Songs: Lucio Dalla, L’anno che verrà

„Mein lieber Freund, ich schreibe dir heute, um mich ein wenig zu zerstreuen. Weil du so weit weg bist, schreibe ich dir umso fester. Seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, gibt es eine große Neuigkeit. Das alte Jahr ist beinahe vorüber, aber irgendetwas funktioniert hier immer noch nicht.

Abends geht man nicht mehr gerne aus, nicht einmal wenn ein Feiertag ist. Manche verbarrikadieren sich sogar mit Sandsäcken vor den Fenstern. Manche reden wochenlang nicht, und jenen, die nichts zu sagen haben, denen will die Zeit nicht vergehen.

Aber im Fernsehen haben sie gesagt, das neue Jahr werde eine Veränderung bringen und wir warten alle schon darauf. Es wird dreimal Weihnachten sein, und den ganzen Tag ein Fest. Jeder Jesus wird vom Kreuz herabsteigen und sogar die Vögel kommen wieder.

Es wird zu essen geben und das ganze Jahr hell sein, auch die Stummen werden reden können, während die Tauben das bereits machen.

Und man wird Liebe machen, jeder wie es ihm gefällt. Sogar die Priester dürfen heiraten, aber nur in einem bestimmten Alter. Und ohne großes Aufhebens wird jemand verschwinden. Vielleicht sind es die größten Gauner oder die Dummköpfe jeden Alters.

Schau lieber Freund, was ich dir schreibe und sage, und wie ich froh bin, in diesem Moment hier zu sein. Schau, schau, schau, mein Freund, was man erfinden muss, um darüber lachen zu können, um weiter zu hoffen.

Und wenn dieses Jahr in einem Augenblick vorbei sein wird, schau mein Freund, wie wichtig es sein wird, dass ich auch dabei war.

Das Jahr, das gleich beginnt, wird in einem Jahr auch vorbei sein. Ich bereite mich vor, und das ist die Neuigkeit.“

Wie oft ärgere ich mich über die Politik. Über die Ungerechtigkeit im Großen und im Kleinen. Über die Dummheit, die so klar erkennbar ist bei den Lenkern des Staates und der Wirtschaft oder auch bei denen, die sie kontrollieren sollten. Über die Lustfeindlichkeit. Über die große Angst, die öffentlich geschürt wird vor vermeintlich ungesundem Essen, vor dem kleinen Über-die-Stränge-Schlagen, vor dem Wunsch, anders zu sein, als die Gesellschaft das vorgibt.

Voller Zorn und Ohnmacht sehe ich, wie ich mir selbst einiges versage, was mir Freude machen würde, weil ich immer noch glaube, es schickte sich nicht. Oder wie ich mich selbst in mich zurückziehe, obwohl ich gerade gelernt hätte, aus mir herauszugehen. Ich bin nicht allein. Viele trauen sich nicht zu leben, wie sie es gerne möchten. Aus Kummer igeln sie sich ein, anstatt in kleinen Schritten anzufangen, alte Verkrustungen aufzubrechen.

Es ist oft schwer zu erklären, warum ich – obwohl ich ganz genau weiß, welchen Zwängen ich mich unterwerfe und wie falsch und feige das ist – immer wieder mit den anderen mitmache oder zumindest zuschaue, ganz gegen die eigenen Überzeugungen.

Stattdessen wünsche ich mir eine bessere Welt herbei. Eine Welt, in der alle die Wichtigkeit von außergewöhnlichen Feierlichkeiten und Freude erkennen. Eine Welt, in der gesellschaftliche und religiöse Zwänge sich in Luft auflösen. In der man miteinander spricht und einander auch versteht.

Lust soll es geben, ohne dass sich jemand dafür schämen muss. Weder weil man sie überhaupt hat, noch weil man sie ausleben will.

Und wenn die Welt endlich lustvoller geworden ist und wenn die Menschen endlich über die Dinge reden, die sie bewegen, dann verschwinden hoffentlich die gierigen Günstlinge, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Und die Dummköpfe, die allen anderen nur einen glitzernden Schein vorzugaukeln verstehen.

Oder ist das alles eine Illusion, die ich mir erträume, weil es doch so schön wäre? Soll ich hoffen? Über all das Schlechte lachen, weil ich weiß, dass sich irgendeinmal alles ändern wird? Soll ich es selbst in die Hand nehmen, eine Veränderung herbeizuführen? Und kann ich das überhaupt vom Schreibtisch aus? Möglicherweise ist viel mehr erforderlich. Vielleicht reicht es aber aus, einige andere dazu zu bringen, anders zu denken als die breiige Masse. Und diese anderen regen wieder andere zum Denken an. Oder es verläuft alles im Sand.

