Femme Fatale

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – Ein Erwachsenwerden, Teil 5

Gegen Mitternacht fragte ich, ob wir und nicht langsam einen Platz zum schlafen suchen sollten.

„Das wäre schon gut, aber ich hab keine Ahnung, ob es hier Hotels gibt“, meinte Michael.

Plötzlich hatte ich eine Idee, mit der ich als unauffällig unaufdringliche Verführerin auftreten und dabei noch cool wirken konnte, als wären mir spießige Konventionen völlig fremd: „Wieso fahren wir nicht von Autobahn ab und suchen uns eine nette Wiese zum schlafen. Du hast doch deinen Schlafsack mit?“ Denn ich brauchte doch kein Bett. Ich doch nicht. Wer will schon ein Bett, wenn er den Sternenhimmel haben konnte, redete ich mir ein.

„Ach ich weiß nicht…“

„Komm schon, das ist sicherlich ein Spaß, schau dir den Sternenhimmel an.“

Etwas zögerlich willigte er ein. Wir fuhren von der Autobahn ab und kamen zu einem kleinen Dorf. Von dort fuhren wir auf einen Hügel und fanden eine einsame Wiese am Waldrand. Das war genau das richtige, um meinen neuen Masterplan ins Rollen zu bringen.

Wir packten die Schlafsäcke aus, legten uns nebeneinander auf die Wiese, plauderten noch ein wenig und wünschten uns eine gute Nacht. Etwas später ließ ich dann meine Verführungskünste spielen. „Mir ist kalt“, sagte ich in der Hoffnung, Michael würde mich sich an mich kuscheln, mir mit seinem Körper Wärme spenden. Schon hörte ich seinen Schlafsack rascheln. In der Vorfreude schloss ich die Augen, es hatte also funktioniert, war doch gar nicht so schwer, Körperkontakt herzustellen. Da spürte ich, wie etwas Weiches auf meinen Kopf fiel. Er hatte sich tatsächlich seinen Pullover ausgezogen und zu mir herübergeworfen, um mich zu wärmen. Jetzt musste ich mir etwas Neues einfallen lassen, da mein wunderbarer Plan so kläglich gescheitert war. Welcher Mann hätte denn nicht gleich die Absicht hinter meinem Handeln durchschaut, hätte nicht gleich versucht, auf Tuchfühlung zu gehen? Michael, offensichtlich.

Zum Glück knackte im Wald ein Ast. „Was war das?“

„Gar nichts“, beruhigte mich Michael, „schlaf ruhig weiter.“

„Da war es noch einmal. Vielleicht gibt es hier Wölfe oder wildgewordene Kühe.“

„Sicher nicht, schlaf schön.“

„Ich hab aber Angst“, sagte ich, denn jetzt würde er bestimmt herkommen, mich beschützend in den Arm nehmen und alles würde gut werden.

Aber nicht Michael. „Wenn du Angst hast, leg dich im Auto auf den Rücksitz. Ich bin eh nicht so müde und kann noch ein Stück weiterfahren.“

Bitter enttäuscht rollte ich meinen Schlafsack ein und legte mich ins Auto. Nicht nur war mein Plan gescheitert, Michael musste mich sicherlich auch noch für eine weinerliche Memme halten, die nur groß daherredet und gar keinen Mumm hat. Toller Start. Zerknirscht schlief ich ein.

Als ich aufwachte, sah die Landschaft schon sehr südländisch aus. „Hallo. Wo sind wir?“

„Guten Morgen, wir sind bald in Nîmes. In ein, zwei Stunden sind wir in Montpellier.“ Claudia studierte in Montpellier, dort wollten wir hin.

„Bist du etwa die ganze Nacht durchgefahren?“ fragte ich ungläubig.

„Ja, dann haben wir es hinter uns.“

Er war tatsächlich die ganze Nacht gefahren. Wahrscheinlich hatte er das nur gemacht, weil er nicht mehr mit so einer langweiligen Memme wie mir, die nicht einmal etwas von Musik verstand, im Auto fahren wollte. In Montpellier würden wir Claudia treffen, da würden dann meine Chancen schrumpfen und Michael hatte ein wenig Abwechslung von mir.

