Mutter/Tochter = Tochter/Mutter

Für die Erziehung meiner Kinder hatte (und habe) ich bestimmte Vorstellungen. Ich möchte gerne Kinder haben, die eigenständig denken, freundlich und hilfsbereit sind. Sie sollten lernen, selbst zu merken, was für sie richtig und notwendig ist, und dementsprechend handeln. Auch sollten sie wissen, wann sie sich wie benehmen sollten.

Das sind jetzt nicht übertriebene Vorgaben, finde ich. Manches mutet altmodisch an. Ich weiß, dass Erziehung flexibel sein muss, wenn sie funktionieren soll und dass individuelles Eingehen auf die Kinder und die eigene Vorbildwirkung mehr wert sind als alle allgemeinen Ermahnungen.

Starre Verhaltensmuster bringen niemanden weiter bei der Kindererziehung, weder mich noch meine Kinder, und dennoch zementieren sie sich immer wieder ein. Zum Beispiel beim Essen.

Katharina war, als sie krank war, bis auf die Knochen abgemagert. Auch jetzt ist sie noch dünn, aber nicht besorgniserregend mager. Sie isst nicht besonders viel und hat sich während ihrer Krankheit angewöhnt, vorwiegend kleine Häppchen außerhalb der gemeinsamen Mahlzeiten zu essen. Damals waren wir froh, dass sie überhaupt isst. Heute müssen wir sie dazu bringen, wie alle anderen zu essen.

Oft kommt es vor, dass sie nur in ihrem Essen herumstochert und nach ein paar Bissen sagt, sie sei satt. Weil es fast immer passend war, habe ich mir angewöhnt, gleich zu Beginn des Essens zu sagen: „Iss jetzt ordentlich“ oder „Du musst essen, wenn du groß und stark werden willst.“

Wohl mit der insgeheimen Hoffnung, meine Ermunterung würde zielführend sein. Diese Worte kamen mir ganz automatisch über die Lippen. Kindern muss man schließlich sagen, was sie tun sollen, darüber denkt man nicht nach, das kommt ganz von selbst.

Doch irgendwann habe ich dann doch nachgedacht und die Sinnhaftigkeit meines Handelns hinterfragt. Wie würde ich reagieren, wenn meine Mutter mich schon vor dem ersten Bissen ermahnte, bevor sie noch wissen konnte, ob ich essen würde? Ich würde aus Protest über so eine Frechheit sofort aufhören zu essen. Mir würde der Appetit vergehen, weil sie gar nicht auf mich achtete und stattdessen das sagte, was sie immer sagt und worauf ich schon lange nicht mehr hörte. Sofort würde ich einen Streit anfangen.

Wenn jemand anderer so etwas macht, dann sieht man so sonnenklar, warum das falsch ist und warum es genau den gegenteiligen Effekt des Bezweckten haben muss. Das eigene Handeln kommt einem immer ganz normal vor.

Nun versuche ich, Katharina beim Essen zu beobachten und ganz still zu sein, wenn sie halbwegs normal isst. Sie soll schließlich selbst erkennen lernen, wann sie hungrig ist und wann satt.

Stochert sie nur in ihrem Essen herum, probiere ich es zuerst mit spielerischen Anreizen, um sie zum Essen zu bringen. Ermahnen möchte ich sie nur als letzten Ausweg. Aber das ist schwer, weil ich mich an das Ermahnen gewöhnt habe.

Ich bin da nicht die Einzige. Wenn ich andere Mütter mit ihren Kindern beobachte, kommt es häufig vor, dass sie ganz automatisch immer und immer wieder das selbe einmahnen, ohne auch nur darauf zu achten, ob das Kind es tatsächlich falsch macht, einfach nur aus reiner Gewohnheit. Umgekehrt fangen dieselben Frauen mit ihren Müttern die seit Jahren vorprogrammierten Streits immer wieder von Neuem an.

Genau wie ich.

Ich versuche mich zusammenzureißen, meine Situation als Mutter mit meiner Situation als Tochter zu vergleichen und so zu handeln, wie ich es mir von meiner eigenen Mutter wünschen würde.

Aber es gelingt längst nicht immer.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Tag für Tag abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

20 Antworten zu Mutter/Tochter = Tochter/Mutter

  1. atheologie schreibt:

    Schöner Beitrag. Wenn ich denn mal Vater bin, hoffe ich, daß ich genauso verständnisvoll sein werde! Konnte gerade letztens, in einem anderen Zusammenhang, ein Negativbeispiel beobachten (Androhen von Schlägen mit den Worten „nicht durch den Rasen rennen, da könnte ja Hundekacke sein“).

    • Karin Koller schreibt:

      Danke. Mein Problem ist nur, dass sich das Verständnis meistens erst nach einigen Fehlversuchen einstellt und danach auch nicht immer rational angewandt werden kann.

      • atheologie schreibt:

        Nach meiner bescheidenen Erfahrungen: Menschen sind eben einfach so – sie machen Fehler, sind manchmal, anscheinend, irrational – und handeln dabei doch immer aus bestimmten Gründen, die vielleicht nur nicht sichtbar sind. Jeder Mensch möchte erstmal „das richtige tun“. Wichtig ist, darüber zu wissen und zu versuchen, es in den eigenen, zukünftigen Handlungen zu berücksichtigen.

