Randy Newman Songbook Vol. 2

Randy Newman gab ein Konzert in der Philharmonie in München. Ich hatte Karten dafür besorgt. Meine Erwartungen waren nicht besonders hoch. Randy Newmans Musik mochte ich seit langem, aber dass er mich jetzt als alter Mann, der nur noch sporadisch anderes als Musik für Kinderfilme macht, in einem Konzert begeistern konnte, glaubte ich eigentlich nicht.

Die Philharmonie schien ein festlicher Rahmen für das Konzert, von außen aber sah sie aus wie das scheußliche Ungetüm Barbican in London. Innen schien sie von der Fuck-you-School of Konzerthallenbau ausgestattet zu sein. Dieselben Holzverkleidungen, die auch in Vaduz oder in Bregenz verwendet wurden, als gäbe es Konzertsäle im Sonderangebot und Fertigbau.

Der Saal war nur zur Hälfte gefüllt. Wir gehörten zu den jungen Besuchern. Einige Plätze weiter saß ein Mann, der aussah wie Larry David, er hatte sogar die gleiche Mimik und Gestik, die Münchner Version eines alten Hollywood-Intellektuellen. Kurz vor Beginn des Konzerts setzten sich noch zwei Jungspunde, die mindestens 5 Jahre jünger waren als ich, in die Reihe vor uns.

Dann betrat Randy Newman die Bühne, ein kleiner Mann, der den linken Arm schwang, als bräuchte er ihn als Antrieb. Er nickte dem Publikum kurz zu, setzte sich an den Flügel und begann ansatzlos zu spielen. Bei den ersten beiden Liedern sah ich meine Vorurteile bestätigt: Randy Newman redete nicht, er spielte nur und das nicht mit besonderem Flair. Oder so empfand ich das zumindest, weil ich es erwartete.

Die nächsten beiden Songs handelten von einer verlorenen Liebe und ich begann das Gefühl zu spüren, das dahinter steckt. Bei der Ansage des berühmtesten Toystory-Songs rollte ich die Augen. Ich hatte es ja gewusst, alles war ja ach so vorhersehbar. Aber dann kam I miss you und dieser Song traf einen Nerv bei mir. Plötzlich liefen mir zwei Tränen über die Wangen. Diese Ausweglosigkeit, diese Dummheit, jemanden, den man liebt, ziehen zu lassen. Dieses abgrundtiefe Bereuen, dass es so gekommen ist.

Etwas später sag Randy Newman wieder einen Pixar-Song, sagte das aber erst danach. Der Song fügte sich, genauso wie der Toystory-Song, nahtlos in das Konzert ein. Die Kindlichkeit und die Süßlichkeit der Kinosongs wurden offenbar nicht durch die Melodie oder den Text erzeugt, sondern durch die Begleitmusik im Film, die hier fehlte.

Bei In Germany before the War fiel mir plötzlich auf, dass viele von Newmans Songs an sich kleine von Musik untermalte Filme mit großen Geschichten sind. Ich stellte mir vor wie die Kamera halbhoch am Ufer entlanggleitet, das kleine Mädchen kurz streift und den Mord darstellt, indem nur ein Stückchen vom zerrissenen Hemd gezeigt wird. Die Kameraführung von Uta Briesewitz (The Wire) würde genau der Ästhetik des Songs entsprechen. Wie zu meiner Bestätigung war der nächste Song Baltimore.

Und dann verstand ich wieder, was Randy Newman ausmacht: Die Songs, die traurig oder ironisch oder tiefgründig Geschichten erzählen. Die vielen kleinen Anspielungen, die mit kurzem Abschweifen der Finger auf der Tastatur erst die wahre Tiefe in die Songs bringen und die ich zu gerne alle verstehen können würde. Die Selbstreflexion und Selbstironie (den Song I’m Dead (but I don’t know it) sagte er an: „All singers who were on tour in 1973 are still on tour. This is a good thing. But for someone young and starting out it must be quite strange to see all stages crowded with thick grey-haired people.”). Die Emotionen, die er immer noch seinem Publikum nahebringen kann. Und nicht zuletzt, dass er sich immer treu bleibt, ob er die Missstände der Welt aufzeigt, von der Liebe erzählt, oder ein Kinderlied singt.

Diese Vielfalt destilliert in ein Konzert eines der intelligentesten, spritzigsten und kreativsten Männer der Musikbranche, der sich nicht in Kategorien einsperren lässt und der das Publikum nach all den Jahren immer noch fesseln und begeistern kann, konnte nur zu einem Erlebnis werden.

