Opernpissoir

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – Teil 2

In einem zur Hälfte sauberen Pissoir dachte ich an Michael. An diesem ungewöhnlichen Ort befand ich mich, da ich einen Sommerjob in einem großen Kulturbetrieb angenommen hatte. Als Putzfrau oder Raumpflegerin, wie man heutzutage politisch korrekter zu sagen pflegt. Putzfrau war mir allerdings lieber, man soll doch die Dinge beim Namen nennen, fand ich, denn der gute Weltbürger vergisst gerne, dass vermeintlich menschenfreundlichere Euphemismen nicht notwendigerweise menschenfreundlichere Behandlung bedingen.

Anfänglich hatte ich an Opernsäle und Konzerthallen gedacht und dabei völlig vergessen, dass wohl auch die Herrentoiletten solcher Kulturetablissements gründlicher Reinigung bedürfen.

Die Arbeit war gar nicht so übel. In einer Mußestunde konnte man sich in die Proben von Theaterstücken und Konzerten einschleichen. Man konnte erstmals die sonst undenkbaren Orte männlicher Erleichterung inspizieren. Am schönsten aber war das Schweifenlassen der Gedanken, das diese Arbeit erlaubte, denn intellektuell musste man sich wohl nicht besonders anstrengen beim Wischen und Bürsten, Schrubben und Bohnern.

Mich störte allerdings ein wenig, dass Michael ständig in meine sorglose Traumwelt eindrang. Dort sollte und durfte er gar nicht sein, denn seit vier Jahren war ich mit Clemens, einem seiner besten Freunde, zusammen.

Clemens und ich hatten unsere guten und schlechten Zeiten gehabt. Ich mochte ihn nach all der Zeit schon noch sehr. Aber das Prickeln und Herzflattern der ersten Verliebtheit war schon längst verflogen, tiefe Innigkeit und Vertrautheit hatten sich noch nicht eingestellt. Ich hatte das Gefühl, an einem toten Punkt in dieser Beziehung angekommen zu sein, aber nicht den Mut oder den Antrieb die Konsequenzen daraus zu ziehen. Es schien viel einfacher, mich in einer trägen Beziehung halbherzig treiben zu lassen, als in die Welt hinauszugehen und vielleicht nie mehr einen Mann zu finden, der auch nur annähernd so gut zu mir passte wie Clemens.

Wie ich mich hasste für solche Gedanken, die seit langen Jahren verheiratete Frauen sicherlich häufig hegten, die bei einer Zweiundzwanzigjährigen wie mir wahrlich nichts verloren hatten. Es war wirklich zu blöde, mich solch fatalistischen Überlegungen in die Arme zu werfen, denn irgendwo würde er sich schon finden, der Traumprinz, und wenn es Jahre dauern würde, ihn aufzustöbern.

Vorerst schrubbte ich jedoch gelbgesprenkelte Fließen wieder weiß und träumte von Michael. Michael hatte alles, was man sich nur wünschen konnte. Er wirkte sanft und liebevoll. Er war unglaublich gebildet, wusste alles über Fußball, den zweiten Weltkrieg, die politische Lage und ich konnte mir gar nicht ausdenken worüber sonst noch. Witzig war er auch, konnte verschiedenste Leute parodieren, nahm sich selbst nicht so ernst. Er las die gleichen Bücher wie ich, wir konnten über die selben Sachen lachen. Wo fand man schon so jemanden? Der durchschnittliche österreichische Mann hatte keinen Humor, las nicht und interessierte sich für kaum mehr als seinen Schweinebraten, oder sein Auto, oder –wenn er noch jung war – die tollen Erlebnisse, die er bei seinen Sauftouren hatte, inklusive seiner Aufrisse. Die meisten Männer, die ich kannte, unterschieden sich davon nicht fundamental.

Die beinahe schon stereotype Perfektion von Michael wurde von einer wunderbaren Tollpatschigkeit relativiert, die ihn erst richtig liebenswürdig machte. So musste er jedes Mal wie ein Löwe mit Kleidungsstücken kämpfen, die er an- oder ausziehen wollte, als seien sie ihm schlecht gesonnen, als könne er sich glücklich schätzen, siegreich aus dieser Schlacht hervorzugehen. Er stieß gegen Möbelstücke, patzte beim Essen und konnte dabei zerknirscht schauen wie ein alter Teddybär. Meistens wollte ich ihn einfach umarmen, ihn an den Möbeln vorbeilotsen, ihm in seinen Pullover helfen. Dann würde ich bestimmt sein strahlendes Lächeln abbekommen, das Eisberge zum Schmelzen bringen konnte.

