Beim Frisör

Letzte Woche war ich mit den Kindern beim Frisör. Diesmal sollten nur die Mädchen neue Frisuren bekommen. Lukas weigerte sich, eine Frisörin an seine Haare zu lassen. Er findet immer noch, besser als ich schaffte das keine Frisörin. Vielleicht ist es ihm auch unangenehm, eine fremde Person an seinen Haaren herumfummeln zu lassen. Ich selbst war einige Tage zuvor beim Frisör gewesen, weil ich mir den Stress nicht antun wollte, beim Haarfärben und Schneiden, das etwa 2 Stunden dauerte, auch noch eine unwillige Meute zu unterhalten.

Beim Frisör war nicht viel Betrieb. Die Mädchen setzten sich auf zwei nebeneinanderliegende Stühle vor einem großen Spiegel. Lukas uns ich nahmen im Wartebereich unmittelbar dahinter Platz. Sofort begannen alle drei Kinder sich die Köpfe zu verrenken und nachzusehen, wer sich wie oft in welchen Spiegeln widerspiegelte. Katharina war ein wenig enttäuscht, dass sie sie sich selbst immer nur einmal sah, während sich alle anderen mehrmals spiegelten.

Die Frisörin legte den Mädchen schwarze Mäntel um. Katharina machte große Augen. Sie hatte sich hier erst einmal die Haare schneiden lassen, vor etwas mehr als einem Jahr, als ihre Haare gerade so weit wieder nachgewachsen waren, dass man hie und da ein Spitzchen abschneiden konnte. Für mich war der Frisörbesuch damals so etwas wie die Manifestation ihrer Genesung.

Ich sagte, das sei wie ein Hexenmantel. Katharina lächelte zufrieden.

Anna wurden die Haare gewaschen. Konzentriert drückte sie den Hals an das Becken, damit das Wasser ihr nicht den Nacken hinunter rann. Sie sah nicht sehr entspannt aus.

Eine ganz junge Frisörin schnitt Katharina die Haarspitzen. Katharina saß still auf ihrem Stuhl, als würde sie einer feierlichen Handlung beiwohnen. Sie sagte nicht ein Wort. Manchmal löste sich ihr ernster Blick auf und wurde selbstzufrieden. Sie bewunderte ihre eigene Schönheit und die Hochsteckfrisur, die ihr während des Haareschneidens verpasst wurde.

Auch Anna wurden die Haare hochgesteckt. Sie schaute skeptisch. Ich bin nicht sicher, ob sie das tat, weil sie diese Frisur unangemessen für sich fand, ob sie nicht genau wusste, ob das das Endergebnis sein sollte oder ob sie fand, dass so ein Firlefanz für sie nicht nötig sei.

Während des gesamten Schneidens und Föhnens sah Anna aus, als würde ihr weder das Haareschneiden noch die Frisur gefallen. Katharina hingegen schaute aufgeregt, neigte manchmal den Kopf, um eine Stelle besonders betrachten zu können. Sie war recht schnell fertig, dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen, schaute noch ernster drein und sagte feierlich: „Darf ich bitte Glitzer ins Haar haben?“

Die Frisörin musste schmunzeln. Sie holte die Glitzersteine und fragte, wohin sie denn sollten. Katharinas Hand zitterte vor Aufregung und ihre Stimme überschlug sich, als sie die Stelle anzeigte. Ein zufriedeneres Gesicht kann man sich kaum vorstellen, als die fünf Funkelsteinchen auf der Haarsträhne klebten. Fast fielen ihr die Augen aus dem Kopf, als die Frisörin fragte, ob sie noch mehr wolle.

„Noch mehr“, sagte sie mit leiser Stimme. Und dann noch einmal und noch einmal, bis 20 Glitzersteine auf ihrem Haar funkelten. Sie stand auf und kam zu mir. Ich sah, dass ich ein kleines Mädchen sehr glücklich gemacht hatte.

Anna hingegen sah mit jeder Minute unglücklicher aus, als hätte sie die letzte Hoffnung aufgegeben, hier verschönert zu werden. Lukas verlor langsam die Geduld. Er setzte sich auf meinen Schoß und begann Nonsens zu plappern. Mit Müh und Not brachte ich ihn dazu, sich noch für die letzten paar Minuten zu benehmen.

Mit dem Mantel schien auch Annas schlechte Laune von ihr gehoben zu werden. Ich sah die Verwandlung genau. Ihr Blick wurde plötzlich zufrieden. Er sagte, dass sie sich nicht nur schön fand mit ihrer neuen Frisur, sondern auch ein bisschen erwachsen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Beim Frisör

  1. Schön. Irgendwo ab 6, 7 Jahren wird dann wichtiger, was die anderen denken könnten, als was einem selbst gefällt. Ein interessantes Phänomen.

  2. annabereuter schreibt:

    Ich freue mich schon, wenn meine Kleine soweit ist.

  3. Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind auch immer aufgeregt war, bei jedem Friseurbesuch

  4. Hofnarr schreibt:

    Warum musste der Junge eigentlich mitgehen zum Friseur, wenn er doch kein Haareschneiden wünschte? Oder anders herum gefragt, warum bist Du nicht mit Lukas eine Weile woanders hin gegangen, zB. kurz einkaufen? Deine Mädchen sind doch schon im Schulalter oder täusche ich mich? Das Erlebnis wäre noch eindrücklicher gewesen, wenn Du die beiden Mädchen mit der Friseurin ganz alleine hättest machen lassen, sofern man dies natürlich vorher mit ihr abmacht und auch fragt, ob sie nur eines oder beide gleichzeitig bedienen will und wann etwa sie abholbereit seien… Dann hätten die Mädchen den Aha-Effekt gehabt, sie selber seien nun gross genug, wirklich alles betreffend der eigenen Haare selber entscheiden zu dürfen… Und das Erzählen des Erlebnisses wäre dann noch ausführlich dazu gekommen. Diese Erfahrung fördert jedenfalls die Individualität und Selbstständigkeit! Könnte man ja beim nächsten Mal erwägen… Dies schätzten meine Töchter sehr, weil sie natürlich wunderschön nach hause kamen und erst noch alles selbst entschieden haben, ob nun langes oder kurzes Haar oder irgendwelche Effekte oder eben nicht… Dafür haben wir vereinbart, dass keine der anderen die Haare schneiden darf, weil dies auch einmal vorkam und wirklich ein fast nicht mehr korrigierbares Geschnipsel war. Gegenseitiges Waschen, Kämmen, Zöpfe flechten und Föhnen war aber erlaubt…

    Dass der Junge aber die Mutter mehr schätzt als Haareschneiderin ist ein gutes Zeichen für Dich und erst noch billiger und vielleicht hat er’s ja auch bei Schulkollegen gehört, dass Jungs mal eben kurz in Sachen Haarpracht von ihren Müttern in Ordnung gebracht werden und nur Mädels sich herausputzen und Friseurinnen spielen… Man möchte doch gleich sein wie die Freunde… und nur ja nicht als Junge ein Mädchen sein!!!

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