Fisherman’s Friend

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten –  Ein Erwachsenwerden, Teil 6

In der Bar, in die uns Claudia dann schleppte, hingen lauter Leute herum, die ähnlich skurril aussahen wie sie selbst. Die Musik war laut, ich fand sie schrecklich. Der einzige Lichtblick für mich war, dass Michael nicht so aussah, als würde es ihm gefallen. Er wirkte plötzlich müde und lustlos. Das verringerte ein wenig meine Eifersucht auf Claudia.

Als er auf die Toilette ging, erzählte ich Claudia von meinem Vorhaben, Michael zu erobern. Claudia, die Clemens nie besonders gemocht hatte, war gleich von der Idee begeistert: „Das ist ein supernetter Typ, der passt sicher ganz prima zu dir.“

„Bis jetzt sieht es aber nicht so aus, als würde irgendwas weitergehen in der Sache.“

Claudia machte eine wegwerfende Handbewegung: „Lass halt ein bissel deinen Charme spielen, dann wird das schon. Wirst sehen. Jedenfalls wünsche ich dir viel Glück, bei Clemens bist du ja schon ganz verkümmert.“

„Hoffentlich“ konnte ich Claudia gerade noch ins Ohr schreien, denn Michael kam schon wieder zurück. Claudia warf mir einen sehr verschmitzten Blick zu, der Michael ein wenig zu verwundern schien. Kurz danach gingen wir ins Hotel zurück.

In den nächsten Tagen verbesserte sich meine Situation nicht. Tagsüber, wenn ich allein mit Michael war, konnte ich wunderbar mit ihm reden. Manchmal hatte ich gar das Gefühl, dass wir uns richtig anfreundeten. Einmal hatte ich, als ich Michael eine Geschichte vorlas, wie zufällig meinen Kopf an seine Schulter gelehnt. Das war ein tolles Gefühl. Michael zog seine Schulter nicht weg. Aber er machte nicht den Eindruck, irgendeinen Lustgewinn daraus zu ziehen, es war eher so, als ob er sich wohlfühlte mit mir auf eine freundschaftlich kumpelhafte Weise. Sobald wir jedoch Claudia abends trafen, wurde die heiße Musikdiskussion fortgesetzt und ich zum Schweigen verurteilt, was die beiden aber wieder nicht zu bemerken schienen.

Ich hatte das Gefühl, keinen Zentimeter weitergekommen zu sein mit meinem Plan, Michael zu erobern. Der schien nicht einmal annähernd zu bemerken, was ich mit ihm vorhatte, schien sich wieder stärker für Claudia zu interessieren als für mich. Claudia war mir auch keine große Hilfe, denn sie war zu absorbiert in die Streitgespräche, um daran zu denken, dass sie mich wenigstens manchmal durch einen Themenwechsel in ein etwas vorteilhafteres Licht setzen könnte.

Als ich so stumm vor mich hin sinnierte, anstatt der Diskussion zu folgen, beschloss ich nochmals eine weibliche List auszuprobieren, bei der sich zumindest zeigen sollte, ob Michael irgendein Interesse an mir hatte.

„Ich habe solche Kopfschmerzen. Ich glaube, ich gehe ins Hotel zurück“, sagte ich in der Hoffnung, Michael würde mitkommen, weil er lieber mit mir zusammen war, als mit Claudia zu diskutieren.

Doch Michael sagte gar nichts. Claudia war es, die sofort sagte: „Sei doch nicht fad.“

„Mir geht es echt nicht gut. Ihr könnt ja gerne noch bleiben.“ Nun würde Michael sicherlich aufspringen und mich zum Hotel begleiten.

Was tat Michael? Er gab mir den Schlüssel, wünschte mir: „Gute Besserung, schlaf dich aus, wenn es dir schlecht geht“, und schickte mich tatsächlich alleine los.