Es war ein toller Abend. Beim Hinausgehen parodierte ein Mann hinter uns den Monaco-Franze: „Ein fester Schmarren. Nur das Münchner Publikum war noch schlimmer.“ Monaco-Franze sagte das damals, um einen überheblich bornierten Kritiker vor den Kopf zu stoßen. Ich ließ es mir eine Lehre sein.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Kunst, Kultur, etc. abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu Randy Newman Songbook Vol. 2

  1. Hofnarr schreibt:

    Es ist immer sehr, sehr beeindruckend, alte, will heissen greise, langjährige, grosse Musiker auf ihren vermutlich bald letzten Konzerten noch sehen und hören zu dürfen in der Realität, selbst dann, wenn man sie vorher nicht zwingend wahrnahm, obwohl sie da waren. Man ist erstaunt, zum ersten Mal bewusst aufmerksam geworden, ihre persönliche, längst schon verinnerlichte Beziehung zu ihrer langjährig ausgeführten und gelebten Kunst und Lebensvision durch sie selbst auf der Bühne zutage treten zu sehen. Vermutlich rechnet man als Konzertbesucher mit der umgekehrten Entwicklung eines bühnengewohnten Künstlers, nämlich, dass Emotionelles längst schon hinter der Maske des Gewohnten verborgen gehalten wird und deshalb nichts mehr Besonderes sein kann. Aber dann wird man mitgerissen von eben diesen greisen, weisen Künstlern auf der Bühne in ihre persönliche Gefühlswelt und Begeisterung von Menschen, die tatsächlich ein Leben lang sich selber über die Musik zum Ausdruck brachten, in allen Variationen und damit immer erneut der Menschheit wertvolle Geschenke rüberreichten, sich selber aber jedenfalls gestatteten, beeindruckende Fussspuren in der Welt zu hinterlassen, die bleibenden Wert haben…
    Auch Randy Newman gehört zu eben diesen und wäre am 20.3.2012 in Zürich noch einmal zu sehen, dem einzigen Konzert in der Schweiz. Ob’s wohl noch Tickets gibt?! Ich würde wohl hingehen, wenn ich könnte, auch ich, auch ohne Begleiter, dieses Erlebnisses wegen, einen der Aeltesten noch Aktiven im Musiksektor dort anzutreffen…

  2. Niemand kann schöner in ganz wenigen Worten komplexe Sachverhalte konzise auf den Punkt bringen als Randy Newman. Insofern ist er für mich der diametrale Gegensatz zu einem anderen Grossen, Bob Dylan, dessen Stärke ist, mit vielen Worten, die wunderschön klingen, jede Klarheit zu vernebeln.

  3. Das sieht man am besten an Beispielen:
    Hier ein Text von Randy Newman, eine präzise, aber dennoch umfassende historische Einschätzung der Bush-Regierung, glänzend formuliert, kein überflüssiges Wort:
    I’d like to say a few words
    In defense of our country
    Whose people aren’t bad
    Nor are they mean
    Now the leaders we have
    While they’re the worst that we’ve had
    Are hardly the worst
    This poor world has seen

    Take the Caesars for example
    Within the first few of them
    They were sleeping with their sister,
    Stashing little boys in swimming pools
    And burning down the city
    And one of ‚em, one of ‚em
    Appointed his own horse to be Consul of the Empire
    That’s like vice president or something
    Wait a minute, that’s not a very good example is it?
    But wait, here’s one,
    The Spanish Inquisition
    It put people in a terrible position
    I don’t even like to think about it
    Well sometimes I like to think about it

    Just a few words in defense of our country
    Whose time at the top
    Could be coming to an end
    We don’t want your love
    And respect at this point is pretty much out of the question
    But times like these
    We sure could use a friend

    Hitler
    Stalin
    Men who need no introduction
    King Leopold of Belgium, that’s right
    Everyone thinks he’s so great
    Well he owned The Congo and he tore it up too
    He took the diamonds
    He took the silver
    He took the gold
    You know what he left them with?
    Malaria
    A President once said,
    „The only thing we have to fear is fear itself“
    Now, we’re supposed to be afraid
    It’s patriotic in fact and color-coded
    And what are we supposed to be afraid of?
    Why of being afraid
    That’s what terror means, doesn’t it?
    That’s what it used to mean

    You know it kind of pisses me off
    That this Supreme Court is going to outlive me
    A couple of young Italian fellas and a brother on the Court now, too
    But I defy you, anywhere in the world,
    To find me two Italians as tightassed as the two Italians we got
    And as for the brother, well
    Pluto’s not a planet anymore either

    The end of an Empire is messy at best
    And this Empire is ending
    Like all the rest
    Like the Spanish Armada adrift on the sea
    We’re adrift in the land of the brave and the home of the free

  4. Und hier ein schöner, mythischer, verboser Text von Bob Dylan, den jeder interpretieren kann, wie er will, und die Bedeutung hat, die man ihm halt selbst zumisst:
    Well my heart’s in the Highlands gentle and fair
    Honeysuckle blooming in the wildwood air
    Bluebelles blazing where the Aberdeen waters flow
    Well my heart’s in the Highland
    I’m gonna go there when I feel good enough to go

    Windows were shakin’ all night in my dreams
    Everything was exactly the way that it seems
    Woke up this morning and I looked at the same old page
    Same ol’ rat race
    Life in the same ol’ cage

    I don’t want nothing from anyone, ain’t that much to take
    Wouldn’t know the difference between a real blonde and a fake
    Feel like a prisoner in a world of mystery
    I wish someone would come
    And push back the clock for me

    Well my heart’s in the Highlands wherever I roam
    That’s where I’ll be when I get called home
    The wind, it whispers to the buckeyed trees in rhyme
    Well my heart’s in the Highland
    I can only get there one step at a time

    I’m listening to Neil Young, I gotta turn up the sound
    Someone’s always yelling turn it down
    Feel like I’m drifting
    Drifting from scene to scene
    I’m wondering what in the devil could it all possibly mean?

