Ein Ende und ein Anfang

Ohrringstechen und anderere Nebensächlichkeiten – Ein Erwachsenwerden Teil 3

„Hey, heute haben wir Abenddienst, unseren letzten“, freute sich Brigitte schon um halb sieben Uhr morgens so sehr, dass ihre braunen Locken hüpften. Abenddienst bedeutete eine Abwechslung vom schnöden Einheitsbrei der restlichen Woche. Vormittags mussten zwar wie üblich die schweren Bodenwischarbeiten verrichtet werden, dann aber folgte eine lange Mittagspause, in der man ein Schönheitsschläfchen im benachbarten Park halten konnte. Nachmittags, wenn die anderen Mitstreiterinnen nach Hause gingen, konnten Brigitte und ich uns in das Pausenzimmer zurückziehen mit einer langjährig angestellten Reinigungsbediensteten, die wusste, was in Notfällen zu tun war. Für putztechnische Notfälle waren wir nämlich abends in Bereitschaft. In den Pausen der blutrünstigeren Stücke war Theaterblut von der Bühne zu wischen, in jenen der blumigeren Blütenblätter wegzukehren. Am gefürchtetsten aber waren die unvorhersehbaren Missgeschicke mancher kulturbeflissenen Feingeister, die vermutlich, ganz von der Kunst gefesselt, die Übelkeit nicht in sich aufsteigen fühlten und einfach zwischen die Sitzreihen kotzten. Das kam vor, auch hier in den edlen Hallen der schönen Künste und nicht nur bei sich die Seele aus dem Leib kreischenden Mädchen bei Popkonzerten. Da musste man dann losziehen im Galakittelchen, mit Eimer und Lappen bewaffnet, um die Sauerei aufzuwischen, immer darauf achtend, nicht vor Ekel noch größeren Schaden anzurichten.

Es war ein ruhiger Abend ohne Katastrophen. Ich schlich mich leise in das Kämmerchen des Tontechnikers, um ein wenig den Klängen der Musik zu lauschen. Nach einigen Minuten drifteten meine Gedanken wieder zu Michael.

Wie konnte ich ihn denn erobern? Wie den schmalen Mittelweg zwischen übervorsichtiger Zurückhaltung und unziemlicher Aufdringlichkeit finden? Seit vier Jahren hatte ich nicht mehr ernsthaft versucht, einen Mann zu erobern. Damals ging das noch leicht. In adoleszentem Überschwang hatte ich mir kein Blatt vor den Mund genommen bei Eroberungsversuchen, hatte mich nicht vor Misserfolgen gefürchtet. Es war damals nicht so wichtig, der Ozean schien noch voller Fische.

Jetzt war alles viel schwieriger. Ich musste mir unbedingt eine Strategie ausdenken, denn Michael würde nicht im Traum auf die Idee kommen, auch nur das Geringste diesbezüglich bei mir zu versuchen. Er schien mir wie ein Ehrenmann, der meine Avancen vermutlich gar nicht bemerken würde, wenn ich nicht zu drastischen Mitteln greifen würde.

Was war, wenn wir überhaupt nicht zueinander passten? Wenn ich mir nur eingebildet hatte, verliebt zu sein? Wenn die Katzengeschichte gar nicht wahr war? Es war leicht möglich, dass ich ihn mir in meinen Träumen zu einem perfekten Mann gemacht hatte, der er nicht sein konnte, nicht sein wollte. Warum war ich mir dann so sicher, dass ich es versuchen musste? Weil ich einen Vorwand brauchte, um von Clemens loszukommen? Das wäre doch wirklich absurd. Nach all den sinnlos quälenden Gedanken, die ich mir gemacht hatte, müsste ich wohl soweit mit Clemens abgeschlossen haben, dass ich die Beziehung beenden konnte, ohne mich vor seinem Freund zum Affen zu machen.

Wie kam ich eigentlich auf die Idee, dass Michael sich in mich verlieben konnte, mich überhaupt zwei Wochen lang würde ertragen können? In meinem selbstherrlichen Sinnieren hatte ich diesen Aspekt noch gar nicht betrachtet. Hatte es bisher auch nur das geringste Anzeichen gegeben für irgendwelche Gefühle, die über normale Freundlichkeit hinausgingen, die gar, mit etwas Phantasie, einen Hauch von Wollust widerspiegelten?

