Diese Woche konsumiert: Goldman Sachs und Darth Vader

Greg Smith arbeitete 12 Jahre lang bei der Investmentbank Goldman Sachs. Direkt aus dem College ist er zu dieser Bank gekommen.  Damals vor 12 Jahren war alles gut, aber seitdem hat sich so viel geändert, dass er nicht mehr weitermachen kann. Sein Kündigungsschreiben veröffentlichte er in der New York Times http://www.nytimes.com/2012/03/14/opinion/why-i-am-leaving-goldman-sachs.html?pagewanted=1&_r=2.

Früher, so schreibt Smith drehte sich die Betriebskultur um „teamwork, integrity, a spirit of humility, and always doing right by our clients“, heute dreht sich alles nur noch ums Geld.  Jetzt hat er den Glauben an die Firma verloren.

Mei, liab, möchte man gleich rufen. Und: Ein aufrechter Mann, der mutig seine Meinung sagt, seine Karriere hintanstellt und seinen Überzeugungen treu bleibt.

Aber dann fällt einem ein, für wen dieser Mann 12 Jahre gearbeitet hat. Für Goldman Sachs, das seit beinahe hundert Jahren – und nicht erst seit 2 oder 3 Jahren – eine der größten und skrupellosesten Investmentbanken der Welt ist (http://www.rollingstone.com/politics/news/the-great-american-bubble-machine-20100405).

Bereits in den Zwanzigerjahren gab Goldman Sachs Aktien für 100$ das Stück aus, kaufte fast alle davon selbst am ersten Tag, verkaufte sie der Öffentlichkeit für 104$ und investierte das Geld in einen neuen Trust. Nach und nach baute man auf diese Weise eine Investitionspyramide auf. Diente das damals dem Wohle des Kunden oder nur der Geldmacherei? Spätestens Ende der Neunzigerjahre nahm Goldman Sachs die alten Praktiken wieder auf, diesmal mit der Internet-Blase. Das war vor mehr als 12 Jahren, also bevor Smith überhaupt für die Bank arbeitete. Während er dort arbeitete, spielte Goldman Sachs eine entscheidende Rolle in der Immobilienkrise, verkaufte faule Kredite als gute Investments an Versicherungen und Pensionsfonds und wettete dann noch dagegen. „It fucked the investors who bought their horseshit CDOs by betting against its own crappy product, then it turned around and fucked the taxpayer by making him pay off these same bets“. Danach war Goldman Sachs maßgeblich beteiligt an der Öl-Blase, am Bailout-Desaster und am Geschäft mit den CO2-Krediten.

Bis Roosevelt den Markt reguliert hat, konnten Banken solche Geschäfte machen. Vor 20 Jahren wurden die Regulative wieder abgebaut und solche Geschäfte wieder ermöglicht.

Smith wird nicht müde, über die sich in den letzten Jahren eingeschlichenen Geschäftspraktiken zu schreiben. Die Kunden werden als „Muppets“ bezeichnet. Wenn man genug Geld erwirtschaftet und nicht gerade ein „Axtmörder“ ist,  steigt man auf in der Firma. Früher war der Erfolg und das Wohlergehen der Kunden vorrangig, heute nur der Gewinn für Goldman Sachs. Selbst wenn man die Geschichte der Bank außer Acht lässt und Smith die besten Absichten einräumt, muss man sich doch fragen, wer diese Kunden waren und was sie mit ihren Investments gemacht haben.

Jede große Investmentbank betreut auf dem von Smith beschriebenen Niveau die Reichsten der Reichen. Auch wenn die Bank vorwiegend im Sinne der Kunden handelt, bedeutet das noch lange nicht, dass die Gelder ethisch einwandfrei angelegt werden, dass diese Investments nicht vielen Betrieben in der „Realwirtschaft“ immens schaden, dass unseriöse Wirtschaftszweige damit gestützt werden oder dass jemand hinterfragt, ob die Gelder legal und seriös erwirtschaftet wurden.

Diesen Aspekt des Investmentbankings schneidet Smith nicht einmal an. Offenbar ist er so systemblind geworden, dass ihm das nicht einmal auffällt, obwohl er sich offensichtlich als kritischen Geist sieht.

