Schere, Kamm und Lineal

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 9

„Ich hab’s“, schrie Michael plötzlich, „Wir machen einfach eine Wette. Ich wette, dass ich dir die Haare so schneiden kann, dass du nicht entstellt bist. Wenn ich gewinne, musst du dir ein Ohrloch stechen lassen.“

„Ich will aber kein Ohrloch.“

„Es ist doch nur eine Wette, wahrscheinlich werde ich es eh nicht schaffen. Dann bekommst du einen Satz schöner Rotweingläser, damit wir uns endlich stilvoll betrinken können.“

Rotweingläser hatte ich mir schon lange gewünscht. Nachdem meine einzigen schönen Gläser nach und nach alle zu Bruch gegangen waren, mussten wir den Wein immer aus Wassergläsern trinken. Es war wirklich ein verlockendes Angebot. Schiefgehen konnte auch nicht viel, denn Michael würde ganz sicher zu ungeschickt sein, um auch nur den einfachsten Haarschnitt zustande zu bringen. Sollte es ihm doch gelingen, wäre es ja nicht so schlimm, ein Ohrloch stechen zu lassen. Den Ohrring könnte ich immer noch herausnehmen, wenn er mir nicht gefiel, das Loch würde dann schon wieder zuwachsen. Für richtige Gläser könnte ich es ruhig riskieren, mich ein wenig pieksen zu lassen. Die Details mussten natürlich noch geklärt werden: „Was heißt ‚nicht entstellt‘. Es muss natürlich schon so aussehen wie vom richtigen Friseur.“

„Nicht entstellt heißt nicht entstellt, basta. Gilt die Wette?“

„Die Wette gilt“, mit einem Handschlag besiegelten wir die Wette.

Eigentlich fand ich einen zweiten Ohrring an einem Ohr recht schnuckelig. Ich hatte mich nur nie getraut, tatsächlich zu einem Juwelier zu gehen und mein Ohr durchstechen zu lassen, teilweise aus Angst vor Schmerzen, teilweise weil ich nicht ganz sicher war, ob es nicht zu adoleszent aussehen würde.

In den nächsten Tagen schaute ich mir Frauen mit mehreren Ohrringen an einem Ohr genauer an, um mich seelisch vorzubereiten auf ein eventuelles Verlieren der Wette. Obwohl Michael normalerweise handwerklich recht unbegabt war, konnte man sich nie sicher sein, was er tatsächlich zustande bringen konnte, wenn er nur wollte. Manchmal hatte ich den Eindruck, er stellte sich bei Arbeiten, die er nicht mochte, extra besonders blöd an, damit er sie nicht zu machen brauchte.

Die meisten vielbeohrringten Frauen sahen eigentlich ziemlich cool aus. Und cooles Aussehen war etwas, das ich schon seit längerer Zeit anstrebte, aber nie zu erreichen schien. Mit einem zusätzlichen Ohrring würde alles anders werden. Der schrie ja geradezu nach schicken Outfits und sonstiger innerer und äußerer Coolness. Vielleicht war da neben dem normalen Ohrloch gar ein Akkupunkturpunkt, der das Bewusstsein veränderte, der einen von grauen Mäuschen zum unerreichbaren Vamp machte. Hoffentlich war dort nicht einer, der den Appetit anregte und mich zu einer tonnenschweren Kuh statt zur kühlen Schönheit machte. Aber ich hatte ja noch Zeit, bevor ich mir ernsthafte Gedanken über solche Dinge machen musste. Immerhin hatte Michael davor noch seine Wette zu gewinnen.