Eine Situation fiel mir ein, eine winzig kleine, an der ich meine Hoffnungen aufhängte. Als Michael in Wien war, verbrachten wir einen Abend mit einigen Freunden. Im Verlauf dieses Abends sprachen wir über Erotik, was sie ausmachte und wer sie hatte. Es war schon spät, alle hatten viel getrunken und ich fühlte mich wieder einmal wie ein hässliches Entlein. In dieser Stimmung sagte ich, dass ich von niemandem in erotischer Manier betrachtet würde, meist gar nicht als Frau, sondern eher als asexueller Freund. Während die anderen, inklusive Clemens, nur dasaßen und schwiegen, sprang Michael fast von seinem Sessel auf und sagte, wie mir jetzt im Nachhinein schien, viel zu laut: „Nein, das stimmt doch gar nicht!“

Ich weiß, die Indiziendecke für das Vorliegen von lustvollem Verlangen oder gar ritterlichen Absichten war äußerst dünn. Schließlich konnte es ja sein, dass er nur höflich sein, mich aus der eher peinlichen Lage, in die ich mich gebracht hatte, befreien wollte. Vielleicht musste er etwas sagen, da er dezent einen ununterdrückbaren Rülpser loswerden wollte, das würde auch die etwas überhöhte Lautstärke des Gesagten erklären.

Nein, nein und nochmal nein. Solche Gedanken wollte ich gar nicht aufkommen lassen. Dieser Mann verzehrte sich eindeutig nach mir, war wie ein reifer Apfel, den ich nur zu pflücken brauchte, wenn ich erst die richtige Leiter gefunden hatte, um zu ihm hinaufzuklettern. Sicherlich. Zweifelsohne. Oder?

Manchmal muss man sich an Strohhalme klammern, an das Schemenhafte glauben, ein Leiterchen zimmern, um sich den Apfel zu schnappen. Aber ein begnadeter Zimmermann war ich wohl wirklich nicht. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Zimmermann hatte ich mich eben genannt. Kann man sich unweiblicheres vorstellen? Gerade hatte ich das getan, was ich anderen immer vorwarf, mich als tischlernden Kumpel gesehen. Dort genau lag das Problem. Für mein Vorhaben musste ich innerlich zur Femme Fatale werden, musste Erotik versprühen, alles Kumpelhafte fallenlassen, geheimnisvolle Sinnlichkeit ausdünsten. Das war die Lösung. Aber, konnte man Sinnlichkeit überhaupt ausdünsten und wie eignete man sich diese Fähigkeit an innerhalb von zwei Tagen? Zwei Tage blieben mir noch, bis die Reise mit Michael begann. Ganz bestimmt würde in dieser Zeit ein komplettes Ummodellieren des eigenen Selbstverständnisses zu schaffen sein. Es brauchte ja nicht gleich Sprühen und Dünsten sein, ein zaghaftes Knospen und Sprießen würde vielleicht auch reichen. Das würde ich zustande bringen. Sicherlich.

Die Musik wurde lauter, begann für das große Finale zu kulminieren. Ich ging zu den anderen zurück, denn am Ende einer Veranstaltung musste meist noch etwas geputzt oder gefegt werden. Taschentüchlein, die Zuschauer in Ergriffenheit zu Boden geworfen hatten, waren aufzusammeln. Es gab sonst nicht viel zu tun, die Arbeit war schnell erledigt. Der Ferialjob war nun auch beendet. Das Einzige, was noch zu tun blieb, war zum großen Abschiedsfest der Temporärputzfrauen zu gehen. Belobigungen und Ehrungen für geleistete Dienste wurden dort nicht verteilt, dafür aber jede Menge Alkohol und Leckereien, was allen ohnehin lieber war.

Am nächsten Tag konnte ich ausschlafen, den Schönheitsschlaf genießen, den ich bitter nötig hatte nach all der Plackerei zwischen Urinflecken und gebrauchten Kaugummis. Er war auch notwendig, damit ich in bezaubernder Anmut und neuem Selbstbewusstsein Michael entgegentreten konnte. Ich hatte mir ausgemalt, wenn ich es mir beim Einschlafen genügend stark wünschte, würde ich als echte Femme fatale aufwachen. Eine zielführendere Vorgehensweise fiel mir leider nicht ein. Alles Lusterweckende musste ja von innen kommen, für Veränderungen an Äußerlichkeiten war keine Zeit mehr, außerdem wäre es wohl zu auffällig gewesen, das wiederum wollte ich unbedingt vermeiden.

Der große Tag war gekommen. Bevor ich in Allerherrgottsfrühe den Zug bestiegen hatte, der mich endlich nach Vorarlberg zu Michael bringen sollte, hatte ich noch versucht, mich etwas adretter als sonst herzurichten. Dafür stand aber nur die obligatorische Jeans und T-Shirt Kombination zur Verfügung. Mit Schrecken hatte ich beim Packen am Vortag bemerkt, dass ich mir schon seit ewigen Zeiten keine neuen Kleider mehr gekauft hatte. Es war nicht wichtig gewesen. Jeans und T-Shirts waren bequem und passend in allen Lebenslagen. Dass dieses Outfit wenig sexy war, fiel mir erst jetzt auf.