Niedergeschlagen ging ich durch die dunklen Straßen. Nun konnte ich wohl alle Hoffnungen ziehen lassen. Nicht mal wenn ich krank und siech war, wollte Michael mir zur Seite stehen. Er schickte mich lieber allein und mit Schmerzen durch eine fremde Stadt, um mehr Zeit mit Claudia verbringen zu können. Deutlicher kann man wohl völliges Desinteresse nicht ausdrücken. Es war ihm gleichgültig, ob ich in meiner Krankheit auf der Straße zusammenbrach, unbeachtet liegenblieb und langsam von Kanalratten zerfressen wurde.

Im Hotelzimmer legte ich mich gleich ins Bett und fühlte mich lausig. Fast eine Woche war vergangen und ich hatte es nicht einmal ansatzweise geschafft, Michael auch nur im Geringsten in irgendeiner erotischen Manier auf mich aufmerksam zu machen. Dabei wurde ich von Tag zu Tag sicherer, dass Michael und nur Michael der Mann war, den ich haben wollte. Mich auf ein Leben in Einsamkeit einstellend schlief ich ein.

Um zwei Uhr morgens wurde ich geweckt, als Michael zurückkam und über die im Zimmer verstreuten Rucksäcke stolperte. Stundenlang hatte er sich mit Claudia herumgetrieben. Ich knipste die Nachttischlampe ein, „Hallo, hattest du einen schönen Abend?“

„Ging so. Ist dein Kopfweh besser?“

„Geht so.“

Ging so, hatte Michael gesagt, das konnte doch nur bedeuten, dass er vielleicht gar nicht so viel Spaß mit Claudia gehabt hatte, wie ich befürchtet hatte.

Michael legte sich aufs Bett und machte das Licht aus. So gerne hätte ich noch ein wenig mit ihm geplaudert, aber ich merkte, dass ich einen schalen Geschmack im Mund hatte, da ich in meinem Kummer vergessen hatte, mir die Zähne zu putzen. Man konnte doch nicht seinen Angebeteten für sich einnehmen, wenn man aus dem Maul stank wie ein abgestandener Aschenbecher.

Da fielen mir die Minzbonbons ein, die ich mitgebracht hatte und die noch irgendwo in meinem Rucksack sein mussten. Ich stand im Dunklen auf, „Ich noch ein bissel Hunger. Ich glaube in meinem Rucksack sind noch Zuckerl, magst du auch eins?“

„Ja, das wäre jetzt richtig gut“, meinte Michael, während ich in meinem Rucksack kramte. Die Bonbons mussten wohl aus ihrem Sack gefallen sein, denn ich fand nur die Packung mit einem Bonbon, die anderen waren trotz Wühlen unauffindbar. Da kam mir wieder eine Idee. Die Idee der letzten weiblichen List, die ich an Michael anwenden wollte. Nachdem die anderen beiden so kläglich gescheitert waren, hatte ich schon gemerkt, dass ich nicht der Typ für solche Perfidien war. Aber ein einziges Mal musste ich es noch versuchen, diesmal auf diese explizit plumpe Art, sonst würde ich mir sicher nie verzeihen können, ganz einfach sang- und klanglos aufgegeben zu haben. Wenn dieser Plan scheitern sollte, würde ich aufhören, mir Hoffnungen auf Michael zu machen. Sicherlich.

„Da ist nur noch ein Zuckerl übrig. Sollen wir uns das teilen?“

Zu meiner Überraschung sagte Michael, der Michael, der vorher niemals irgendetwas auch nur annähernd frivoles mir gegenüber versucht hatte, bei dem ich dachte, dass er wegen seiner Freundschaft zu Clemens oder aber wegen meines eher glücklosen Auftretens ihm gegenüber auch nicht im geringsten die Absicht hatte, sich mir in erotischer Weise zu nähern: „Ich hätte gerne ein Zuckerl. Wenn es dein letztes ist, teilen wir das halt.“

Oder hatte er gedacht, ich würde das Bonbon auseinanderbrechen und ihm die Hälfte geben? Zum Glück war es eines dieser harten Zuckerwerke, die bei Zerbeißversuchen auch die gesündesten Zähne zum Zersplittern bringen konnten. Deshalb stopfte ich es mir schnell in den Mund, in der Gewissheit, bei einem weiteren Scheitern meiner doch nicht so ausgefeilten Verführungskünste immer noch in aller Unschuld meine Zahngesundheit als einzige Motivation für mein unziemliches Verhalten ins Spiel bringen zu können.

