Der morbide Charme der Riviera

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 8

 

„Du kannst mir sicher ganz prima die Haare schneiden.“

„Wie soll denn das gehen?“

„Du nimmst einfach eine Schere und schneidest einmal rundherum.“

„Das geht sicher nicht so einfach“,  sagte Michael und zog mit den Lippen sanft einen meiner Ohrringe heraus, womit er wohl das Thema beenden wollte. Er spielte gerne mit meinen Ohren. Manchmal mussten die Ohrringe heraus, damit er an den nackten Ohrläppchen nuckeln konnte. Manchmal mussten spezielle Ohrringe angelegt werden, damit er sie wie gerade eben herauspflücken konnte.

Mit meinem Ohrgehänge noch im Mund fragte er: „Was kriege ich denn dafür?“

„Ein Bussi.“

„Was für eins?“

„So eins“, ich gab ihm einen dicken Schmatz auf den Mund.

„Ist mir zu wenig.“

„Und so eins?“, nun strengte ich mich mehr an. Ich wollte ihm einen Kuss geben, der ihn alle Haarschneidemühen vergessen lassen würde.

„Ach, das kann ich doch immer haben. Für so eine Plage, bei der ich noch dazu meine gesamte Männlichkeit aufgeben muss, braucht es schon eine ganz besondere Belohnung.“

„Was magst du denn?“

„Das muss ich mir noch überlegen. Wenn mir etwas Supertolles einfällt, schneid ich dir die Haare.“ Dann machte er sich daran, auch noch meinen zweiten Ohrring zu schnappen.

Ich war so froh, dass ich im Sommer die Gelegenheit am Schopf gepackt und mein zugegebenermaßen beschränktes Repertoire an weiblichen Listen ausgepackt hatte. Nachdem meine Zuckerlaktion so erfolgreich verlaufen war und ich wie auf Wolken neben Michael eingeschlafen war, wachte ich am nächsten Morgen doch mit einiger Besorgnis auf. Ich wusste gar nicht, wie ich mich verhalten sollte und ob ich ihn auf die wunderbaren Küsse der Nacht zuvor ansprechen sollte. Gleich neue Küsse zu verteilen traute ich mich schon gar nicht. Vielleicht hatte sich Michael in leicht betrunkenem Zustand nur zu etwas hinreißen lassen, das er gar nicht fortführen wollte und gleich nach dem Aufwachen bereuen würde. Voller Anspannung und ängstlicher Erwartung lag ich also da und schaute Michael an, während er schlief. Ein kleiner Haarkringel hatte sich wieder verirrt und Michael sah so schön aus. Als er endlich aufwachte, zog er mich sofort an sich und küsste mich. Wieder hatte ich mir unnötig Sorgen gemacht, wieder war alles gut geworden. Sobald er wieder Luft bekam, schlug er vor: „Fahren wir morgen wo anders hin. Es ist jetzt sicher besser, wenn wir allein sind und nicht mit Claudia herumhängen. Wir müssen uns über einiges klar werden. Das machen wir besser auf einer Urlaubsfahrt zu zweit.“

Es schien beinahe so, als wäre die letzte Nacht für Michael keine betrunkene Eintagsfliege gewesen, als hätten sich meine Träume erfüllt. Hals über Kopf brachen wir auf und fuhren zuerst nach Avignon und dann Richtung Italien. Claudia ließen wir wahrscheinlich recht verdattert zurück, denn ich wollte ihr noch nicht von meinem neuen Glück erzählen, bevor ich selbst genau wusste, wo es hinführen würde.

Anfangs vermieden wir es, über die Zukunft und über Clemens zu sprechen. Wir genossen einfach unsere Verliebtheit in vollen Zügen. Das machten wir, wie frisch Verliebte das eben so machen, mit kleinen kindischen Gedichten für einander, mit verspielten Neckereien und mit jeder Menge Zärtlichkeit. Von Avignon sahen wir fast nichts, weil wir viel zu beschäftigt miteinander waren.