Kurz und gut, ich bildete mir ein, er wäre der Mann meiner Träume, obwohl ich ihn erst einige Male und fast immer im Beisein von Clemens getroffen hatte. Genaugenommen hatte ich ihn bisher erst zweimal ganz für mich allein. Das erste Mal hatten wir uns mit einer Flasche Wein auf einer Party in eine dunkle Ecke verdrückt, über Poesie und die Schrecklichkeit selbstgekürter Meister- und Machwerke der Literatur plaudernd, während die anderen Partygäste sich mit Trinkspielen die Zeit vertrieben. Ich fand ihn toll, endlich war da jemand, der an den gleichen Dingen Freude hatte wie ich. Verliebt hatte ich mich damals aber noch nicht in Michael, glaube ich. Höchstens ein winziges bisschen.

Das zweite Mal besuchte Michael Clemens und mich in Wien. Nach einer Party war Clemens wieder einmal so betrunken gewesen, dass er den ganzen nächsten Tag wie ein toter Fisch im Bett lag und zu keiner Abendunterhaltung mehr fähig war. Das machte er in letzter Zeit oft, meistens wenn er ohne mich ausgegangen war. Es war einer der Gründe, warum ich nicht mehr mit ihm zusammen sein wollte.

Natürlich sprang ich ein, denn man konnte doch seinen von ferne angereisten Gast nicht einfach fade in der wohl wenig attraktiven Studentenwohnung versauern lassen mit jemandem, der jede Stunde unappetitliche Würgelaute ausstoßend zum Klo rannte. So zogen Lukas und ich alleine los, ins Nachtleben Wiens.

Wir gingen ins Kino, sahen einen schlechten Film, über den wir bei einem Glas Bier noch lange schimpfen mussten. Es passierte nichts weltbewegend Knieweichmachendes, bis Michael die Geschichte erzählte, die mich davon überzeugte, dass er der Mann war, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte. Jedenfalls dachte ich das für einen kurzen Augenblick an diesem Abend.

Als Kind hatte er eine Katze, der er, wohl in kindlicher Unschuld, den für Erwachsenenohren etwas absurd anmutenden Namen Muschi gegeben hatte. Diese Katze hatte ihn fast durch seine gesamte Kindheit begleitet. Als er zwölf war, starb Muschi. Er war so traurig darüber, dass er die ganze Nacht bitterlich weinen musste. Am nächsten Morgen packte ihn dann schiere Verzweiflung, zwar immer noch über den Tod der Katze, viel mehr aber weil er sich keinesfalls mit verquollen roten Augen in der Schule blicken lassen wollte. Denn dort hätten ihn seine Schulfreunde sicherlich als Memme verspottet. Schließlich war er doch schon fast ein Mann und Männer weinen doch nicht, schon gar nicht wegen einer Katze. So täuschte er seiner Mutter völlige Entkräftung vor und musste nicht zur Schule gehen. Den ganzen Tag verbrachte er damit, sich eine männliche Krankheit auszudenken, die nicht jeder so leicht aushalten konnte, studierte dafür sogar den Taschenatlas der Hausmedizin, der damals in keinem Haushalt fehlen durfte. Als er die passende Krankheit gefunden hatte, legte er sich einen Plan zurecht, wie er am besten damit vor seinen Schulfreunden protzen konnte. Diese seltene aber doch so schnell und tapfer überwundene Krankheit, deren lateinischen Namen er sich sicherheitshalber auch einprägte und die wie durch ein Wunder keine Spuren hinterlassen hatte, machte ihn dann in der Schule zum Helden, ließ ihn all die vorher empfundene Unmännlichkeit und auch einen Grossteil der Trauer vergessen.

Ich liebte die Geschichte des Antihelden, der aus schierer Verzweiflung zum Helden wurde. Ich liebte sie, weil Michael sich nicht zuzugeben scheute, eben dieser Antiheld zu sein. Dies war ungewöhnlich für Männer, die ich bisher kennengelernt hatte. Die versuchten stets allen Frauen, und ich nehme an auch den anderen Männern und sich selbst, die Rolle der makellosen Helden vorzugaukeln, zumindest bis sie von der Realität eingeholt wurden und dann wie lächerliche Prahlhänse dastanden. Nicht zuletzt liebte ich die Geschichte, weil es eine Geschichte war, die man nicht jedem einfach so erzählte, weil sie in normalen Konversationen keinen Platz hatte, weil sie eine gewisse Vertrautheit voraussetzte und eine noch größere Vertrautheit schuf. Ich liebte Michael in diesem Augenblick und musste noch Wochen später in meinem Opernpissoir an ihn denken.

