Puzzle spielen

Als Kind spielte ich sehr gerne Puzzle. Stundenlang konnte ich auf dem Boden sitzen, Teilchen für Teilchen zusammenfügen. Dabei habe ich meistens eine Kassette angehört, Tom Sawyer oder Mary Poppins.

In meiner Jugend habe ich mich nicht mehr so sehr für Puzzles interessiert. Später, als ich studierte, bekam ich ein 3000 Teile-Puzzle geschenkt. Ich legte es auf dem Boden meiner ohnehin unordentlichen Studentenbude aus. Wochenlang war ich damit beschäftigt. Während der gesamten Zeit konnte ich kein einziges Mal staubsaugen, weil ich untröstlich gewesen wäre, wenn ich dadurch ein Teilchen verloren hätte. In einer fürchterlich staubigen Wohnung war ich am Ende, als ich es geschafft hatte, das Puzzle vollständig zusammenzusetzen, ziemlich stolz auf mich.

Immer wieder dachte ich in den letzten Jahren daran, wie schön es wäre, wieder ein großes Puzzle zu machen. Aber als die Kinder klein waren, hätten sie mir nur das halbfertige Puzzle zerstört, die Teile aufgegessen oder zumindest im ganzen Haus verstreut und geschrien, dass sie nicht mitspielen durften. In unserem Haus gibt es kein Plätzchen, wo ich ungestört das Puzzle hätte machen können und trotzdem nicht in völliger Isolation gewesen wäre.

Jetzt sind die Kinder größer. Ich habe eine Leinwand, auf der ich ein Puzzle auflegen und – wenn erforderlich – ohne großen Aufwand wieder wegräumen kann. Deshalb kaufte ich mir ein Puzzle und um zu schauen, ob das Puzzlespielen immer noch einen großen Reiz auf mich ausübt, oder ob ich es schöner in Erinnerung habe als es tatsächlich ist.

Auf dem Puzzle ist die Weltkarte Orbis terrarum typus de integro multis in locis emendatus von Petro Plancio aus dem Jahr 1594 dargestellt. 1500 Teile. Immer schon faszinierten mich alte Karten, weil ich das Gefühl hatte, man könnte durch sie einen Einblick in alte Weltbilder gewinnen. Diese Karte ist besonders schön, weil sie mit Bildern von verschiedenen Erdteilen illustriert ist. Bei Mexico sitzt eine mit Federn geschmückte Frau auf einem riesigen Gürteltier. In Europa gibt es das Füllhorn und Krieg. Krieg ist auch in Asien dargestellt, aber auch ein auf einem Nashorn sitzender Mensch mit Gold Weihrauch und Myrrhe. Afrika wird von einer spärlich bekleideten Frau auf einem Krokodil repräsentiert, Peru von einer ebensolchen auf einem Schneeleoparden, umringt von Vulkanen und Menschenfressern, die gerade Arme und Beine grillen. Magallanica oder die Terra Australis stellte man sich damals mit einer festlich bekleideten Frau inmitten riesiger Elefantenherden vor. Zusätzlich zu den beiden Erdhälften sind auch Sternenkarten der nördlichen und der südlichen Hemisphäre dargestellt. Auffällig ist auch, dass eine breite Nordwestpassage (offenbar zur Ermutigung für Seefahrer) eingezeichnet ist, dass America Mexicana die Hälfte von USA und Canada bedeckt, oder wie klein Asien im Vergleich zu Europa ist.

Das könnte ich alles auch sehen, wenn ich mir eine Reproduktion der Karte anschaute, sicher. Aber ich würde mir dafür nicht die Zeit nehmen, sondern höchstens einige Minuten das Große und Ganze ansehen und die Karte wieder vergessen.

Beim Puzzlemachen finde ich schön, wie die Teilchen durch die Finger rieseln, wie ich immer wieder Teilchen finde, die ich einsetzen kann. Ich mag es, Teilchen für Teilchen genau anzusehen und die Details zu entdecken, damit ich sie richtig einsetzen kann. Völlig andere Dinge werden hier offenbart, als beim Betrachten des gesamten Bildes. Plötzlich habe ich Zeit, die einzelnen Namen wahrzunehmen. Plötzlich habe ich Zeit.