Zumindest kann es nicht schaden, wenn man vorbereitet ist, hie und da eine Kleinigkeit versucht, für sich selbst, für andere, jedes Jahr schaut, ob man schon ein Stückchen weitergekommen ist und nicht daran verzweifelt, dass es kein großes Stück war.

http://www.youtube.com/watch?v=CfGARFfRZdc&feature=related

Lucio Dalla                                           

Caro amico ti scrivo così mi distraggo un po‘
e siccome sei molto lontano più forte ti scriverò.
Da quando sei partito c’è una grossa novità,
l’anno vecchio è finito ormai
ma qualcosa ancora qui non va.

Si esce poco la sera compreso quando è festa
e c’è chi ha messo dei sacchi di sabbia vicino alla finestra,
e si sta senza parlare per intere settimane,
e a quelli che hanno niente da dire
del tempo ne rimane.

Ma la televisione ha detto che il nuovo anno
porterà una trasformazione
e tutti quanti stiamo già aspettando
sarà tre volte Natale e festa tutto il giorno,
ogni Cristo scenderà dalla croce
anche gli uccelli faranno ritorno.

Ci sarà da mangiare e luce tutto l’anno,
anche i muti potranno parlare
mentre i sordi già lo fanno.

E si farà l’amore ognuno come gli va,
anche i preti potranno sposarsi
ma soltanto a una certa età,
e senza grandi disturbi qualcuno sparirà,
saranno forse i troppo furbi
e i cretini di ogni età.

Vedi caro amico cosa ti scrivo e ti dico
e come sono contento
di essere qui in questo momento,
vedi, vedi, vedi, vedi,
vedi caro amico cosa si deve inventare
per poterci ridere sopra,
per continuare a sperare.

E se quest’anno poi passasse in un istante,
vedi amico mio
come diventa importante
che in questo istante ci sia anch’io.

L’anno che sta arrivando tra un anno passerà
io mi sto preparando è questa la novità

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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12 Antworten zu Songs: Lucio Dalla, L’anno che verrà

  1. ariane81 schreibt:

    „Zumindest kann es nicht schaden, wenn man vorbereitet ist, hie und da eine Kleinigkeit versucht, für sich selbst, für andere, jedes Jahr schaut, ob man schon ein Stückchen weitergekommen ist und nicht daran verzweifelt, dass es kein großes Stück war.“

    Ein schönes Lebensmotto wäre das.

  2. Schön, das du wieder da bist.

    „Lust soll es geben, ohne dass sich jemand dafür schämen muss. Weder weil man sie überhaupt hat, noch weil man sie ausleben will.“ Sollten wir uns alle mal für dieses Jahr vornehmen.

    • Athenaeum schreibt:

      Ich denke, da sind sie auf dem Holzweg. Das hemmungslose Ausleben von Lust ist die Ursache vieler Probleme auf deren Welt, und nicht deren Lösung.

      • Karin Koller schreibt:

        Das (auch institutionalisierte) Unterdrücken von Lust führt zu viel mehr Problemen, weil nicht wenige Menschen, anstatt ihre Lust mit einem Partner, der das auch will, auszuleben, heimlich andere, auf die sie Macht ausüben können, missbrauchen. Oder zumindest unzufrieden und unbefriedigt der Sexualtiät eine viel größere (und bedrohlichere) Bedeutung beimessen, als sie tatsächlich hat.

      • melikeyol schreibt:

        Ganz deiner Meinung, Karin, wobei man Lust ja auch nicht mit Sex gleichsetzen kann. Lustvoll leben heißt selbstbestimmt und selbstbewusst leben. Und das schadet niemandem, sondern nützt allen

      • Elke Lahartinger schreibt:

        Sehr schöner Artikel. Der Herr Athenäum scheint ja ein Programm zu haben, das ihm meldet, sobald irgendwo ein frivoles Wort aufscheint, damit er seine Absonderlichkeiten unverzüglich loswerden kann.

  3. Dem ist nichts hinzuzufügen. Ich könnte jedes einzelne Wort unterschreiben. Nice to have you back.

  4. calamityjoan schreibt:

    So wunderschön, Lied und Interpretation, hat mich jetzt gerade aus einer miesepetrigen Stimmung gerissen und mir neuen Schwung für den Tag gebracht.

  5. alicedelrosario schreibt:

    Ah, Lucio Dalla, der war für uns im Italien der 80er-Jahre, kurz nach den „Anni di Piombo“ zusammen mit Fabrizio D´Andre so eine Mischung aus Bob Dylan und Martin Luther King, einer der wenigen, demgegenüber man noch Respekt hatte, künstlerisch und moralisch. Ein außerhalb Italiens sehr unterschätzter Mann, leider. Com’è profono il mare. Danke, you made my day.

  6. olerch schreibt:

    Gefällt mir sehr, auch toll, das Foto

  7. Selina schreibt:

    Sehr schöner Artike, über einen wunderbaren Künstler, der auch das schönste Lied, dass es über meine Heimatstadt gibt, geschrieben hat:

    „Milano tre milioni
    respiro di un polmone solo
    che come un uccello
    gli sparano
    ma anche riprende il volo
    Milano lontana dal cielo
    tra la vita e la morte
    continua il tuo mistero“

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