Kurzfristig nahmen wir die Realität wieder wahr, als wir die italienische Riviera erreichten. Wir wollten dort nicht lange bleiben, sondern nur einen Tag oder zwei im Meer plantschen. Normalerweise wären wir auch nicht dort hingefahren, aber als wir vorbeikamen, ließen wir uns vom morbiden Charme der alten Prunkbauten gefangen nehmen. Wahllos fuhren wir an irgendeinem Ort von der Autobahn ab. Die hübschen Hotels waren leider schon ausgebucht. Wir versuchten es deshalb in einem hässlichen Siebzigerjahre-Betonklotz, der sich lieblos hinter die kleinen Schlösschen und Villen aus längst vergangenen Glanzzeiten gequetscht hatte. Als ich in der Eingangshalle wartete, schaute ich mir die herumliegenden Broschüren an. Ein wenig merkwürdig kam mir der kopierte Zettel schon vor, der in großen, fetten Buchstaben dreisprachig die zweimal täglich erfolgende Blutdruckmessung im Frühstücksraum bewarb. Das Einchecken dauerte recht lange, da immer wieder ältere Herrschaften an die Rezeption kamen, um sich nach Altengymnastik oder Seminaren über Herzleiden zu erkundigen.

Aber nun waren wir schon hier, und von solchen Kinkerlitzchen lässt man sich doch nicht abschrecken. Schließlich war es nur ein Hotel, in das man sich nach Badespaß und Abendunterhaltung zum Schlafen zurückzog. Das Zimmer war recht geräumig und hatte einen Balkon. Wir waren frisch verliebt und es machte uns nichts aus, weit und breit die einzigen Menschen unter siebzig zu sein. Die schöne Aussicht am Balkon bei einem Glas Wein zu genießen reichte völlig aus. Der Balkon erstreckte sich über die gesamte Front des Hauses und unser Teil war von den anderen nur durch ein kleines Mäuerchen getrennt. Da die älteren Herrschaften allesamt schon um halb neun schlafen gegangen waren, störte uns niemand. Als wir nun die Stühle zurechtgerückt und die Flasche geöffnet hatten, sahen wir plötzlich die schöne Zierde des Nachbarbalkons. Unter anderen Umständen hätte man fast meinen können, es habe sich um moderne, äußerst zeitkritische Protestkunst gehandelt. Nach den Beobachtungen in der Lobby nahm ich aber an, dass hier tatsächlich nur ein ältliches Ehepaar seine hauszeltgroßen Unterhosen fein säuberlich nebeneinander zum Trocknen auf die Wäscheleine gehängt hatte.

Ganz bescheiden in der Ecke unseres Balkons stand ein mit Kunstleder gepolsterter Rollstuhl. Den Sitz konnte man aufklappen und darunter kam ein Plastikschüsselchen für die dringenden Geschäfte jener zum Vorschein, für die es bereits zu anstrengend geworden war, die fünf Meter zur Toilette zurückzulegen. Es war schon recht komisch, in einen einst so mondänen Badeort der Reichen und Schönen zu fahren und ein Altenheim vorzufinden.

Ich hoffte nur, das würde kein böses Omen für unser junges Glück bedeuten. Es war ja gut, dass hier nicht nur junge und sportliche Leute sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen konnten und auch einmal etwas für die Alten und Siechen getan wurde. Aber auf mich wirkten die Rollstühle und die Notrufschalter an den Betten ziemlich bedrückend, weil sie nicht gerade eine romantische Stimmung erzeugten.

Deshalb blieben wir nur eine Nacht in diesem Hotel. Am Morgen gönnten wir uns noch ein Frühstück unter all den alten Leutchen. Am Büfett gab es ein erstaunlich großes Sortiment an Breien und Püriertem. Nachdem wir im Meer gebadet hatten, fuhren wir weiter in die Toskana.

Die sanften toskanischen Hügel in der Spätsommersonne waren der ideale Ort, um eine neue Liebe zu genießen und um über die Zukunft nachzudenken. Wir machten Picknicks auf einsamen Hügelkuppen, lasen einander vor und ließen es uns so richtig gut gehen.

