Bad Hair Day

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten –  Ein Erwachsenwerden, Teil 7

„Ich muss zum Friseur.“

„Dann geh‘ doch.“

„Ich mag aber nicht.“

„Dann geh‘ nicht.“

So einfach war Michaels Logik, aber so einfach war die Welt des Haareschneidens für mich nicht. Michael und ich waren in unserer winterkalten Wohnung. Er saß mit Pullover und Jogginghose im Bett, die Decke bis zum Kinn hinaufgezogen. Ich lag auf dem Nachtspeicherofen. Dieser Ofen war zwar groß wie eine Truhe, konnte aber unser Wohnzimmer nicht über 15°C erwärmen.

Eigentlich wollte ich ja lernen, aber ich musste mich ständig spanferkelhaft auf dem Ofen wenden, um Verbrennungen zu vermeiden. Deshalb war ich abgelenkt und betrachtete meine Haarspitzen. Seit einiger Zeit war ich schon nicht mehr beim Friseur gewesen und deshalb hatte sich Spliss gebildet. Die Shampoo-Firmen warnten in der Werbung immer eindringlich vor dieser seuchenartig fortschreitenden Spaltung der Haarenden, die zum Tod jeder Frisur führen konnte. Wurde das falsche Pflegemittel verwendet, blieb nur noch die Schere. Natürlich hatte ich nicht das richtige Shampoo, wer fällt denn schon auf die Werbefritzen rein. Und nun sahen die Enden meiner Haare aus wie Schlangenzungen, die Schere musste her.

Zum Friseur wollte ich aber absolut nicht. Ich hasste Friseurbesuche. Für Männer war das einfach. Die gingen lediglich zu ihrem Haareschneider. Der tat, was ihm aufgetragen wurde. Nach wenigen Minuten konnten Männer verschönt und kaum ärmer gemacht wieder ihrer Wege gehen. Für uns Frauen war das immer anders. Ich geriet nie an gemeine, dienstleistende Haareschneider sondern immer an sich als Künstler betrachtende Frisurstylisten. Niemals machten sie einfach was ich ihnen sagte, sondern ließen ihrer Kreativität ungebeten freien Lauf. Dies begann schon mit elendslangem Herumgezupfe an den Haaren. Dabei schürzten sie gerne ihre Lippen, gaben kunstvoll intonierte Schmatzlaute von sich und machten abschätzige Bemerkungen über meinen Haarstatus. „Nun ist es aber allerhöchste Zeit, dass Sie zu mir kommen“, oder mit einem Naserümpfen „Sie haben ja gleichzeitig Schuppen und fettiges Haar.“ Immer gaben sie mir das Gefühl, als hätte ich mich aus den Haarslums, der zwielichtigen Schuppenunterwelt, in die Stylingtempel der Frisurenhalbgötter verirrt und wäre dort in höchstem Maße unerwünscht.

Dabei ging ich nicht einmal in die Studios der Starfigaros, sondern immer in irgendeinen Laden um die Ecke und wollte dort doch nur meine ausgefransten Spitzen zurechtschneiden lassen. Eigentlich wäre das eine Tätigkeit von einer Viertelstunde, nach der mich die Haarkünstler locker wieder in die Gosse der schuppigen Haarlangeweile zurückstoßen könnten. Aber nein, sie waren nicht nur Künstler sondern auch Missionare, die Haarheretiker vor dem Frisurenfegefeuer retten wollten, zumeist mit Sätzen wie: „Wollen wir wirklich diesen langweiligen Naturton behalten?“. Manchmal teilten sie mir auch in beinahe religiöser Ehrfurcht ihre Visionen mit: „Ich sehe blonde Strähnen, die das Gesamtbild ungemein beleben würden.“

Mir blieb bei alldem nur übrig, schüchtern zig Mal „Nein, danke“ zu murmeln und die vorwurfsvollen oder manchmal gar mitleidigen Blicke so gut es eben ging an mir abprallen zu lassen. Nachdem die Sachlage geklärt, der Schneideauftrag endlich erteilt war, schnippelten die vermeintlichen Stylisten freudlos, dafür aber quälend langsam an mir herum. Sie föhnten auch die Haare niemals nur trocken, sondern benutzten immer Klammern und Zwicker. Manchmal drehten sie dabei sogar absurd gefärbte Wickler in mein Haar, dies vermutlich aus purer Häme, um mir mein ihrer Meinung nach langweiliges Aussehen vor Augen zu halten. Die gesamte Prozedur dauerte immer mindestens eine Stunde, wenn nicht gar zwei, als würde man die Arbeitsdauer bezahlen und nicht die Schnittpauschale, und kostete mindestens so viel wie fünf Kinokarten, mit denen man wenigstens die Chance auf ein wenig Spaß mitkaufte.