Mittlerweile war mir gar nicht aufgefallen, dass ich voller Eifer über bereits blitzeblanke Kacheln schrubbte. Ich wurde von Brigitte, einer Sommerputzkollegin, aus meinen Träumen gerissen. „So, fertig. Komm, Karin, rauchen wir schnell noch eine, hier am Häusel wird uns sicher niemand erwischen.“

Also rauchten wir, zu zweit in eine Toilette gedrängt hinter verschlossener Tür, denn es wurde gar nicht gerne gesehen, wenn man sich während der Arbeit einige Minuten der Erholung gönnte. Dabei lästerten wir wieder einmal über all die schnieken oder bizarren Künstler, die uns beim emsigen Wischen und Schrubben über den Weg gelaufen waren, denn solche gab es hier so viele, dass sich eine beinahe unversiegbare Quelle der Wunderlichkeiten vor uns auftat. Ein Thema war auch immer, welche Künstler uns freundlich und welche uns wie Luft oder gar besonders unfreundlich behandelten. Als Studentinnen waren wir nämlich einen gewissen Mindestanstand an Höflichkeit gewohnt und mussten nun am eigenen Leib feststellen, dass solche Standards ganz und gar nicht für Reinigungspersonal galten. Unsere Erfahrung war, dass zumindest in der Theaterszene das Ausmaß der Fehlbehandlung invers proportional war zur Berühmtheit der Künstler, die sie ausübten. Manche der berühmteren Künstler hatten uns nämlich schon freundlich gegrüßt oder waren gar in schnucklig schäkerhafter Manier unseren Wischlachen ausgewichen. Viele der Nebendarsteller, die vermutlich Magengeschwüre aus Ärger über ihren ausbleibenden Ruhm hatten, behandelten uns wie Luft oder als würde unser bloßer Anblick sie beleidigen.

Wir stellten nun Kübel und Lappen an ihren Platz, holten uns Staubwischtüchlein und stapften in unseren Arbeitsmänteln, die mit den absurdesten Mustern bedruckt waren, in den großen Konzertsaal, wo wir uns daranmachten, ohnehin schon saubere Zuschauerplätze zu entstauben. Dies war eine Tätigkeit, bei der die Gedanken noch mehr abschweifen konnten, da man nicht mehr auf von wenig zielgerichteten Männern verursachte Flecke achten musste.

Leichte Aufregung überkam mich. In nur zwei Wochen würde ich mit Michael nach Frankreich fahren. Ein paar Zweifel hatte ich schon, ob ich richtig gehandelt hatte. Wenige Tage bevor Michael uns in Wien besuchte, teilte mir Clemens aus heiterem Himmel mit, dass er nicht mit mir in den Urlaub fahren konnte, da er lieber sein Studium vorantreiben und für eine ihm unverschiebbar anmutende Prüfung lernen wollte. Ich war fassungslos und bitter enttäuscht, denn nach meinem Ferienjob wollte ich unbedingt mindestens eine Woche wegfahren, um so richtig auszuspannen. Welches Studium kann denn schon leiden unter einer einwöchigen Auszeit in den Sommerferien? Sicher nicht das von Clemens, das wusste ich genau.

Clemens erzählte Michael von seinen streberhaften Sommerplänen, wollte wahrscheinlich Lob für seinen heldenhaften Arbeitseifer. Als ich gerade in eine urlaubsentzugsbedingte Bitterkeit versinken wollte, sagte Michael: „Mein Urlaub fällt heuer auch ins Wasser, weil meine Freunde nur Zeit haben, wenn ich arbeiten muss.“

Mein Herz fing an zu hüpfen und ohne auch nur das Geringste zu überlegen, aber auch nicht in all der Unschuld, die ich mir und anderen danach einzureden versuchte, sagte ich: „Ich fahre wahrscheinlich zu Claudia nach Südfrankreich. Wieso fahren wir nicht zusammen?“

Vermutlich weil er dachte, mit Claudia eine Anstandsdame zur Seite zu haben, die auf Einhaltung aller Schicklichkeitsregeln achten würde, willigte Michael sofort ein, denn er machte nicht den Eindruck eines skrupellosen Kerls, der sich ihm bietende Gelegenheiten schamlos ausnutzte. Genau da lag aber nun mein großes Dilemma.