Das ist für mich einer der faszinierendsten Aspekte des Puzzlespiels, die Ausdehnung der Zeit, die Zeit, die ich mir nehme, um zu spielen. Und es ist für mich keineswegs vergeudete Zeit, weil ich spüre, wie sich meine Wahrnehmung im Lauf der Zeit ändert. Zuerst scheinen so viele Teile beinahe ident. Plötzlich aber kann man sie unterscheiden, findet auf den ersten Blick passende Teile. Es scheint wie ein Lernprozess, eine Schärfung des Blicks, eine kleine Veränderung des Bewusstseins, als würde ich verschiedene Facetten dieses Bildes nur auf diese Weise erkennen können. Und dann wieder nützt alles Hinsehen nichts, aber ich merke plötzlich ganz intuitiv, wohin ein Teilchen passt. Diese Balance zwischen Detail und Gesamtbild finde ich interessant.

Ich werde beim Spielen ganz ruhig, selbstvergessen lege ich Teil an Teil. Wenn das Puzzle fertig ist, bin ich beinahe enttäuscht, weil ganz speziell hier der Weg das Ziel ist.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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16 Antworten zu Puzzle spielen

  1. Sebastian D. schreibt:

    Alte Karten sind faszinierend. Ich war letztes Jahr in der alten Pinakothek in München, wo in einem Raum Bilder eines Künstlers aus dem 16. Jahrhundert, dessen Namen mir entfallen ist, ausgestellt waren, in denen er alle Kontinente dargestellt hat. Da er selbst die meisten Orte nie gesehen hat, musste er bei der Darstellung das damals bekannte Wissen mit den damals bekannten Mythen vermischen, und dann alles durch seine Imagination ausschmücken. Dadurch hat er es geschafft, dem heutigen Betrachter ganz komprimiert das ganze damalige Weltbild, gebrochen durch das Prisma seiner eigenen Idiosynkrasien zu vermitteln. Ich könnte stundenlang in alten Atlanten schmökern. Vielleicht kaufe ich mir auch so ein Puzzle, um diesen Detailblick zu schulen.

    • Karin Koller schreibt:

      Diese Bilder von Jan van Kessel und Erasmus Quellinus sind wunderbar. Ich habe mir, als ich in München war, die Postkarten gekauft und werde hoffentlich noch einen Artikel darüber schreiben.

      • Sebastian D. schreibt:

        War mir gar nicht mehr bewusst, dass es zwei Maler waren. Danke für die Namensnennung, ich habe gerade Lust bekommen, die Bilder nochmals anzusehen

  2. lenakarlowski schreibt:

    Das mit dem Detailblick hast du gut beschrieben. Man sieht, wenn man ein Puzzle macht ein Bild ganz anders, viel genauer, viel tiefer. Und man setzt sich mit dem Bild auch ganz anders auseinander, als wenn man es in einem Buch oder im Museum betrachtet.

    Ich habe dieses Puzzle gemacht ( http://www.amazon.de/Puzzle-9000-Teile-Bosch-Garten/dp/B004EPXNZQ/ref=sr_1_29?s=toys&ie=UTF8&qid=1334821932&sr=1-29 ) und habe das Bild dadurch ganz anders wahrgenommen und verstanden.

    • Karin Koller schreibt:

      Das glaube ich gerne. Ich habe „Den Garten der Lüste“ auch schon oft angeschaut, mir aber dann doch nicht die Zeit für alle Deatils genommen. 9000 Teile würde meine Kapazitäten allerdings übersteigen.

  3. Ich finde puzzlen auch eine sehr schöne Beschäftigung, aber leider habe ich dann im Endeffekt meistens doch nicht die Geduld, bis ganz zum Ende durchzuhalten.

    • Und das zumindest zum Teil, weil mein Mann dem völlig verständnislos gegenübersteht und das Aufgeben geradezu provoziert (weil er „nicht so lange etwas Sinnloses machen“ könne, und das sagt jemand, der 2 Stunden lang ein Autorennen anschaut).

      • Karin Koller schreibt:

        Mein Mann ist genauso (obwohl er die Autorennen ohne Heinz Prüller mittlerweile aufgegeben hat). Deshalb habe ich nur ein 1500 Teile Puzzle genommen, aber trotzdem noch einiges an verständnislosem Kopfschütteln über mich ergehen lassen müssen.