  2. Ja, Selbstreflexion ist der erste Schritt zur Fehlervermeidung. Aber dennoch, ich mache dann im Kampf Ich gegen Mich trotzdem die Erfahrung, dass ich trotz aller Erkenntnis unterliege. Beruhigend, dass es anderen auch nicht anders geht.

  3. miriambrenner schreibt:

    Ich beobachte das bei mir auch ähnlich. Aber weshalb ist das frauenspezifisch? Hat jemand dafür eine Erklärung? (Mein Mann streitet nie mit seinem Vater, beispielsweise)

    • Vielleicht, dass die meisten Vater/Sohn-Verhältnisse weniger emotional sind?

      • atheologie schreibt:

        Das ist, bei allem Respekt, ein ziemliches Vorurteil. Wieso sollten Väter ihre Söhne oder Söhne ihre Väter weniger lieben?

      • Karin Koller schreibt:

        Da geht es, glaube ich, nicht um weniger Lieben, es geht eher darum, dass die Beziehung weniger emotional ist, weil nicht jeder Schmarren gleich hochkocht wie bei Mütter/Töchter-Beziehungen. Warum das so ist, weiß ich auch nicht, vielleicht begründet im traditionellen Rollenbild, in dem die Frau die Kinder erzieht und es gewohnt ist, ihnen ständig zu sagen, was sie tun sollen, und der Mann zu einer gewissen Distanz fähig ist.

      • astridleregger schreibt:

        Ich glaube aus meinen eigenen Erfahrungen, dass man sich selbst in seiner Tochter sieht, sich in ihre Situation sehr viel besser einzufühlen vermeint, zu wissen glaubt, welche Fehler man in der gleichen Situation gemacht hat, und deshalb sehr viel geneigter ist, einzugreifen als bei Söhnen.

  4. atheologie schreibt:

    Hallo Astrid, hast Du einen direkten Vergleich – behandelst Du Deinen Sohn anders als Deine Tochter?

    • astridleregger schreibt:

      Wenn ich ehrlich bin, ja.

    • Hofnarr schreibt:

      Jedes Kind wird anders behandelt als das andere innerhalb der gleichen Familie, unabhängig davon, ob’s ein anderes Geschlecht hat oder nicht… Schliesslich ist jedes Kind ein Individuum und hat auch individuelle Möglichkeiten zu agieren. Gleiches erträgt damit ein feinfühligeres, introvertierteres Kind wesentlich anders als eines, das vom Charakter her extrovertiert und durchsetzungsstark ist. Solche Unterschiede gibt’s aber durchaus innerhalb der gleichen Familie bei Kindern ab Geburt, auch wenn der gleiche Vater und die gleiche Mutter in vollkommen ruhigen Familienverhältnissen in etwa die gleichen Voraussetzungen schaffen für alle ihre Kinder.

      Und man selber als Erziehende entwickelt sich auch weiter, da man mit dem ersten Kind zum ersten Mal Erfahrungen im Umgang mit ihm in der der Erziehung macht, danach ist’s allenfalls eine Wiederholung oder vergleichbar mit Gehabtem.

      Und schliesslich wiederum ist das erste zuerst allein, aber die Nachfolgenden erhalten auch die Einflussnahme durch das Erste usw., ob nun gut oder schlecht, aber man bezieht so oder so alle älteren Kinder und deren Reaktionen im Umgang mit den Nächsten in jede Handlung mit ein…

      Die Rollenverteilung innerhalb der Familie spielt demnach wesentlich in die Erziehung mit rein, aber in der Pubertät kämpfen Töchter mit ihren Müttern wesentlich härter und unnachgiebiger als mit ihren Vätern, weil Mütter eine Konkurenz darstellen, während Väter zu möglichen Verbündeten werden. Umgekehrt kämpfen Söhne mit ihren Vätern im Allgemeinen anders in der Pubertät, als sie mit ihren Müttern umgehen.

      Es kann daher nicht sein, dass man die Kinder gleich behandelt, selbst wenn man es will…

  5. alicedelrosario schreibt:

    We go ‚round and ‚round in the Circle Game…..

  6. Peronäus schreibt:

    Nach Einstein ist Dummheit, wenn man immer wieder das Gleiche macht und jeweils ein anderes Ergebnis erwartet. Gibt Ihnen das nicht zu denken?

    • Karin Koller schreibt:

      Ich mache zwar das Gleiche, versuche das aber zu ändern, sobald ich es merke. Ich glaube, hier ist wohl eher Eric Kandel zuständig als Einstein. Überall passt der auch nicht. Sie haben wohl keine Kinder?

    • Hofnarr schreibt:

      Peronäus, kennen Sie Athenaeum persönlich? Oder wie kommt es, dass Sie beide da solche griechisch-orthodoxe Namen als Nicknamen verwendet?! Was bedeutet Peronäus oder warum verwenden Sie gerade diesen Namen?!

  7. Pingback: Mailbox: Baby und Kind: Babyratgeber | Karin Koller

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s