Diese Woche konsumiert: Arme Reiche und die Ungerechtigkeit der Welt

Die Entwicklungen dieser Woche haben gezeigt, wie schlecht jene behandelt werden, die sich selbstlos in den Dienst der Allgemeinheit gestellt haben. Sie haben auch gezeigt, dass Politik nicht nur zur Armutsfalle werden kann, sondern auch ungerechterweise fleißige und anständige Institutionen ausbeutet, um politisches Kleingeld herauszuschlagen.

Aber von vorne: Mehrfach hat Karl-Heinz Grasser während seiner Zeit als Finanzminister betont, wie viel mehr er in der Privatwirtschaft verdienen könnte und damit impliziert, wie sehr er sich zum Wohle des österreichischen Volkes aufgeopfert hat.

Seine von News veröffentlichten Steuerakten belegen das (http://www.news.at/articles/1209/511/320653/karl-heinz-grasser-die-steuerakten-khg). Als „Vice-President“ für „Human Resources and Public Relations“ verdiente Grasser in nur 2 Monaten so viel, wie später als Finanzminister in einem ganzen Jahr. Das alles obwohl er sich selbst zum besten Finanzminister aller Zeiten kürte und von Bundeskanzler Schüssel dabei unterstützt wurde. Grasser arbeitete rund um die Uhr für ein saniertes Budget, das Nulldefizit wurde zur Staatsmaxime erhoben (in einem Ausmaß, dass selbst die nachfolgende Regierung Gusenbauer ein ausgeglichenes Budget in der Verfassung verankern wollte).

Grasser schaffte ein Nulldefizit durch Steuertricks, Auslagerungen von Bundesinstitutionen und dubiose Privatisierungen. Ein Mal. Dann haben die Taschenspielertricks nicht mehr gereicht und das Defizit war wieder da. Grassers Misswirtschaft ist Österreich teuer zu stehen gekommen, seine mutmaßlichen (noch unschuldsvermuteten) Korruptionsgeschäfte kosteten dem österreichischen Steuerzahler zusätzlich Millionen.

Als Grasser die politische Bühne verließ, schrumpfte plötzlich sein Einkommen. 2007 versteuerte Grasser rund 29.000€, 2008 rund 18.000€ und 2009 schließlich nur noch 13.500€. Das ist laut Gehaltstabelle ein Abstieg von einem Ministergehalt, über das Gehalt einer Fachkraft in einer Fabrik und jenes eines Hilfsarbeiters, bis zu dem einer Reinigungskraft. Kein Wunder, dass er ab und zu das Geld seiner Schwiegermutter herumtrug, um sich an die gute alte Zeit zu erinnern, als er selbst noch eines hatte.

Haben wir Karl-Heinz Grasser Unrecht getan? Nach allem, was er für uns bewirken wollte? Nachdem er jahrelang dem österreichischen Staat gedient hat? Hat er es verdient, an der Armutsgrenze leben zu müssen mit Frau und Kind? Hat er sich die Haare nur wachsen lassen, weil er sich weder Friseur noch Mütze leisten kann? Sollen wir eine Spendenaktion ins Leben rufen?

Kein Wunder, dass nicht mehr viele kompetente Menschen in die Politik wollen, wenn selbst den Intelligentesten, Schönsten und Besten nach Ende der politischen Karriere das Prekariat nicht erspart wird.

Jenen, die noch aktiv die Geschicke des Staates und der Wirtschaft lenken, wird jede Motivation genommen. So zum Beispiel Herrn Rothensteiner, der als Chef der Raiffeisen Zentralbank und „aufrechter, normaler Banker“ nicht verstehen kann, warum seine Bank eine höhere Bankenabgabe zahlen soll, weil eine ANDERE Bank mit einer Milliarde Steuergeld gerettet werden muss (http://derstandard.at/1330389934304/Bankensteuer-RZB-Chef-sieht-Banken-als-Melkkuh-der-Nation). Die Banken dürften nicht mehr die „Melkkühe“ der Nation sein, sagt er. Sein Kollege von der Erste Group, Treichl, ist (in Erwartung neuer Bankenhilfe?)
etwas gemäßigter, sieht die Bankenbranche aber auch ungerecht behandelt: „Politisch verstehe ich es aber, eine Branche, die nicht die beliebteste ist, mit einer Steuer zu versehen. Das ist ein guter Schachzug.“ (http://kurier.at/wirtschaft/4486838-bankenabgabe-treichl-aergert-neue-steuerlast.php)

Die Volksbank, deren Rettung höhere Bankenabgaben erforderlich macht, bekommt jetzt eine Milliarde Bankenhilfe und bekam bereits 2009 eine Milliarde. Im Vergleich dazu erhielten Raiffeisen International 1,75 Milliarden aus dem Hilfspaket, die Erste 1,22 Milliarden, alle Banken zusammen bis Ende 2011 insgesamt 11 Milliarden (http://www.wirtschaftsblatt.at/home/oesterreich/branchen/mit-oevag-rettung-steigt-banken-hilfe-auf-elf-milliarden-euro-509101/index.do).

Es ist interessant, wie schnell man vergisst und mit dem Finger auf eine andere, EINZELNE Bank zeigt. Wie schnell man sich ungerecht behandelt fühlt. Wie schnell man zum Opfer wird. Wie schnell der Totalabstieg kommt, wenn man nicht mehr ausreichend wertgeschätzt wird (Grasser könnte sich wenigstens – wie seinerzeit Matti Nykänen –vielleicht als Stripper durchfretten).

Den einen wird genommen, den anderen nicht gegeben. Die armen Reichen, die es doch so viel besser verdient hätten.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Arme Reiche und die Ungerechtigkeit der Welt

  1. S.Blue schreibt:

    Du hast bei allem recht, aber ich kann diese ganzen Arschl…., selbst wenn sie und ihre Doppelmoral lustig aufgeblattelt werden, einfach nicht mehr ertragen. Ein Monat kein Grasser, kein Bankdirektor, kein Wulff, kein Meischberger mehr in den Medien: so stelle ich mir das Paradies vor

  2. Balisto schreibt:

    🙂 🙂 🙂

  3. johannamiller47 schreibt:

    Bei der ganzen bornierten Stupididät der Banker vergisst man, dass die Hauptschuldigen dennoch die Politiker waren, denen fröhlich zuerst jeder Liberalisierungs-, Deregulierungs- und Privatisierungswunsch dieser Dünnbrettbohrer Befehl war, und die dann mit der gleichen Selbstverständlichkeit, als die Scheisse dampfte, den Verstaatlichungs-, Stützungs- und Subventionierungskommandos der gleichen Ökonomietrategen nachkamen.

  4. B.A. schreibt:

    Ich finde, jeder Artikel wie dieser hier ist wichtig. Hätten die Mainstreammedien nicht jahrelang unterlassen, den Bankern und Politikern auf die Finger zu schauen, und stattdessen Homestories von KHG, Treichl und Konsorten zu drucken, wäre vieles zu verhindern gewesen.

  5. Stoeri schreibt:

    wer heute das ruecktrittsschreiben dieses goldman sachs heinis gelesen hat merkt, dass die reichen nichts kapiert haben

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