Beim Bezahlen wurde ich dann mit weiteren mitleidigen Blicken bedacht und mit weiteren Missionierungseindringlichkeiten: „Tun Sie Sich doch wenigstens selbst ein bisserl Farbe hinein.“ Dies war wohl der letzte Verzweiflungsschrei, der zeigen sollte, dass es gar nicht mehr um den schnöden Mammon ging, den die Friseure an mir verdienen wollten, sondern um echte Unvereinbarkeit mit ihrem Berufsethos, mich so durch die Welt laufen zu lassen. Einmal gar saß der Meister des Salons an der Kasse und schaute mit peinlich berührtem Blick von mir zu seinem Pudelhund, als ob er damit sagen wollte, dass der Hund von sich aus auf mehr Styling achtete als ich das jemals tun würde.

Jedenfalls war für mich der Friseurbesuch im besten Fall ein freudloses Ereignis, im schlimmsten Fall fühlte ich mich danach wie ein gedemütigter Straßenköter und sah auch manchmal so aus. Es musste unbedingt Abhilfe geschaffen werden in der Haarmisere, aber wie? Ich würde mir liebend gerne die Spitzen selbst schneiden, aber hinten kam ich nicht ran, das hatte ich schon probiert.

In diese Reminiszenzen versunken hatte ich völlig auf das Wenden am Ofen vergessen und rannte nun mit heißem Po zu Michael ins Bett.

„Da kommt ja meine Wärmeflasche, das ist fein“, sagte er und drückte sich fest an mich, um sich zu wärmen.

„Bitte, Michael, schneid mir du die Haare.“

„Dafür bin ich nicht geeignet.“

„Bitte! Es ist doch so schrecklich beim Friseur.“

„Ich kann es aber nicht.“

„Das geht ganz leicht. Ich kann’s dir zeigen.“

Er brachte mich zum Schweigen, indem er seine kalte Nase auf meine drückte. Es war wirklich wieder einmal bitterkalt.

In unserer Wohnung waren nicht nur die Heizgeräte das Problem, sondern auch die Fenster. Im Laufe der Zeit hatten wir von unserem Vermieter immer wieder merkwürdige Klebebänder aus Schaumstoff zur angeblichen Isolation der Fenster bekommen. Brav hatte ich jeweils schon im Sommer diese Bänder an die Fensterrahmen geklebt mit dem Erfolg, dass die Fenster anfangs kaum noch zu schließen waren. Das war im Sommer nicht so tragisch, denn da mussten sie ohnehin offenstehen, um die brütende Gluthitze zumindest ansatzweise abzuwehren.

Bis zum Winter hatte sich der Schaumstoff mit dem öligen Staub der Stadt vollgesogen und fing an, seine Haftung zu verlieren. Dies ließ die Fenster zwar recht dekorativ aussehen. Lange, fettige Schaumstoffwürste baumelten nämlich an allen möglichen Stellen wie Faschingsgirlanden lustig von den Fensterrahmen. Problematisch war nur die fehlende Dichtkunst dieser Würste. Deshalb bewegten sich unsere Vorhänge an windigen Tagen, und in Wien waren das fast alle Tage, auch bei geschlossenen Fenstern.

Zusätzlich zu dem sargartigen Speicherofen, der nur bei direktem Körperkontakt ausreichend wärmende Wirkung entfaltete, hatten wir noch einen Ölofen im Schlafzimmer. Um diesen zu füttern, musste kanisterweise Öl kilometerweit herbeigeschleppt werden. Wir wurden deshalb immer vor die Entscheidung gestellt, ob wir jämmerlich weiterfrieren oder uns doch zu schweißtreibenden Ölholaktionen aufraffen sollten. Diesmal hatte die Faulheit gesiegt. Das machte aber nicht viel aus, denn richtige Wärme konnte der Ofen ohnehin nicht spenden. Er begnügte sich eher mit dem Ausspeien giftig stinkender Rauchschwaden. Jedes Mal beim Heizen mussten die Fenster geöffnet werden, um dem drohenden Erstickungstod zu entgehen. Das alles sorgte nicht gerade für wohlige Behaglichkeit in unserer Wohnung.

Immerhin, meistens erreichten wir das Auftauen der Eisblumen an den Fenstern bis zu Mittag. In der Küche, die mit einer kleinen Duschkabine in der Ecke gleichzeitig das Badezimmer war, hatten wir keine Heizung. Dafür konnte man sich ganztägig an den blumigen Fensterkristallen erfreuen. In Zeiten wie diesen mussten wir uns, wollten wir duschen, zuerst zum Vorwärmen einige Minuten auf den Nachtspeicherofen legen, dann so schnell es ging in die Küche rennen, das Warmwasser aufdrehen und dann in Rekordgeschwindigkeit die Kleider vom Leib reißen, um Unterkühlungen zu vermeiden. Würden Schnellstripwettbewerbe veranstaltet, hätten wir sicherlich Chancen auf die goldene Nackedei.

Es war Michaels erster Winter in meiner Wiener Studentenwohnung. Ich hatte mich schon an die Kälte gewöhnt, denn ich hatte drei Winter in dieser Wohnung verbracht und konnte mir richtig warme, isolierte Wohnungen kaum noch vorstellen. Michael, von Etagenheizungen verweichlicht, mochte anfangs gar nicht glauben, dass man es in so wenig Wärme aushalten konnte.