Michael brachte nun auch den Mut auf, über seine Gefühle zu mir zu sprechen. Wegen der doch etwas eigenartigen Situation mit Clemens hatten wir dieses Thema einige Tage völlig von uns geschoben. Ich wollte das Thema vor Allem nicht ansprechen, weil ich Angst davor hatte, Michael würde nur einen kleinen Urlaubsflirt mit mir wollen und mich danach verachten, weil ich mich hinter Clemens‘ Rücken darauf eingelassen hatte. Selbst wenn alles nach meinen Wünschen verlaufen sollte, schämte ich mich doch dafür, meine Beziehung zu Clemens nicht schon vor dieser Reise beendet zu haben. Außerdem wusste ich nun auch nicht, wie ich das nun einigermaßen würdevoll anstellen sollte. Das war aber erst der zweite Schritt. Der erste, in dem wir unsere gemeinsame Zukunft klären mussten, war der viel wichtigere Schritt. Und endlich war es so weit. Michael fasste sich ein Herz und gestand mir, dass es wirklich ganz toll fand, mit mir zusammen zu sein. Das wollte er auf keinen Fall aufgeben. Er wollte zu mir nach Wien zu ziehen, sobald Clemens bei mir ausgezogen war.

Natürlich war ich überglücklich und sofort vollauf begeistert von seinen Plänen. Alles, das ich mir erhofft und erträumt hatte war wahr geworden. All meine Ängste waren unbegründet gewesen. Ich hatte mir nicht einen Traummann zusammenphantasiert, sondern der Mann meiner Träume war tatsächlich real und er hatte mich auch noch gern. Wohl musste ich einiges an Mühe und List aufwenden, um ihn zu erobern, aber schlussendlich hatte sich das ausgezahlt.

Da ich im überschäumenden Glück nicht mehr länger warten wollte, lief ich sogleich zur nächsten Telefonzelle und rief Clemens an, um die Beziehung zu beenden. Wieder einmal hatte ich nicht nachgedacht, was ich da eigentlich tat. Clemens war völlig erschüttert, am Telefon abserviert zu werden. Zuerst schrie er herum und dann fing er an zu weinen. Ich weinte auch und versuchte, möglichst schonungsvoll vorzugehen. Aber am Telefon konnte man solche Dinge wohl nicht schonungsvoll machen und zum Schluss gingen mir noch die Münzen aus. Nachdem die letzte Münze gefallen war, fühlte ich mich lausig und deprimiert. Clemens hatte es sich wirklich nicht verdient, das Ende einer vierjährigen Beziehung auf derart gefühlskalte Weise mitgeteilt zu bekommen. Aber ich konnte es nun nicht mehr ungeschehen machen und obwohl ich auf diese Aktion wohl immer mit gewissem Schamgefühl zurückblicken würde, war sie doch notwendig gewesen. Hätte ich es Clemens persönlich gesagt, wäre es vermutlich auch nicht viel leichter geworden.

Jetzt, nach einigen Monaten, waren wahrscheinlich alle Beteiligten über diese Angelegenheit hinweggekommen. Und ich hatte den liebsten Mann der Welt. Und der lag nun direkt neben mir und nibbelte an meinem Ohr.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Fortsetzungsgeschichte abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Der morbide Charme der Riviera

  1. miriambrenner schreibt:

    Ist das Bild authentisch? Dann ist ja bewiesen, dass Liebe blind macht

    • Hofnarr schreibt:

      Ist’s nun etwa doch wahr oder allenfalls doch erfunden, Karin, nun da Du ja den Kerl endlich erobert hast?!

    • Karin Koller schreibt:

      Das Bild ist authentisch. Das Hotel war aber nicht so schrecklich, wie das Bild vermuten lässt.

      • Hofnarr schreibt:

        War’s denn eigentlich wirklich ein Hotel oder doch eher eine Alters-Residenz, bzw. ein Alters- und Pflegeheim?! Wenn letzteres zutrifft, frage ich mich, wie es kommt, dass die Euch dort übernachten liessen als Nicht-Pflege-Bedürftige und Nicht-Betagte… aber solches kann bloss in Italien geschehen, wenn denn wahr, nicht in deutschsprachigen Landen… Na ja, Vorstellung von den hauszeltgrossen, ausgehängten Unterhosen finde ich super…

  2. lilyberner schreibt:

    Toll, deine Fortsetzungsgeschichte

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