      • Dann sag´ihm ja nicht, dass Prüller jetzt bei Sky kommentiert.

      • Karin Koller schreibt:

        Das brauche ich jetzt nicht mehr. Danke, Clara.
        Aber ich glaube, im Lauf der Zeit haben die Autorennen an sich den Reiz für ihn verloren und Prüller hat sein Interesse nur noch künstlich verlängert.

      • berniebr schreibt:

        Geht mir genauso, ich werde, wenn ich puzzle oder bastle von jemandem als Langweiler bezeichnet, der sich den Eurobundesvisionscontest vier Stunden lang ansieht. Wir sind von der Welt unverstanden……

  4. Elke Lahartinger schreibt:

    Das Problem ist aber leider, dass die meisten „Erwachsenenpuzzle“ irrsinnig kitschige Motive aufweisen.

  5. kokomokokomo schreibt:

    Ich finde, puzzlen hat, wie du auch beschreibst, so was Meditatives, das ist für mich eine Art Gottesdienst für Atheisten

  6. oksanawasiliev schreibt:

    Schöner Artikel. Macht Lust, sich wieder ein Puzzle zu kaufen

  7. Hofnarr schreibt:

    Mit einigem Erstaunen habe ich Deine obengemachten Ausführungen im Zusammenhang mit dem Puzzeln mit einer grossen, 1500-teiligen Weltkarte gelesen, Karin. Beim detailierten Spielen wie es das Puzzeln (oder auch anderes detailliertes Arbeiten!) mit geografischen Karten ist, ist es tatsächlich möglich, meditativ wesentlich mehr Details einer Landschaft sehen zu können, als diese in pauschaler Grossansicht hergeben.
    Erstaunlich für mich ist aber, dass ich durch meine nebenberufliche Arbeit mit Pendel und Internet-Satellitenkarten (offenbar einer enorm modernen Form des Puzzelns!), bei welchen ich auf der ganzen Welt Orte suche, an welchen sich gesuchte Menschen, gesuchte Objekte oder ganze Wohnanlagen oder auch Industrie-Anlagen befinden, offenbar fast gleiche meditative Erkenntnisse mittels der geografischen Karten erzielen lassen, obwohl die konzentrierte Arbeit wohl in umgekehrter Form erfolgt, aber ich arbeite am PC mittels meinen benützten Satellitenkarten und meinem Pendel offenbar auch mit Intuition und Meditation, gehe von der ganzen Weltkarte relativ schnell auf den einzelnen Kontinent, den ich für die Fragestellung benötige und dort dann auf das spezielle Land, in die Regionen und schliesslich immer detaillierter und vergrösserter zum gesuchten Punkt durch fortlaufende Vergrösserung des in Frage kommenden Abschnitts bis ich schliesslich in optimaler Vergrösserung Dinge sehe vom entsprechenden Ort, die man, solange man nur die Grossansicht betrachtet, nie für möglich gehalten hätte und auch nicht sehen kann und die die Intuition, das Pendelwissen, Gefühle und Ahnungen auch umgehend in der Realität auf der Satelliten-Karte bestätigen, eine Lebenserfahrung, die ganz phänomenal ist, als wäre ich vor Ort auf einer Reise durch das entsprechende Land, ohne je persönlich dort gereist zu sein und würde den gesuchten Tatsachen und Vorkommnissen direkt begegnen.
    Mich wundert’s bloss, dass aus einem konzentrierten, geistigen, meditativen Spiel mit geografischen Karten (Puzzeln mit Landkarten, aber auch das Pendeln mit Landkarten war zuerst ein Spiel!) derart gravierende Erkenntnisse im Leben gewonnen werden können, dass sie nicht bloss zur Steigerung der Lebensqualität, zu einem besseren Zeitbewusstsein und zur „Schärfung des Blicks“, wie Du, Karin, dies nennst, und schliesslich auch zur beruflichen Tätigkeit in verschiedenster Hinsicht genutzt werden können. Ist es etwa gar die kurzzeitige, alleinige Konzentration aller geistigen Kräfte auf ein kleines Detail, wie dies ja auch in buddhistischen Meditationen geschieht, das diese Wirkung beim Puzzeln oder Pendeln im Spiel mit Landkarten erzielen kann?!

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