In Montpellier mieteten wir uns in eine billige Kaschemme ein. Natürlich nahmen wir ein Doppelzimmer, denn zwei Zimmer wären viel zu teuer gewesen. Michael wollte nach der anstrengenden Fahrt nur noch schlafen. Ich setzte mich neben ihn auf das Bett, denn eine andere Sitzgelegenheit gab es nicht, und las.

„Liest du mir ein bisschen vor, dass ich einschlafen kann?“ murmelte Michael mit geschlossenen Augen.

Das Buch in dem ich gerade las, war ein Kurzgeschichtenband von Italo Calvino. Ich las Michael eine Geschichte vor, in der ein Mann beschlossen hatte, immer zu schweigen, wenn er nichts zu sagen hatte, denn es wurde ohnehin andauernd viel zu viel unnötiges Zeug geredet. Dies führte dazu, dass der Mann oft wochenlang nichts mehr sagte und ganz zufrieden damit war, die Welt nicht mehr mit so viel Wortmüll zu belasten. Gleichzeitig musste der Mann sich auch überlegen, wann das Schweigen sinnvoll war, und wann es nur zu einem Wortschwall anderer führte, was er unbedingt vermeiden wollte.

Als ich fertig gelesen hatte, sah mich Michael mit einem merkwürdigen Blick an, sagte: „So eine schöne Geschichte“, und schlief ein.

Ja! Ich war einen Schritt weiter! Den Blick von Michael konnte man durchaus als Blick der Zuneigung interpretieren. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass er mich auch mochte. Ich war auf dem richtigen Weg. Ein paar Geschichten noch, vielleicht ein wenig weibliche List, sofern ich diese besser anwenden konnte als beim gescheiterten Campingversuch, und Michael würde mir mit Haut und Haaren verfallen sein. Sicherlich.

Abends trafen wir Claudia in einer kleinen Bar. Als sie hereinkam, erkannte ich sie kaum wieder. Seit einigen Monaten hatte ich sie nicht mehr gesehen. Sie hatte sich völlig verändert. Früher war sie auch so ein einfallsloser Jeans und T-Shirt Typ wie ich. Nun hatte sie zwar immer noch Jeans an, darüber aber ein hautenges schwarzes Top und eine schwarze Lederjacke. Am Kopf schlappte ihr ein dunkelblau-schwarz gestreifter Samthut, obwohl es immer noch fast dreißig Grad hatte. Einen Farbtupfer hatte sie ihrem Outfit auch noch verliehen, in Form einer Kette, die fast ihr bis zum Bauch hing. Diese Kette hatte einen höchst merkwürdigen Anhänger. Der war eine runde Scheibe aus Plastik oder Leder, aus der ein dichtes Büschel pink gefärbter Haare herausquoll. Dieser Schmuck erinnerte mich an diese Waldgeisterpuppen aus Plastik, mit denen ich als Kind manchmal gespielt hatte, nur war eben der Rest der Puppe nicht mehr da. Es sah fast so aus, als wäre Claudia losgezogen, hätte Kinderspielzeug entführt und in grausamer Weise samt der Schädeldecke skalpiert. Claudia sah aus wie eine Mischung aus Rockerbraut, Althippie und Voodoo-Queen. Ich war mir nicht ganz sicher, ob dieser Stilmix zu ihr passte, aber uninteressant war er sicher nicht. Unwillkürlich musste ich an meinem schon etwas aus der Form gekommenen T-Shirt heruntersehen und mich fragen, ob es nicht besser wäre, in einer kontroversiellen Mischung aus bunt zusammengewürfelten Kleidungsstücken herumzulaufen, als in derart langweiliger Manier, wie ich es tat, bei der jeder Kommentar vergeudet wäre.

„Ja, hallo. Super, dass ihr mich besucht‘s! Wann seid ihr angekommen? Wie war die Fahrt? Wie lange habt ihr gebraucht?“

„Hallo, Claudia, das ist Michael.“

Michael starrte Claudia mit großen Augen an. Sie schüttelten sich die Hände, das Begrüßungsküsschen ging bei denen ganz leicht, ohne Pannen.