    Insanity is smashing up against my soul
    You can say I was on anything but a roll
    If I had a conscience, well, I just might blow my top
    What would I do with it anyway
    Maybe take it to the pawn shop

    My heart’s in the Highlands at the break of dawn
    By the beautiful lake of the Black Swan
    Big white clouds like chariots that swing down low
    Well my heart’s in the Highlands
    Only place left to go

    I’m in Boston town, in some restaurant
    I got no idea what I want
    Well, maybe I do but I’m just really not sure
    Waitress comes over
    Nobody in the place but me and her

    It must be a holiday, there’s nobody around
    She studies me closely as I sit down
    She got a pretty face and long white shiny legs
    She says, “What’ll it be?”
    I say, “I don’t know, you got any soft boiled eggs?”

    She looks at me, says, “I’d bring you some
    But we’re out of ’m, you picked the wrong time to come”
    Then she says, “I know you’re an artist, draw a picture of me!”
    I say, “I would if I could, but
    I don’t do sketches from memory”

    “Well,” she says, “I’m right here in front of you, or haven’t you looked?”
    I say, “All right, I know, but I don’t have my drawing book!”
    She gives me a napkin, she says, “You can do it on that”
    I say, “Yes I could, but
    I don’t know where my pencil is at!”

    She pulls one out from behind her ear
    She says, “All right now, go ahead, draw me, I’m standing right here”
    I make a few lines and I show it for her to see
    Well she takes the napkin and throws it back
    And says, “That don’t look a thing like me!”

    I said, “Oh, kind Miss, it most certainly does”
    She says, “You must be jokin’.” I say, “I wish I was!”
    Then she says, “You don’t read women authors, do you?”
    Least that’s what I think I hear her say
    “Well,” I say, “how would you know and what would it matter anyway?”

    “Well,” she says, “you just don’t seem like you do!”
    I said, “You’re way wrong”
    She says, “Which ones have you read then?” I say, “I read Erica Jong!”
    She goes away for a minute
    And I slide up out of my chair
    I step outside back to the busy street but nobody’s going anywhere

    Well my heart’s in the Highlands with the horses and hounds
    Way up in the border country, far from the towns
    With the twang of the arrow and a snap of the bow
    My heart’s in the Highlands
    Can’t see any other way to go

    Every day is the same thing out the door
    Feel further away then ever before
    Some things in life, it gets too late to learn
    Well, I’m lost somewhere
    I must have made a few bad turns

    I see people in the park forgetting their troubles and woes
    They’re drinking and dancing, wearing bright-colored clothes
    All the young men with their young women looking so good
    Well, I’d trade places with any of them
    In a minute, if I could

    I’m crossing the street to get away from a mangy dog
    Talking to myself in a monologue
    I think what I need might be a full-length leather coat
    Somebody just asked me
    If I registered to vote

    The sun is beginning to shine on me
    But it’s not like the sun that used to be
    The party’s over and there’s less and less to say
    I got new eyes
    Everything looks far away

    Well, my heart’s in the Highlands at the break of day
    Over the hills and far away
    There’s a way to get there and I’ll figure it out somehow
    But I’m already there in my mind
    And that’s good enough for now

  5. Mein Punkt:
    Newman verhält sich zu Dylan wie Lichtenberg zu Kant.

    Und meine – rein persönliche – Bewertung: obwohl ich Kant und Dylan bewundere, liegen mir Lichtenberg und Newman um vieles näher, gerade von der Weltsicht her.

    • Balisto schreibt:

      Ist das nicht etwas hochgegriffen?

      • Naja, ich kann verstehen, wenn man Kant nicht auf eine Ebene mit Dylan heben will. Aber ich finde, die Transzendentalphilosophie ist nicht soweit von „Desolation Row“ entfernt. Aber es hinkt natürlich jeder Vergleich ein bisschen.

      • Und Newman führt ja z.B. in „Sail Away“ Lichtenbergs Aphorismus, „der Amerikaner, der den Kolumbus entdeckte, machte eine böse Entdeckung“, nur weiter.

      • Hofnarr schreibt:

        Hallo Clara, es gibt noch Tickets im Konzert von Randy Newman in Zürich auf allen Plätzen! Ich habe eben eines gekauft für am 20.3.2012, werde also auch dorthin fahren, weils nur gerade 1 Std Anfahrt per Auto für mich ist. Solltest Du auch gehen, würde es mich freuen, Dich dort zu treffen. Wäre ja spannend, wenn alle friedlichen Karin Koller-Blogger dort zusammen kämen, um sich mal persönlich kennen lernen zu können, aber bitte nur die friedlichen, keine gewaltätigen…

      • Ich bin leider 1000km von Zürich entfernt….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s