Am Wochenende war es dann soweit. Michael würde tatsächlich alle Ängste und Sorgen sowie sein männliches Ego überwinden und die Schere zur Hand nehmen, um mir die Haare zu schneiden. Fast schon hatte er Starstylistenallüren angenommen, denn während der Vorbereitungen hatte er sich ins Schlafzimmer zurückgezogen, als würde ihn die gemeine Arbeit gar nichts angehen. Es gab einige Vorbereitungen zu treffen. Stühle mussten verschoben, der Teppich zur Seite geklappt werden, um permanente Behaarung des Mobiliars zu vermeiden. Dann stellte ich einen der Stühle wieder auf den nun kahlen Boden. Fast sah es schon aus wie in einem Salon, nur das Becken fehlte. Ich legte nun ein Handtuch um meine Schultern, denn man musste doch die richtige Atmosphäre schaffen, und rief nach Michael. Der lugte nur kurz aus dem Schlafzimmer heraus: „Müssen bei euch Frauen nicht die Haare nass sein zum Schneiden?“

„Es ist doch viel zu kalt, um mit nassen Haaren herumzusitzen.“

„Ohne nasse Haare mache ich gar nichts“, ohne Widerrede zu dulden, zog er sich wieder zurück. Das war ja fast schon wie beim richtigen Friseur.

Also trabte ich murrend ins Bad, wusch mir die Haare und kämmte sie mir sorgsam wieder aus. „Fertig“, schrie ich in Richtung Schlafzimmer.

Der Maestro kam heraus mit der Schere in der Hand. Um die Dramatik zu verstärken, hatte er sich ein großes Handtuch um die Hüften gebunden und ein kleineres in den Ausschnitt des T-Shirts gestopft, wie in alter Zeit die vornehmen Herren bei edlen Diners. Auf mein eher skeptisches Lachen meinte er nur: „Wenn schon, dann mache ich es gleich richtig“, ließ die Schere ein paar Mal lautstark auf- und zuklappen und zupfte weltmännisch an meinen Haaren herum.

Als er diese eindrückliche Show, die mich beinahe einen echten Friseur herbeiwünschen ließ, beendet hatte, fragte er eher kleinlaut: „So, was mache ich jetzt?“

„Jetzt nimmst du einen Kamm und schneidest einfach drei Zentimeter unten weg.“

„Dafür brauche ich aber ein Maßband.“

„Sicher nicht. Schneid einfach so viel weg“, ich zeigte es ihm mit Daumen und Zeigefinger an.

„Das ist doch viel zu ungenau, wie soll ich denn wissen, ob es auf der anderen Seite auch noch drei Zentimeter sind? Ich geh jetzt ein Maßband suchen.“

Wieder musste ich aufstehen, denn Michael fand nie etwas. Gemeinsam durchwühlten wir die gesamte Wohnung. Das Maßband fanden wir leider nicht, dafür aber ein Lineal. Nun konnte ich mich wieder an meinen Platz setzen. Wenigstens hatte das Stargetue von Michael nun aufgehört, da er sich auf seine Aufgabe konzentrierte. Die wäre eigentlich ganz leicht gewesen, aber so wie Michael die Sache anpackte, erforderte sie einiges Geschick. Er musste nämlich mit einer Hand den Kamm durch meine Haare fahren und mit der zweiten das Lineal in Position bringen. War das erst mal vollbracht, merkte er, dass er für die Schere keine Hand mehr übrig hatte. Nun musste er Kamm und Lineal in einer Hand balancieren. Mit der rechten Hand holte er sich die Schere vom Tisch, immer versuchend, das fragile Konstrukt der linken Hand in Position zu halten. Gerade als er die Schere an die Haare gelegt hatte, fielen ihm Kamm und Lineal aus der Hand und er musste sich etwas Neues ausdenken: „Das ist zu viel Werkzeug für mich. Ich glaube ich muss eines weglassen.“

„Wie wär’s mit dem Lineal?“

„Nein, das ist doch das Wichtigste an der ganzen Sache.“

„Wie wär’s mit der Schere?“

„Sei nicht so gemein und lass mich überlegen, wie ich das jetzt anstellen soll.“

Nachdem er sich einige Male am Kopf gekratzt hatte und mit den Werkzeugen in kunstvollen Kurven um meinen Kopf geschlingert war, hatte er sich seinen Plan zurechtgelegt: „Den Kamm braucht man eigentlich eh für nix.“

Schon fing Michael an, seine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Eine halbe Stunde war mittlerweile vergangen, fast wie beim richtigen Friseur. Aber immerhin musste ich mich nicht mit einem blasierten Künstler abgeben, sondern mit einem gewissenhaften Handwerker, für den es selbstverständlich war, ein Lineal bei der Haareschneiderei zu benutzen. Er legte das Lineal an und schnitt genau nach Maß die erste Strähne ab. Dabei musste er, um die nötige Präzision zu erreichen, die Zungenspitze herausschieben. Ich merkte schon, da war ein wahrer Könner am Werk.