Das Problem ist nicht Goldman Sachs. Das Problem ist, dass politische Voraussetzungen geschaffen wurden, die unregulierte Geldmacherei ermöglicht und dass derzeit nach immer noch keine Anstalten getroffen werden, Regulative einzuführen. Den Kunden, die ihre Pensionsfonds verloren haben, ist die Einstellung einer Bank gegenüber ihren Großkunden völlig egal.

In seinen Brief flicht  Smith geschickt (wie er sicher meint) seinen Lebenslauf und seine persönlichen Leistungen (einschließlich einer Tennismedaille) in sein Schreiben ein.

Einen Weckruf will er machen, damit die Direktoren von Goldman Sachs den Kurs noch rechtzeitig ändern können und aus der Firma das freundliche Paradies machen, das sie einstmals (also vor weniger als 12 Jahren) war.

Warum tut er das? Weil sich Goldman Sachs innerhalb kürzester Zeit von einer seriösen Firma zu einer skrupellos unpersönlichen Geldmachermaschinerie entwickelt hat? Alle Tatsachen sprechen dagegen. Weil er verblendet war und ihm erst jetzt die Augen geöffnet wurden? Ich möchte dem Herrn nichts unterstellen, aber warum hat er dann seine Leistungen und seinen Werdegang derart hervorgestrichen, als schriebe er eine Bewerbung für einen neuen Job? Weil er sich bei einer anderen Bank einen besseren Job zu bekommen erhofft? Das wäre kein guter Schachzug, weil den Verräter liebt niemand und die Praktiken bei anderen nennenswerten Banken werden sich nicht signifikant von jenen von Goldman Sachs unterscheiden. Viel mehr Sinn ergäbe ein Karrierewechsel: Zuerst Autor eines bankenkritischen Bestsellers, dann Verkauf der Filmrechte und dann eine Karriere als Wirtschafts-Experte bei einem großen Fernsehsender. Die großen Probleme des Investmentbankings scheinen ihn nicht zu kümmern.

In dem oben zitierten Rolling Stone Artikel beschreibt Matt Taibbi Goldman Sachs als „the planet eating  Death Star of political influence“. Wie The Daily Mash schön persifliert hat (http://www.thedailymash.co.uk/news/society/why-i-am-leaving-the-empire%2c-by-darth-vader-201203145007/), liest sich Smiths Brief wie das Kündigungsschreiben von Darth Vader, der plötzlich sieht, dass das Empire nicht die nette Schule von Yoda ist.

Aber unabhängig von den Motivationen des Herrn Smith: Wird der Brief eine längst fällige kritische Debatte über Praktiken der globalen Großbanken und über die Notwendigkeit von Regulativen auslösen? Ich bezweifle das .

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Goldman Sachs und Darth Vader

