Doppeltschwules Brot

Neulich kaufte ich ein anderes Brot als sonst. Lukas sagte sofort: „Eh, Mama, das Brot ist ja doppeltschwul.“

Ich dachte, ich hatte schlecht verstanden: „Was?“

„Doppeltschwul, das Brot, Mann“, mit dem Brustton der Überzeugung.

„Weißt du eigentlich, was das heißt.“

„Ja, wenn zwei Männer verliebt sind“, ganz stolz sagte er das.

Ich wollte ihn herausfordern und sagte: „Und was hat das mit Brot zu tun? Und wieso doppelt?“

„Das sagt man so. Wenn etwas schlecht ist.“

„Wer sagt das so?“

Er überlegte kurz: „Eigentlich alle. Und der Laurin. Aber der weiß gar nicht, was es heißt.“

Diese Episode erinnerte mich an ein Experiment, das vermutlich in dieser Form nie stattgefunden hat, das aber genau die Mechanismen erklärt, warum mein Sohn nun doppeltschwules Brot sagt:

5 Affen werden in einen Käfig gesperrt. In der Mitte des Käfigs befindet sich eine Leiter, auf der Bananen liegen. Immer wenn ein Affe die Leiter erklimmen will, werden alle anderen mit kaltem Wasser besprüht. Die Affen lernen, die Banane zu meiden.

Wird ein derart trainierter Affe gegen einen untrainierten Affen ersetzt, hindern nun die anderen Affen diesen mit Gewalt daran, die Banane zu holen, auch ohne Besprühen mit Wasser. Nach und nach werden alle Affen ausgetauscht. Jeder neue Affe will die Banane holen und wird von den anderen davon abgehalten. Das tun die Affen auch dann noch, wenn keiner von ihnen jemals mit Wasser besprüht wurde, und es deshalb für sie keinen Grund gibt, die Banane nicht zu holen.

Der Ausdruck schwul hat klarerweise einen homophoben Hintergrund. Von der Kirche über Jahrhunderte geschürt, von der Politik aufgegriffen und von den Leuten nachgeplappert, gibt es eine traditionelle Angst vor Homosexuellen. Daraus entwickelte sich eine weithin akzeptierte Abscheu, die die negative Konnotation des Wortes schwul zur Folge hat. Die Schwulenbewegung versucht seit Jahrzehnten, durch die bewusste Selbstbezeichnung als schwul die negative Bedeutung abzulegen. Wie ich feststellen musste, hatten sie zumindest in unserem Dorf noch keinen großen Erfolg damit.

Dieses Wort wurde (und wird) aus einem Impuls des Menschen, andere schlechtzumachen, um sich selbst überlegen fühlen zu können, zur Diskriminierung einer Gruppe von Menschen verwendet. Im Lauf der Zeit wurde es für Schlechtes im Allgemeinen verwendet. Nun ist es offenbar so gebräuchlich, dass es in der Grundschule dahergeplappert wird von Achtjährigen, die die ursprüngliche Bedeutung entweder gar nicht mehr kennen, oder sich nicht mehr überlegen, dass dieses Wort in diesem Zusammenhang überhaupt keinen Sinn mehr ergibt.

Das Schlimmste daran ist aber, die daraus entstehende schleichende Konditionierung, dass schwul und schlecht Synonyme sind und deshalb schwul schlecht sein muss. Wenn ein derart konditioniertes Kind hört, jemand sei schwul, nimmt es automatisch an, dass das etwas Schlechtes sein muss.

Viele gesellschaftliche Mechanismen der Diskriminierung laufen so ab: Ausländerfeindlichkeit (die Präfixe türken– oder tschuschen– sind ebenfalls Synonyme für etwas Minderwertiges), Abscheu vor Dicken (fette Sau ist ein Schimpfwort für Menschen, von denen man will, dass sie sich als hässlich empfinden), Behindertenfeindlichkeit (Mongo wurde bereits in meiner Kindheit als Schimpfwort verwendet und wird es immer noch), Altersdiskriminierung (Alter Arsch, Grufti, Untoter).

Wenn man sich umhört, merkt man, wie oft diese Worte mit der schlechten Konnotation verwendet werden. Sei es offen im Scherz oder um zu verletzen. Sei es unterschwellig in Satiresendungen oder von Politikern. Sei es unbewusst von Menschen, die völlig überrascht wären, wenn man ihnen Diskriminierung vorwerfen würde.

So ein achtloses Verwenden von gesellschaftlich akzeptierten Diskriminierungen trägt maßgeblich dazu bei, dass kein entspannter Umgang mit jenen möglich ist, die nicht in ein vorgefertigtes Gesellschaftsbild passen. Gerade diese unterbewusst eingeschleusten Mechanismen können am schwierigsten wieder rückgängig gemacht werden.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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20 Antworten zu Doppeltschwules Brot

  1. Nicht zu vergessen, dass gerade Teile der deutschen (aber auch die amerikanischen) Hip-Hop Subkultur dazu beigetragen haben und beitragen, dass bei vielen Kindern und Jugendlichen männliche Homosexualität als der Inbegriff des Uncoolen, ja Abscheulichen gilt, und die Verwendung homophober Ausdrücke cool ist. Da gehören die Sidos und Bushidos dieser Welt schon auch in die Verantwortung genommen, mehr noch als die Kirchen etc, die ja kaum Einfluß auf das Verhalten von Teenagern haben.

