist wohl unbestritten…

    Vermutlich müsste man endlich internationaler denken lernen… zumindest innerhalb Europas!

  5. katjamayer schreibt:

    Konventionelle Politiker haben eben nur konventionelle Gedanken, leider.

    • Hofnarr schreibt:

      Aber es gäbe unkonventionelle Wege von uns Unkonventionellen, den Politikern mal endlich sinnvolle Vorschläge zu machen, damit die, die offenbar nie darauf kämen, allenfalls doch noch denken lernen können, wenn sie an geeigneter Stelle unsere Vorschläge/Petitionen oder wie auch immer sich das nennen mag zufolge unterschiedlichen Adressaten, durchdiskutieren müssten. Offenbar kann bei Konventionellen das Denken erst einsetzen, wenn die Unkonventionellen ihre Gedanken öffentlich formulieren…

  6. Anna-Maria schreibt:

    Eine sehr bedenkenswerte Analyse, in der Schule wird uns das ganz anders vermittelt

  7. Anna-Maria schreibt:

    Na eben in beschriebenen Sinn, als Beispiel, dass Faulheit, mangelnde Ordnung, etc. zwangsläufig ins Verderben führt, und nur Sparsamkeit und „Verantwortungsbewusstsein“ den Sozialstaat finanzierbar machten

    • Karin Koller schreibt:

      Ich finde es besonders absurd, wenn man eine staatliche Krise verknüpft mit einer Wertediskussion für die Menschen. Wenn eine Einzelperson über die Verhältnisse lebt, eine fragwürdige Konsumorientierung hat oder „faul“ ist, dann hat das rein gar nichts mit den Fehlentscheidungen der Politik zu tun. Auch nicht, wenn es viele Einzelpersonen sind. Man versucht uns aber immer wieder zu suggerieren, dass die Krise entstanden ist, weil „der Grieche“ sich falsch verhalten hat. So oft geschieht das und so eindringlich, dass viele gar nicht mehr nachdenken darüber. „Der Grieche“ ist schuld, ist eine feine Ausrede, die für viele sehr gelegen kommt.

      • Hofnarr schreibt:

        Jedoch ist auch bei einer Einzelperson, welche in den Konkurs geht, in den meisten Fällen nicht diese Einzelperson an ihrer Insolvenz alleine schuld. Nimmt man zB. die vielen, die über jahrelange Rechtsfälle erst als invalid gelten können und Renten beziehen können, nachdem sie längst schon zufolge Unfall oder Krankheit nicht mehr arbeitsfähig waren und zwischenzeitlich keine Einnahmen mehr hatten, ja zum Erstreiten ihrer Rechte auch zwischenzeitlich längst Konkurs gingen oder jene Klein-Unternehmer, die zufolge eines ihrer Gross-Schuldner aus ihrer Kundschaft, der nicht zahlte, bankrott gehen, dann ist das Verschulden eben gerade nicht bei jenem Einzelnen zu suchen, sondern entspringt einem schweren, zu Unrecht abgegebenen Vorurteil, dass jener Insolvente einfach bloss zu faul zum Arbeiten war oder vollkommen falsch wirtschaftete… Konkursbeamte, welche täglich mit eben dieser Materie rund um ihr Klientel zu tun haben, verwehren sich zu Recht dagegen, irgendjemandem solche Schuld leichtfertig zuzuweisen, denn häufig ist ein immenser Schuldenberg eines bankrott Gegangenen bei genauem Hinsehen eine Spirale von Unvermögen verschiedenster Verantwortlicher und auch Unfairness und Härte seitens verschiedenster Gläubiger… Dies gilt natürlich auch für eine ganze Regierung eines Landes, zumal dort der einzelne Bürger wenig dazu beitrug, dass der Schuldenberg derart gross wurde.

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