„So der erste Teil wäre geschafft. Der ist immer der schwierigste. Jetzt habe ich ja die Länge und kann das Lineal weglassen.“

In Rekordgeschwindigkeit schnitt Michael gerade – wie er meinte. – rundherum alle meine Haarspitzen ab. Dann entfernte er noch hie und da einzelne vergessene Haarbüschel. Zufrieden betrachtete er sein Werk. „So fertig. Ist ja ganz leicht gegangen. Das kann ich auch wieder machen, wenn ich immer ein Ohrloch dafür kriege.“

„Ganz fertig bist du aber nicht, schau mal“, ich hielt die vorderste rechte Strähne an die vorderste linke Strähne. Die linke war um gut zwei Zentimeter kürzer.

„Ach du hältst doch nur den Kopf schief.“

„Nein, sicher nicht. Du musst nochmal rundherum und alle gleich lang machen.“

„Aber so ist es doch viel stylischer, sowas hat längst nicht jeder.“

„Weil das niemand will. Also schneid schon.“

Die Situation hatte sich nun für Michael verschärft. Da er die Haare schief geschnitten hatte, nutzte ihm das Lineal nichts mehr. Nach einigen, beinahe schon mitleiderregendem Schnaufern besann er sich wieder auf den Kamm, den er so verächtlich zur Seite gelegt hatte. Nach der nächsten Schneidrunde betrug der Unterschied zwischen den beiden Vordersträhnen nur noch etwa einen Zentimeter. Michael meinte dazu nur: „Siehst du, es ist fast schon perfekt und du siehst wirklich prima aus. Damit habe ich die Wette gewonnen.“

Schon recht zermürbt beschloss ich, Michael nicht mehr zur perfekten Begradigung meiner Haare zu zwingen. Die Gefahr, am Ende der Prozedur kurze Haare zu haben, war zu groß. Trotzdem wollte ich Michael für den langwierigen Pfusch nicht noch belohnen, „Richtig gut hast du es aber nicht geschafft, ich habe gewonnen.“

„Wir haben doch nur gesagt, dass du am Ende nicht entstellt aussehen darfst. Schau dich in den Spiegel und sag mir, ob das wohl entstellt ist.“

„Wir haben gesagt, es muss aussehen, wie nach dem Friseur. Außerdem sieht es schon ein bisserl entstellt aus. Ich muss auf jeden Fall noch zum Friseur. Deshalb habe ich gewonnen.“

„Es ist gar nicht entstellt, aber weil ich großmütig und edel bin, lasse ich es zu, dass wir die Wette als unentschieden werten.“

Das war ja wirklich die Höhe, zuerst herumpfuschen und sich dann vor der Verantwortung drücken wollen. Ich wollte doch meine Gläser. „So geht das doch wirklich nicht. Nach allen Qualen, die ich durch deine Schneiderei erdulden musste und beim Friseur noch erdulden muss, will ich jetzt meine Gläser.“

„Dann machen wir es so, dass jeder seinen Einsatz bezahlen muss. Du musst doch selbst zugeben, dass ich mich wirklich bemüht habe und dass deine Haare nicht gar so arg aussehen, wie du jetzt tust.“

Damit konnte ich leben, ich würde meine Gläser bekommen. „Na gut, dann machen wir es halt so.“

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Schere, Kamm und Lineal

  1. yobumrushtheshow1 schreibt:

    Lol

  2. olerch schreibt:

    Das sind die besten Wetten, bei denen man gewinnt, wie immer es auch ausgeht. Auch schoen, wenn man mit den eigenen Männern so spielen kann.

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