Langsam ging ich zum Bett zurück, ich musste doch ein wenig Zeit haben, um die Schalheit aus meinem Mund zu vertreiben und um mir ein wenig Mut zu machen für mein Vorhaben. So aktiv hatte ich noch nie versucht, einen Mann zum ersten Mal zu küssen, das hatte sich immer von selbst ergeben. Immer war es bisher so gewesen, dass ich den starken Willen, mich zu küssen, gespürt hatte und nicht ganz allein die Initiative ergreifen musste, ohne zu wissen, ob das Küssen auf Begeisterung stoßen würde.

Im Bett legte ich mich zu Michael und schob ihm ganz vorsichtig das Bonbon in den Mund. Unsere Lippen berührten sich nur für einen Augenblick. Er sagte nichts. Es schien, als wäre er nicht abgeneigt, bei diesem Spiel mitzuspielen, was mich nach meinen bisherigen Schlappen ein wenig erstaunte.

Nach einigen Augenblicken sagte ich: „Gib’s mir wieder“, und beugte mich zu ihm.

Michael gab mir das Zuckerl gleich zurück, wie ich es ihm zuvor gegeben hatte. Er machte immer noch keine Anstalten, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Mittlerweile musste er doch gemerkt haben, was ich von ihm wollte. Warum also gab er mir keinen Kuss? Glaubte er etwa, ich würde ihn einfach so, ohne jeden Hintergedanken, wirklich nur dazu einladen, ein Bonbon mit mir zu teilen, ganz in Blumenkindermanier? Doch gerade die waren doch der freien Liebe nicht abgeneigt. Vielleicht hatte er genau begriffen, was ich vorhatte, war aber zu schüchtern oder noch zu unentschlossen, selbst das Spiel weiterzutreiben, und wartete lieber ab, was ich machen würde. Das war wohl meine Chance. Jetzt oder nie, sagte ich mir, jetzt würde sich entscheiden, ob meine Femme fatale Phantasien etwas getaugt hatten, ob ich nun meine Zukunft selbst bestimmen konnte.

Als er das Bonbon zurückverlangte, schob ich es unter meine Zunge, „Hol’s dir.“

Er fing an mit seiner Zunge das Bonbon zu suchen. Das wirkte weniger wie ein Kuss, sondern mehr wie eine ernstgemeinte Rückholaktion. Immerhin war es ein Anfang.

„Wo ist es denn. Ich kann es nicht finden.“

„Sei doch nicht blöd, darum geht es doch gar nicht.“

Er biss mich sanft in die Lippe, „Worum geht es dann?“

„Ach sei einfach still“, ich schob ihm wieder das Bonbon in den Mund.

Wir küssten uns fast die ganze Nacht lang, zuerst gierig und dann immer zufriedener. Es hatte funktioniert, mein Plan hatte tatsächlich funktioniert. Michael mochte mich, fand mich zumindest küssenswert. Und es war so schön. Ich schwebte im siebten Himmel. Nun würde alles gut werden. Den Mann meiner Träume würde ich nie mehr loslassen. Sicherlich nicht.

Arm in Arm schliefen wir ein.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Fortsetzungsgeschichte abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Fisherman’s Friend

  1. berniebr schreibt:

    Beruhigend zu hören, dass sogar Leute, die so klug und schön wie du sind, in Liebesdingen unsicher werden.

  2. ninabritton schreibt:

    Wundervoll

  3. katjamayer schreibt:

    Wofür Bonbons gut sein können…..

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s