  1. Hofnarr schreibt:

    Man weiss längst weltweit, wie die Banken weltweit mittels zurechtgeschneiderten Gesetzen über den Börsenmarkt zu immer mehr Geld kamen und noch heute kommen, auch ohne Smith, aber dieser Kerl wusste das auch schon längst, bevorer selber in diese lukrative Berufsbranche eingestiegen ist, sonst hätte er sich das Wissen und Können, gerade in dieser Branche viel Geld machen zu können, gar nie persönlich aneignen können! Und bleiben wir ehrlich sogar als Leute eben jener Finanzbranche: es ist nie der Kunde, dessen finanzielles Wohl zuerst ins Auge gefasst wird, nein, es ist stets prioritär das eigene Wohl des Finanzmaklers und Börsenmaklers und auch des Versicherungsbrokers, das beim Geschäften mit Kunden-Geld/Anlegen von Kundengeld massgeblich ist und erst sekundär dasjenige des Kunden, für den man investiert in der Finanz-Branche, ob nun Börsen-, Bank- oder Versicherungsgeschäfte mit dem Kunden getätigt werden sollen und es ist stets ein sehr massiver Druck seitens von Direktionen auf ihr handelstätigen Aussendienst-Leute, die im Marketing stehen, weil diese Direktionen auch noch ihr Fett abhaben wollen! Der Kerl hat den Druck seiner Vorgesetzten nicht mehr aushalten können und ihnen den Verdienst aus seiner Leistung nicht mehr gegönnt, nur das… aber könnte sich selbstständig machen, wenn er wirklich derart gut war in seiner Dienstleistung und seine persönlichen Kunden mitnehmen, sofern er derart beliebt war, wie er in Medien weismachen will. Einer meiner nahen Verwandten war schon mit 25 selbstständig und Mehrfachmillionär in eben dieser Branche, ausgebildet in eben diesem Sektor in einer der schweizweit grössten, international tätigen Banken der Schweiz, hat seine besten Kunden mitgenommen (nicht mehr als 50 wirklich betuchte Kunden) und verdient sich mit Börsenmaklerei für eben diese Kundschaft bis heute (schon über 45 Jahre alt) ein goldene Nase, die an Dagobert Duck heranreicht, ein rundherum verglastes 5-Millionen-Haus erstanden und mehrere Jahre mit der ersten Frau und Familie bewohnt inklusive mehrerer gleichzeitig benützter, zapfenteurer Fahrzeugen und heute schon wieder alles mit Gewinn abgestossen und verkauft mit dem Wechsel der Frau. Er sagt aber, ein guter Börsenmakler kann bis ins unendliche sehr, sehr lukrativ geschäften, solange diese Gesetze nicht geändert werden! Und natürlich dreht sich alles bloss ums Geld, wie könnte es anders sein in dieser Branche, auch eine Partnerschaft/Ehe, notabene oder deren Scheiterung! Es gibt sie aber, die Frauen, die sich trotz Geld wie Heu wieder von ihm abwenden, aus purer Langeweile, denn für die Frauen von ihm gibt’s nichts zu tun im Leben, nur sich ihm und seinen Wünschen und Ansprüchen jeder Art zur Verfügung halten…

  2. astridleregger schreibt:

    Das trifft den Nagel auf den Kopf. Den Verursachern der ganzen Scheisse und ihren Bütteln wie dem prächtigen Herrn Smith fehlt jedes Bewusstsein dafür, dass die vollkommen von jeder Produtktion oder jeder Realeirtschaft entfernten Spekulationswetten das Problem sind, und nicht, ob jetzt der saubere Anleger oder die Investmentbank den groesseren Teil des Gewinnes lukriert.

    • Hofnarr schreibt:

      Aber ich vermute, die heutigen Gesetzgebungen weltweit rund um die Börsengeschäftsthematik werden kaum wesentlich ändern, weil dort zahlungskräftige Geschäfte getätigt werden und das dort umfangreich erwirtschaftete Geld (sofern gewinnbringend investiert!) später wiederum in den weltweiten Umlauf gelangt, aber nur für jene, die was vom Börsengeschäft verstehen. Bei solchen erfolgreichen Börsen-Maklern bleiben natürlich die Kunden ohnehin, weil alle, also Kunde und Börsen-Makler/Bankhaus sehr grossen Gewinn machen, aber bei Versagern (wie ich vermute, dass auch obengenannter Herr einer war!) geschäften Gutbetuchte nur einmal und dann nie wieder… Gutbetuchte Insider des Börsengeschäftes könnten nämlich gänzlich selber ohne Zwischenhändler/Zwischenverdiener von Bank oder Finanz-Brokern investieren, sobald sie wissen, was Sache ist. Dies bringt den grössten Finanz-Gewinn, aber man muss was verstehen von der Wirtschaft und Zeit genug haben, täglich den Börsenmarkt mitzuverfolgen anstatt sich dem Nichtstun der Reichen lustvoll hinzugeben!

  3. johannamiller47 schreibt:

    Zum Verständnis der Intelligenz der politischen Entscheidungstraeger: Cameron will jetzt den Spitzensteuersatz senken.

  4. lisamertens schreibt:

    Hier in den USA wird Mr. Smith als Held gefeiert, und keiner stellt die Fragen, die du aufwirfst. Bitter.

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