„Du hast dich ja ganz schön verändert.“ Irgendetwas musste ich ja sagen. Den Skalp zu erwähnen traute ich mich nicht, aus Angst, Claudia würde zu langen esoterischen Erklärungen über dessen Bedeutung ausholen und damit Michael verschrecken.

„Ja, klasse, was. Ich wollte mal was anderes probieren.“ Claudia drehte sich einmal um sich selbst, damit wir das volle Ausmaß ihres neuen Stils bewundern konnten.

Als sie sich zu uns setzte, trat anfangs eine merkwürdige Stille ein, wie es manchmal passiert, wenn sich Leute unterhalten sollen, die von gemeinsamen Bekannten zusammengebracht wurden und sonst gar nicht zueinander passten. Das Gespräch begann zögerlich, verlief schleppend, obwohl ich alles versuchte, um die gespannte Atmosphäre aufzulockern. Die Späße, die ich machte, gefielen entweder Claudia oder Michael, manchmal auch beiden, nicht. Wieder ertappte ich mich dabei, dass ich nervös wurde und dabei blöde grinste.

Dann nahm Claudia selbst die Auflockerungsaufgabe in die Hand und sagte: „Nach dem Bier muss ich euch unbedingt ein Lokal hier zeigen. Das ist so super, die spielen dort Industrial und so Zeug.“

Da horchte Michael, der schon einige Zeit eher gelangweilt an seinem Bier genuckelt hatte, auf. „Du magst Industrial?“, fragte er ungläubig.

„Ja. Nine Inch Nails oder Einstürzende Neubauten finde ich echt gut. Wieso?“

„Einstürzende Neubauten sind doch der reinste Kunstgewerbekitsch, die lassen doch nur heraushängen, dass Kunst von Können kommt. Nine Inch Nails hat wenigstens in den besten Momenten etwas Punkiges an sich, etwas, das zumindest aus dem Bauch heraus kommt, ist aber viel zu strukturiert, um revolutionär oder gar anarchisch sein zu können.“

„Ich finde das gar nicht so kunstgewerblich strukturiert“, Claudia wurde in die Ecke gedrängt, und das mochte sie gar nicht, „Außerdem muss Musik überhaupt nicht anarchistisch sein. Das ist doch kompletter Schwachsinn.“

Da hatten sich zwei Musikbegeisterte gefunden. Lange stritten sie sich über Industrial, strukturierte und anarchische Musik und ähnliches. Ich konnte nicht mitreden, denn ich hatte keine Ahnung wovon sie sprachen. Michael und Claudia schienen gar nicht zu merken, dass ich schon seit ewigen Zeiten kein Wort mehr gesagt hatte, oder es war ihnen in ihrer hitzigen Diskussion völlig gleichgültig. Dabei war ich es doch, die beeindrucken wollte mit intellektuellen oder witzigen Streitgesprächen, oder mit beidem im besten Fall.

Doch Michael hatte wohl völlig vergessen, dass ich auch noch da war. Er hatte nur noch Augen für Claudia, zumal sie sich mittlerweile darauf geeinigt hatten, dass Sonic Youth eine der besten Bands der letzten Jahre war. Ihr Streit war zu einer gemeinsamen Schwärmerei geworden, die auf mich schon fast wie tiefe Innigkeit wirkte.

Ich fühlte mich ausgeschlossen und deprimiert. Meine Theorie von der vermeintlichen Zuneigung von Michael war wohl völliger Humbug gewesen, denn entweder konnte er mit fast jedem sehr erhitzt und innig reden, oder aber ihm gefiel Claudia sehr gut. Die wusste wenigstens etwas über Musik und, obwohl man vermutlich darüber streiten konnte, ob sie besonders geschmackvoll gekleidet war, sah sie zumindest interessant aus.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Femme Fatale

  1. alicedelrosario schreibt:

    Deine Fortsetzungsgeschichte gehört schon zu meinem Samstagvormittagsritual. Espresso, Brioche und dann lesen. Hoffentlich kommen noch many happy returns.

  2. katharinapleberger schreibt:

    Schöne Geschichte, aber ungerecht Zu den Nine Inch Nails

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