Ich war kurz stehengeblieben, um einen Kaugummi von unter der Sitzfläche hervorzupulen. Ja, so etwas machten die vornehmen Konzertbesucher, sie klebten ihre Atemerfrischer unter Sitze, wenn sie schal wurden, hatten nicht den Anstand, sie säuberlich wieder in Stanniolpapierchen zu wickeln, um sie dann in ihren Galatäschchen oder denen ihrer Begleiterinnen verschwinden zu lassen.

„Schon wieder so ein Ferkel“, stieß ich fluchend hervor.

„Du hast Glück“, meinte Brigitte lakonisch, „wenn das dein Erster ist. Hatte heute schon vier und einer klebt mir jetzt noch an den Handschuhen.“

Natürlich hatten wir keine Spätelchen, mit denen wir die Masse locker hätten herunterkratzen können, auch keine Beutelchen für ihre Entsorgung. Aber das Leben ist wohl kein Wunschkonzert, manchmal bleibt Ekliges, das andere ausgespuckt haben, an einem kleben.

Mein Dilemma war einerseits, dass Michael sicherlich ein zu integerer Mensch war, um jemals auch nur daran zu denken, einem Freund die Frau auszuspannen. Andererseits wusste ich auch nicht, ob ich mir all die Verliebtheit in ihn nur aus Unzufriedenheit mit meiner Beziehung zu Clemens eingebildet hatte. Einerseits hatte ich schon seit Jahren keinen Mann mehr getroffen, den ich so toll fand wie Michael, andererseits wollte ich die Freundschaft zwischen ihm und Clemens nicht zerstören. Einerseits hatte ich das dringende Bedürfnis, mein Glück am Schopf zu packen, andererseits hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie ich das anstellen sollte.

Vorerst war aber der letzte Stuhl gewischt, der Konzertsaal glänzte, war bereit für die schönen Künste und ihre Gäste. Brigitte, ich und die anderen Kolleginnen konnten unsere beblümten Arbeitskittelchen für heute an den Nagel hängen und uns auf ein kühles Bier in einem schattigen Gastgarten freuen. Wir fitzelten die letzten Kaugummireste von den Handschuhen, kämmten uns die Haare und legten ein wenig Farbe aufs Gesicht. Meine mittlerweile schwermütig gewordenen Gedanken ließ ich ziehen und gab mich ganz den Freuden des Abends hin.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Opernpissoir

  1. Hofnarr schreibt:

    „…manchmal bleibt Ekliges, das andere ausgespuckt haben, an einem kleben.“ Das ist vermutlich einer der phylosophischten Wahrheiten, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

    Wie recht Du hast, Karin.

    Auch ich habe solche Arbeiten verschiedentlich verrichtet, in Hotels in Skigebieten der Schweiz, als Zwischensaisonarbeiten, weil ich über Jahre im Sommer 120 Tage hintereinander auf die Alp ging und im Winter 120 Tage an Skiliften arbeitete und damit dazwischen einige Wochen oder Monate für andere Arbeiten frei war.

    Wenn man die Aufenthaltsorte der Reichen vom Hintereingang her kennen lernt im Leben, wünscht man sich irgendwann nicht mehr, zu den Reichen zu gehören! Man sieht erst so, dass es sehr viele wirklich normale Dinge gibt, die sowohl Reiche wie Arme und Männer wie Frauen gleichermassen betrifft (zB. auch das Benützen von Pissoirs, mit immer den gleichen Hinterlassenschaften, dass aber die Reichen möglicherweise sich noch etwas grauseliger, unehrlicher, abfölliger, gemeiner, krimineller und hinterhältiger benehmen als die Armen, die sich solches aus finanziellen und ethischen Gründen nicht leisten können.

    Gerade dann bleibt aber Ekliges der anderen an einem kleben, wenn man sich weiter wünscht, zu eben jenen zu gehören, die solches tun…

  2. CHBrunner schreibt:

    Sehr schön beschrieben

  3. Sonja M schreibt:

    Mir gefällt deine Fortsetzungsgeschichte in ihrem ein bisschen burleskeren Stil sehr, ich freu mich auf das Kommende

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