Besonders sexy hatte ich mich eigentlich nie gekleidet. Die frühen Achtzigerjahre verbrachte ich brav nach Klosterschulmanier, denn so eine Schule hatte ich besucht, in Faltenröckchen und Blüschen, man schämt sich fast, das zuzugeben. Damals wurde ich noch von meiner Mutter eingekleidet, die fand, dass das äußerst adrett aussah. In den Fernsehserien, die damals der letzte Schrei waren, wie Dallas oder Denver Clan trugen die Reichen und Schönen solche Outfits. Da wollte wohl meine Mutter, obwohl wir weder reich noch schön waren, mithalten und kaufte mir einmal eine Bluse, die mit einer riesigen rosa Seidenschleife am Hals verschlossen wurde. Das war schon ein wenig traumatisch, aber andererseits hob ich mich nicht wesentlich von meinen Mitschülerinnen ab.

Dann folgte meine adoleszente Moderebellion in den späten Achtzigerjahren mit jeder Menge buntem Plastikschmuck und einem viel zu großen Herrensakko, das von meinen schmächtigen Schultern schlappte. Darunter trug ich, ganz verwegen, Röcke ohne Falten oder die damals auch schon fast aus der Mode gekommenen Karottenhosen. Sonst lief niemand so herum, denn etwa die Hälfte der Mädchen in meiner Klasse waren dem konservativen Look treugeblieben, die andere Hälfte hatte zu Nietengürteln, auftoupierten Haaren und Fransenjacken gewechselt. Damals glaubte ich, meinen eigenen Stil gefunden zu haben, denn herumlaufen wie ein Schaf in der Herde wollte ich bestimmt nicht.

Als ich, wohl durch einen Reifeschub, wieder zu Sinnen kam und mich plötzlich so sah, wie mich der Rest Welt schon seit Jahren gesehen haben musste, erstarrte ich vor Schmach und beschloss das Experimentieren mit Modetorheiten bleiben zu lassen, den sicheren Boden von Jeans und T-Shirts nur noch in Ausnahmefällen zu verlassen.

Ein paar Hosen hatte ich mir in einem Anfall von Do-it-yourself-Stilkreationswahnsinn dann doch in diesem Sommer genäht, aus Resten von Theaterkostümstoffen, die in der Schneiderwerkstätte meines Ferialarbeitgebers übrig geblieben waren. Die waren aber allesamt zu extravagant für eine lange Reise.

Da kleidermäßig wohl nichts mehr zu machen war, wollte ich wenigstens meine Haare besonders hübsch und anmutig aussehen lassen. Die hingen in langen schweren Strähnen von meinem Kopf herab. Was ich auch versuchte, nichts konnte sie aus ihrer Morgenträgheit befreien. In der Werbung sah das immer so einfach aus, da wurde nur ein wenig aus Dosen gesprüht oder Pampe aus Tuben gedrückt und schon hatte das Haar wie von selbst Fülle und Spannkraft, wie die Verkaufsstrategen es gerne nannten. Bei mir ging das nicht. Nach allen Bemühungen sah mein Haar gleich aus wie vorher, war aber klebrig und stank wie eine Giftmüllhalde. Zum Waschen blieb keine Zeit mehr, also band ich sie zu dem üblichen langweiligen Pferdeschwanz zusammen und hoffte, dass sich bis zu meiner Ankunft in Vorarlberg wenigstens der üble Geruch verflüchtigen würde.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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12 Antworten zu Ein Ende und ein Anfang

  1. Balisto schreibt:

    Wieder sehr schön

  2. Astrid schreibt:

    Zum Glück doch noch, ich habe schon befürchtet, ich muss auf den woechentlichen Fix verzichten

    • Hofnarr schreibt:

      Astrid, schau Dir den vieldeutigen Titel an, mal gänzlich ohne dem darunter stehenden Text, denn der könnte für viel mehr stehen als bloss für das darunter Geschriebene…
      Die hohe Schule des zwischen den Zeilen Lesens, ist diesmal gefragt…

  3. alexandraleyendecker schreibt:

    Super

  4. katjamayer schreibt:

    Bin schon gespannt, wann die nächsten Ohrlöcher kommen?

  5. Ich sitze hier mit einem Cappucino, einem Croissant und freue mich zu erfahren, wie es weitergeht. Ein angenehmer Start an einem Sonntag…

  6. Hofnarr schreibt:

    Zuweilen frage ich mich, warum wir Menschen des mittleren Alters (zwischen 40 und 60) in unseren Gedanken 20 und mehr Jahre zurück gehen, um uns dies einstige, individuelle Erwachsenwerden noch einmal bewusst zu werden. Brauchen wir das etwa, um uns klar zu werden, was unser heutiger Standort im Leben ist und dass wir in die Lebensphase der vollen Reife im hohen Alter eintreten zu können?! Es scheint fast so…

  7. IloveKimGordon schreibt:

    bin jetzt erst auf die Geschichte gestossen, aber schon hooked

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