Sobald Clemens ausgezogen war, hatte Michael seine Wohnung in Innsbruck aufgegeben und war zu mir nach Wien gezogen. Glücklicherweise fing Michael gerade mit seiner Doktorarbeit an und weil er Jus studierte, konnte er die in jeder Stadt mit einer Rechtsbibliothek machen. Dieser Umzug war wunderbar für mich. Er zeigte, Michael nahm die Beziehung genauso ernst wie ich und ich hatte keinen Fehler gemacht, als ich mich Hals über Kopf in diese Beziehung stürzte. Selbst bis jetzt in die tiefste Winterzeit waren wir immer noch verrückt aufeinander und stritten fast nie.

Clemens loszuwerden stellte anfangs ein Problem dar. Einerseits war schon das eigentliche Schlussmachen mit ihm schon nichts, auf das ich stolz sein konnte und deshalb versuchte ich, ihn so schonungsvoll wie möglich auf seinen Auszug vorzubereiten. Andererseits wollte ich Michael am liebsten sofort bei mir haben. Clemens spielte den verständnisvollen Verstoßenen und klügelte anfangs allen Ernstes ein Modell aus, nach dem wir zu dritt in der winzigen Wohnung hausen sollten. Aber das wäre niemals gutgegangen. Zufälligerweise zog ein Bekannter von mir um und stellte Clemens seine etwas armselige, aber dafür billige Einzimmerwohnung zur Verfügung. Clemens nahm die Wohnung nachdem ich ihn lange genug bearbeitet hatte, und verschwand aus meinem Leben. Ich war nicht eine Minute traurig darüber, was mich doch ein wenig beunruhigte. Normalerweise war ich nicht der gefühlskalte Typ, dem es völlig gleichgültig war, was aus Freunden und Liebhabern wurde. Aber ich war so verliebt in Michael, nichts und niemand fand Platz neben ihm. Fast schon aufgebläht von all dem Glück fühlte ich mich, denn ich hatte den liebsten Mann der Welt erobert und der war so verliebt in mich, dass er bereit war, sein bisheriges Leben aufzugeben, nur um bei mir zu sein. Wo kam so etwas schon vor? Höchstens in irgendwelchen Hollywoodschnulzen, an die ich schon seit langem nicht mehr geglaubt hatte. Und nun waren sie wahr geworden. Ich fühlte mich wie ein Filmstar, wie eine Märchenprinzessin. Vielleicht nicht ganz so schön wie die, aber das war ja nicht der Punkt.

Monate später, trotz aller Widrigkeiten unserer schäbigen Behausung und trotz des jämmerlichen Zustands meiner Haare, kuschelten wir uns nun voller Glück zusammen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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8 Antworten zu Bad Hair Day

  1. olerch schreibt:

    Uje. Die verständnisvollen Verstoßenen sind die Problematischsten. Good on you, dass du den harten Schnitt gemacht hast. ich habe das mal anders gehandlet und dann lange bereut.

    • thorstenzech schreibt:

      Nicht so streng, ich war auch einmal ein Clemens. Man versucht halt, sich das Unausweichliche nicht einzugestehen, hofft, alles rückgängig zu machen, und handelt danach..

      • annabereuter schreibt:

        Ich war schon Clemens, ich war schon Karin, und ich finde, man tut als Karin weder sich selbst noch einem Clemens einen Gefällen, wenn man jede Hoffnung nicht knallhart zerstoert.

      • Karin Koller schreibt:

        Ich glaube, Freundschaft nach einer Beziehung kann nur funktionieren, wenn man sich ohnehin nie wirklich geliebt hat. Ansonsten werden immer falsche Hoffnungen erzeugt.

      • Hofnarr schreibt:

        …aber eigentlich müsste man als Clemens viel früher schon bemerken, dass man vielleicht mit sich selber nicht/nie ehrlich genug war! Solche Ultimaten, jetzt musst Du halt gehen, weil’s mir verleidet ist und da ein anderer kam, müssten ja nicht sein, wenn man selber allenfalls häufiger über die Bücher ginge, anstatt einfach so da zu sitzen und zu denken, wie bequem es doch ist zu zweit, gänzlich ohne eigene Aktivitäten zur täglichen Verbesserung, nicht etwa Verschlechterung der Beziehung…

  2. melikeyol schreibt:

    Diese „Haarstylisten“, die sich als Artisten und nicht als Dienstleister sehen, und die keine Aufträge erfüllen, sondern sich selbst verwirklichen, sind eine der Plagen des Alktagslebens.

    • Karin Koller schreibt:

      Ja, und nicht nur die Hairstylisten, sondern verschiedenste Dienstleister, die einem ihren eigenen Geschmack aufzwingen wollen.

      • kokomokokomo schreibt:

        Ja, „Hairstylisten“ , „Tattoo-Artists“ und „Interior-Designer“ sind meiner Erfahrung nach die übelsten Missetäter.

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