    Ansonsten, vollkommen d` accord.

  2. wienerhans schreibt:

    und dies schlimme wird schon immer mit all die ostfriesen-/burgenländerwitze eingeübt – jeder, der je darüber gelacht hat, gehe in sich – jeder der solches erzählt nehme sich zurück !
    auch die unsäglichen ossi/wessi redereien, und, und, und !

  3. Athenaeum schreibt:

    Warum wundere ich mir nur nicht, dass sie sich nun um die ach so armen Homosexuellen sorgen?

    • Karin Koller schreibt:

      Warum wundert es mich nicht, dass Sie auch hier etwas dagegen haben? Diskriminierung ist ja bis heute ein Spezialgebiet der Kirche.

      • Astrid schreibt:

        Wieder ein sehr schöner, zum Nachdenken anregender Artikel. Wenn man sich selbst beobachtet, ist man auch nicht ganz frei davon, unachtsam verletzende oder diskriminierende Wörter zu verwenden

  4. brombeerfalter schreibt:

    Das gab es bei uns auf der Arbeit auch, dass einige Kollegen gedankenlos irgendetwas, das ihnen nicht passte, als „total schwul“ bezeichneten. Ich habe mir daraufhin erlaubt, alles, was mir gegen den Strich ging, demonstrativ „voll hetero“ zu nennen – seitdem hat es sich wenigstens in unserer Firma ausgeschwult. Und ich hatte nicht den Eindruck, dass es mir die Kollegen übel nahm – es kam mir eher so vor, als nähmen sie die unerwartete Reaktion zum Anlass, über die Ursprungsbedeutung der Floskel nachzudenken.

  5. artemisssss schreibt:

    Schöner Artikel. Sprache verrät, wieviele Vorurteile existieren, und wie sie durch die Übernahme in den Sprachgebrauch fortgepflanzt werden

  6. MiStBerlin schreibt:

    … un die (Grundschul-)Lehrer?
    Mein Neffe ist vor einigen Jahren ebenfalls in der Grundschule dabei erwischt worden, als er ’schwul‘ sagte. Als Strafe mußte er dann eine Seite voll schreiben mit ‚Ich darf nicht schwul sagen!‘ – hört sich erstmal ganz gut an….!?
    Nein! Meine Schwester fragte ihn auch ob er wisse, was schwul ist: ‚Ja, wenn 2 Männer zusammen sind. – Aber das ist doch nicht schlimm, oder?‘
    Hier sieht man wieder, dass der Begriff unbewußt, weil von der Gesellschaft so ‚diktiert‘, fasch verwendet wird. Aber was passiert nun durch die Strafarbeit bei den Kindern, die ‚erwischt‘ wurden?
    Der Begriff schwul bekommt nun auch noch offiziell eine negative Bedeutung denn, ‚wenn ich es nicht sagen darf ist es bestimmt wirklich schlimm.‘
    Leider wurde von der Lehrerin in der Klasse nicht über den Begriff gesprochen und erklärt was die Bedeutung ist.
    Aus Unwissenheit, aus Angst vor den Reaktionen der Eltern oder weil in unserem Schulsystem kein Platz ist, um sozialkritische Kinder heran zu ziehen?
    Bei den privaten Gesprächen zeigte sich nämlich, dass die Grundschüler sehr wohl verstehen konnten, dass der Begriff falsch benutz wurde und nicht wertend sein darf.

  7. Pingback: Diese Woche konsumiert: Ganz schön intim | Karin Koller

  8. Pingback: Ficken | Karin Koller

  9. Heinz-Ruediger Kowaltkowski schreibt:

       auf der Suche nach der Affengeschichte fand ich Ihre Seite; danke für die Graphik, auch wenn ich des englischen nicht mächtig bin.
       Ihrer These vom kirchlichen Einfluß auf die Verwendung des Wortes »schwul« muß ich allerdings widersprechen.
       Aus der vorgermanischen Wurzel »swël« mit der Bedeutung »schwelen«, »langsam brennen« entstand (schriftlich belegt ab 1645) »schwul«, welches, ab 1716 belegt, unter Einfluß seines Antonyms »kühl« zu »schwül« wurde.
       Erst durch die Studentensprache wurde Ende des 18ten Jhdts. »Schwulität« gebildet und für eine Verlegenheit, unangenehme, peinliche Situation verwandt.
       Solange also die, die sich diese Jacke anziehen, ihre Situation als peinlich, unangenehm und widerlich empfinden, wird sich an der Verwendung des Wortes nichts ändern, genauso, wie es den Zigeunern (auch Tatern, Gitanos, Gypsies, Heider, Bohemiens genannt) nichts nützt, wenn sie als »Sinti&Roma«, als »Mobile Ethnische Minderheit« oder als »Rotationseuropäer« bezeichnet werden – sie werden doch ausgegrenzt, nicht nur in der Tschechei, Slowakei, Türkei und in Ungarn, Rumänien, Bulgarien.
       Schließlich macht auch die Bezeichnung »Südländer« aus einem integrationsunwilligen türkischen Mihigru keinen neapolitanischen Pizzabäcker oder Turiner Autobauer…

    Netzpost an HRK

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